The Zero Theorem

Ein kleines Satori im Abfallhaufen der Epochen: Terry Gilliam sucht nach dem Nichts in der Fülle.

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Alles wie gehabt in der Zukunft. Der Big Brother hat seine tausend Kameraaugen in jeden Winkel gezwängt und schaut nun den Menschen allgemein und dem leicht soziopathischen Leth Qohen (Christoph Waltz) im Speziellen beim Verzweifeln am Chaos namens Leben zu. Zwischen all den Sets von der Blade Runner-Resterampe mit ihren flimmernden Werbescreens ist es aber auch schwer, sich zu konzentrieren und den Unterschied zwischen Matrix und Wirklichkeit zu erkennen.

Aber ist es wirklich die Zukunft, in der sich der Glatzkopf Qohen mit den großen Fragen der Existenz à la „Gibt es ein Ich?“ oder „Was ist real und was virtuell?“ quält? Eher scheint The Zero Theorem eine mit allerlei Gerümpel aus historischen und fantastischen Welten zugemüllte Paralleldimension zu zeigen, eine retrofuturistische Abraumhalde, in der man noch Kabel an Telefonen und Computern hat, aber schon völlig in digitalen Welten verschwinden kann, die wiederum aussehen wie 3D-Benchmark-Tests von anno dazumal. Die Zukunft – wenn das denn der richtige Name für Gilliams Messie-Welten ist – schält sich nicht als eierschalenglatter, aseptischer Applewunschtraum aus den Aschen der abgelegten Epochen, sondern häuft nur immer mehr rudimentäre Organe abgestorbener Zivilisationen um sich.

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Die Trash-Ästhetik von The Zero Theorem, sein charmanter Pappmaché-&-Plastik-Look, seine rumpelige und quietschbunte Art machen ihn stilistisch zum späten Bruder von Gilliams großen Erfolgen Brazil (1985) und, minus die grellen Neonfarben und den allgemein satirisch-heiteren Grundton, Twelve Monkeys (1995). In allen Fällen scheint Gilliams Bildfantasie den Gesetzen der Entropie unterworfen: Wohin auch immer die Reise geht, es wird in jedem Fall unordentlicher, schmutziger, chaotischer. Doch in The Zero Theorem geht es eigentlich gar nicht um Fülle – sondern um das Nichts.

Gleich zu Beginn liegt der zivilisationsgestresste Qohen vor einem großen schwarzen Loch. Das schluckt zwar erst mal nur auf seinem Computerbildschirm alle umherschwirrende Materie, aber in seinem stillen majestätischen Kreisen hängt es schon halb drohend, halb erlösungsversprechend über all dem Wirrwarr, der noch folgen wird. Qohen soll nämlich als Strafarbeit für seinen Boss (Matt Damon) das unlösbare Zero-Theorem lösen, nach dem alles gleich nichts, hundert Prozent gleich null sein soll. Und dabei hat Qohen, dem sein ständiges Überwachtwerden nichts ausmacht, weil er „nichts zu verstecken hat“, vor nichts mehr Angst als vor dem Nichts.

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Monoton und mit deutschem Zungenschlag nuschelt Christoph Waltz alle Dialoge herunter, er ist als schwarz gekleideter Genuss- und Kontaktverweigerer ein Freak in einer Welt aus Hedonisten. Die Kamera folgt dabei den Gesetzen der Umgebung, ist ständig auf Kollisionskurs mit den cartoonhaft aufeinanderprallenden Körpern, filmt fast ausnahmslos aus schrägen und gekippten Winkeln. Die Welt ist aus den Angeln gehoben, und wie gleichgepolte Magneten stößt hier jeder Gegenstand den anderen ab. Nur Qohen zieht, als dickes Minus unter tausend Plus, gegen seinen Willen allerlei an. Eine in Netzwelt und Wirklichkeit gleichermaßen verlockende Hure beispielsweise (Mélanie Thierry), die Freundschaft eines eher raubeinigen Kollegen (David Thewlis) oder die stets zum unpassenden Zeitpunkt angestellten Analysen einer digitalen Therapeutin (Tilda Swinton).

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The Zero Theorem ist im Herzen eine schräge, kleine Erlösungsgeschichte. Qohen haust allein in einer heruntergekommenen Kirche, die außer ihm nur von Mäusen bewohnt wird. Ihn selbst nennt der Boss einmal den letzten „Gläubigen“, da er tagaus, tagein auf einen heilsversprechenden Anruf wartet, der selbstverständlich niemals kommt. Fast der gesamte Film spielt sich als wildes, holperiges Kammerspiel in dem ehemals sakralen Gemäuer ab, was einen maximal kreativen Umgang mit einem offensichtlich minimalen Budget darstellt. Wie sehr das Ganze Gilliam und seiner Starbesetzung Herzensangelegenheit gewesen sein muss, davon spricht die beizeiten fast debile Freude, mit der hier ziemlich alte Kühe der Utopie/Dystopie-Welten noch einmal geritten werden.

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Aber auch wenn The Zero Theorem manchmal auf eher unvorteilhafte Weise aus der Zeit gefallen zu sein scheint, vollbringt er gerade mithilfe seiner vollgepropften, schrillen Bilder eine feine philosophische Trickserei: Gedanken an das Nichts, an vollkommene Sinn- und Seinsleere, flößen uns Teilnehmern am materialistischen Spiel der Marktwirtschaft traditionell Panik ein. Wie dem guten Qohen. Unser religiöser Mainstream und seine profanen Abkömmlinge locken eher mit Gefühlen der Fülle und Reichhaltigkeit als mit dem ewigen Schwarz des Nirwana oder des Satori. Gilliam nun schafft es, selbstverständlich mit schelmischem Grinsen im Gesicht, diese Opposition zu einem Kreis zu beugen: Das „Mehr, mehr!“ der Konsumgier kollabiert irgendwann und zwangsläufig in ein Nichts, so wie die Sonne erst zur Supernova anschwellen muss, um dann in ein schwarzes Loch zu implodieren. Und die treffende Metapher dafür findet Gilliam, nun ja, im Abfalleimer. Denn was verstehen wir Dingmenschen – Recycling hin oder her – unter Müll anderes als das: Je mehr man davon hat, desto weniger weiß man damit anzufangen. Viel Ramsch ist gleich kein Nutzen. Okay, das ist höchstens eine Binsenweisheit. Aber wenn man die in so herrlich kaputte Bilder wie Gilliam verpackt, versteckt sich dahinter fast schon wieder ein bisschen Weisheit.

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