The Zero Hour

Killer aus dem Ghetto will Frau und Baby retten – und belagert mit seiner Brutalo-Gruppe ein komplettes Krankenhaus. Preisgekröntes aus dem harten Venezuela.

The Zero Hour 1

„Parca“ heißt zu Deutsch: der Sensenmann. Es ist der Name unseres Protagonisten (Zapata 666), eines aufgepumpten, an jeder Stelle des Körpers tätowierten Auftragskillers. Mit ärmellosem Kapuzenhemd und der schweren Knarre immer im Hosenbund gerät er binnen weniger Minuten in die menschliche Hölle: Seine hochschwangere Geliebte Ladydi (Amanda Key) wurde angeschossen und bangt um ihr Leben und das ihres noch ungeborenen Kindes. Mit einfachen Gurten wird sie an den Körper ihres Beschützers angeschnallt, der in seiner Mischung aus Wut und Verzweiflung sein Motorrad über die Straßen von Caracas treibt. Ein Krankenhaus muss her, am besten sofort. Nur schwierig, weil gerade Ärztestreik in der Hauptstadt Venezuelas herrscht. Parca nutzt das ihm vertrauteste Mittel, um die beiden Leben zu schützen: Gewalt. Sein Gegner ist die Zeit – die Lebensuhr von Frau und Kind hat bereits die letzten Minuten eingeläutet.

Bereits zu Beginn von The Zero Hour (La hora cero) wird der Zuschauer mitten ins Geschehen geworfen. Ein paar Bildfetzen am Anfang genügen, um klar zu machen, dass der Asphalt von Caracas täglich mit Blut gestrichen wird. Der Sensenmann und seine Truppe töten auf ihrem holprigen (und schnell geschnittenen) Weg ins Hospital gleich mehrere Menschen, natürlich auch Unbewaffnete. Das Leben ist hier nichts wert, das weiß auch Parca. Er setzt alles auf eine Karte und kidnappt alle Insassen der Heilanstalt. Zerstörung und Heilung der Physis kulminieren in wenigen, klaustrophobisch inszenierten Räumen. Die Kamera ist dabei stets dicht am Geschehen, fängt einzelne mimische Regungen der Protagonisten gezielt ein und vermittelt ein Gefühl der unmittelbaren Abhängigkeit. Die mehrmalige affektive Bedrohung des leitenden Arztes durch Parca beispielsweise wird immer auch sogleich ad absurdum geführt und spiegelt so gleichzeitig die grausam-perverse Grundstimmung des Films.  

The Zero Hour 2

In nur wenigen, über den gesamten Film verteilten Rückblenden erfährt der Zuschauer mehr über die Vorgeschichte von Parca und Ladydi. Die kurzen Vergangenheitsbilder stechen durch eine sichtbare Wärme heraus, deren Rot- und Orangetöne mit dem Heranwachsen der Jugendlichen immer finsterer wirken, bis schließlich die Farbe des Herzens von jener der Gewalt nicht mehr unterscheidbar ist. Die Jetztzeit dagegen sieht gräulich-trostlos aus, Hass und Kälte herrschen. Alle sind korrupt und gewalttätig, gerade auch die Patrouille der Gesetzeshüter, deren oberster Befehlshaber, der General, aus Eigennutz handelt und hinter seiner kontrolliert-abweisenden Art eigene Ängste versteckt. Die Verbindung zwischen ihm und seiner geiselnehmenden Nemesis wird durch die jüngste Figur im Film symbolisiert: Das Baby ist permanent in Lebensgefahr, seine physische Hilflosigkeit lässt das Ausmaß der allgegenwärtigen Gewalt als absolut unbezwingbar, ja geradezu biblisch erscheinen.

The Zero Hour 3

Geht man nach etablierten Mustern der Heiligen Schrift, lässt sich die Entwicklung einiger Figuren in The Zero Hour gut voraussehen. Aber auch, wenn gleich zu Beginn ein riesiges Holzkreuz aus Vogelperspektive gezeigt wird oder im weiteren Verlauf eine ältere Frau sich über die freventliche Art der Kidnapper beschwert, tritt die religiöse Symbolik deutlich hervor. Die Medien sind in Gestalt einer Live-Show eines TV-Nachrichtensenders geradezu omnipräsent. Mehr als nur ein satirischer oder kritischer Kommentar, beeinflusst sie den Lauf der erzählten Geschichte nachhaltig: Die junge, ehrgeizige Reporterin Verónica (Marisa Román) wird mit ihrem Kameramann bei dem Versuch, aus größtmöglicher Nähe vom Krisenort zu berichten, von den Verbrechern gefangengenommen, die die Macht des Fernsehens im weiteren Verlauf für eigene Statements nutzen.

Diese lassen sich im Zusammenhang mit der permanenten Gewalt in The Zero Hour auf einen Satz reduzieren: Nur die wenigen Reichen erhalten in Krisenzeiten medizinische Versorgung – der große Rest verreckt auf der Straße. Parca, der Schlächter, schwingt sich kurzzeitig zum Robin Hood der Armen und Kranken auf – eine geradezu kindliche Wunschvorstellung, die durch gekonnten Schnitt auf frühere Illusionen des noch jungen Parca rückbezogen wird. Und an dieser Stelle muss man unbedingt das Schauspieltalent des Musikers Zapata 666 hervorheben, der, hier debütierend, der Hauptfigur neben roher Gewalttätigkeit gleichzeitig Verletzlichkeit und Naivität verleiht. Seine zahllosen Tattoos mögen je für ein Menschenopfer stehen, seine kleinen braunen Augen gleichen denen eines verängstigten Jungen.

The Zero Hour 4

Neben dem Hauptdarsteller wurde der gesamte Film bereits 2009 beim Féstival de Merida Venezuela in den Kategorien „Beste Regie“, „Bester Film“ und „Bester Schnitt“ ausgezeichnet und ab 2010 international vermarktet.

Trailer zu „The Zero Hour“


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