Die Karte meiner Träume

Wilder Westen und Wissenschaft in samtigen Traumbildern: Jean-Pierre Jeunet gründet eine neue Kolonie in seinem Kosmos.

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Frankreich ist ausgerodet. Allein nach dem Sehen von Die fabelhafte Welt der Amélie (Le fabuleux destin d'Amélie Poulain, 2001) und Micmacs – Uns gehört Paris (Micmacs à tire-larigot, 2009) hatte man als Zuschauer den Eindruck, Hyperstilist Jean-Pierre Jeunet habe sich bereits über jedes Fleckchen Paris hergemacht, es völlig an sich gerissen, um es in einen ausufernden, skurrilen Bilderbogen zu transformieren. Der wird nun erweitert. Die Karte meiner Träume (The Young and Prodigious T.S. Spivet, 2014), seine penibel durchkomponierte Romanadaption über ein Wunderkind aus dem amerikanischen Nirgendwo, kann als konsequente Fortführung dessen betrachtet werden, als ein neues Kapitel, das nahtlos an alle anderen anschließt und doch in einem anderen Licht erscheint. Wie ein fremder Siedler, der sein altes Territorium abgeholzt hat, macht Jeunet sich über unbetretenes Neuland her, bebaut und kultiviert es nach heimischem Vorbild.

Schöne Vergänglichkeit der Szenarien

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Und schon wird der neue Kontinent einmal komplett durchquert: Ausnahmetalent T.S. soll (Kyle Catlett) im Smithsonian Institute den berühmten Baird-Award entgegennehmen, denn er hat das Perpetuum mobile erfunden. Weil auf der Spivet-Ranch eh der Haussegen schief hängt, macht er sich nach anfänglichem Zaudern auf den Weg und verlässt die elterliche Farm in Montana. Es dauert nicht lange, festzustellen, dass hier routinierte Rhythmik wirkliche Originalität überschattet. Richtig überraschend ist nur sehr wenig, doch erhaben erstreckt sich die wirkungsvolle Mise en Scène über das Cinemascope-Bild und wird zur Waffe der Wahl. Bei Jeunet regiert die affektive Steuerung von Anfang bis Ende. Einige Fragmente aus dem Spiel der Spivet-Brüder öffnen das Tor zu dieser Welt, kindlicher Blödsinn mal im Bollerwagen, mal auf Ölfördertürmen, von Weitem und aus teleobjektivisch geraffter Nähe. Eigenheiten der Hauptfiguren werden präsentiert mit Zooms, mit Split Screens, in rapider Abfolge.

Ein Kosmos der Kurzlebigkeit. Noch versucht man als Zuschauer, die unendlichen Hallen des Smithsonian Institute, in dem T.S. nach langer Reise endlich ankommt, zu erfassen, da bannt einen schon das klinische, unnatürlich grelle Blau eines kuriosen Untersuchungszimmers, in dem die Gehirnströme des Wunderkindes gemessen werden. Kurz darauf ein ausladendes Bankett. Schlag auf Schlag löst ein aufregendes Bild das nächste ab, sodass ein Eindruck den vorhergehenden zwangsläufig wieder löscht.

Altbewährtes im neuen Glanz

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Die Handlung bleibt dabei so flach wie belanglos, fetzenweise blättern die allzu dünnen Schichten des Drehbuchs von der malerischen Oberfläche herunter, bis schließlich eine recht schale Katharsis am Zuschauer rüttelt. Es ist das Festhalten am Klassisch-Familiären, das besonders am Ende überdeutliche Formen annimmt. Dass sich das finale Zusammentreffen von Mutter und Sohn als gut gemeinter Aphorismus verstanden wissen will, steht außer Frage, und letztlich erscheinen gar die Figuren als individuelle Charaktere gleichgültig, denn sie bleiben nur wunderbar austauschbare Werteverkörperungen in Form zweckmäßiger äußerer Erscheinungen. Die griesgrämige Vaterfigur, die gegensätzliche Schwester, der geheimnisvolle Weise in Gestalt des Clochards, sie alle sind ein Sammelsurium stilgerechter Gesichter, Mimiken und Gestiken.

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Es ist dennoch schön, sich all dem zu ergeben, denn es schleppt sich viel Traurigkeit durch die hellen Bilder. Sie sind geradezu beseelt von einer latenten Melancholie, die wie eine transparente Schicht auf dem ausgestopften Wild im heimischen Wohnzimmer liegt oder den sehnsüchtigen Fensterblicken aus dem Zug hinaus ins geheimnisvolle Amerika. Und tatsächlich reichen schon der bloße Ortswechsel und die neue Schauspielerriege, um Jeunets Bilderwelt, die sich nun über das in kräftigen Brauntönen erstrahlende Land und die kargen Städte Amerikas erstreckt, nicht sofort wie die ewige Extension und Selbstreproduktion des altbekannten Universums erscheinen zu lassen. Ein schöner Gastauftritt von Dominique Pinon, der als bärtiger Landstreicher erst beim zweiten Hinsehen kenntlich wird, bringt diesen Umstand paradigmatisch auf den Punkt.

Wissenschaft in Bewegung

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Dass dazwischen auch viel Wissenschaft in Erscheinung tritt, ist da nebensächlich, zumal sie sich bruchlos in das überbordende Zeichenuniversum einfügt. Die eigentlich starren Gebilde aus Zahlen, Linien und Objekten müssen hier in Bewegung gebracht und in eine Form gepresst werden, die das trockene Schaubild in ein taktiles, emotionales Erlebnisbild verwandelt. Die Käfer, die die Mutter erforscht, reihen sich endlos über die Leinwand, dicht gedrängt streben sie in die Tiefe des Raumes einem unsichtbaren Fluchtpunkt entgegen. Sie sind ihrer Funktion als Untersuchungsgegenstand gänzlich enthoben und Teil des märchenhaften Ganzen.

Fantasie fängt da an, wo Wissenschaft aufhört, heißt es einmal zu Beginn des Films. Auf Jeunets filmischen Spielwiesen und besonders in Die Karte meiner Träume kann Wissenschaft gar nicht erst bestehen. Alles Rationale, alles Ergründbare ist hier Rudiment einer Welt jenseits des Kinosaals, deren Logik Jeunet zwar nicht leugnet, die er aber für sich umzuformen weiß. Hier ist nur das Fantastische eine Wissenschaft, auch wenn sie sich mit jedem Film Jeunets mehr und mehr erfassen und ausbuchstabieren lässt. Doch wenn das Feld immer weitere Kreise zieht, dann bleibt die Beschäftigung mit ihm – für die kurze Zeit des Kinobesuchs zumindest – verlockend.

Trailer zu „Die Karte meiner Träume“


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