The Young Pope

Der Glaube ist der Glaube an den Glauben: Paolo Sorrentinos erste Fernsehserie ist die derzeit vielleicht klügste Auseinandersetzung mit dem Katholizismus. Jetzt ist sie auch hierzulande erhältlich.

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Die Geschichte von Paolo Sorrentinos Serie The Young Pope ist eine Geschichte des Erscheinens – und als solche ist sie eine Art Katalog von verschiedenen Weisen des Erscheinens, von den profanen bis hin zu den sakralen. Es beginnt damit, dass sich Lenny Belardo (Jude Law), der einstige Erzbischof von New York, aus einem gigantischen Berg aus Babykörpern mitten auf dem Markusplatz in Venedig schält, dass ihn dieser Körperberg förmlich ausspeit, ihn gebiert; den weißen Talar und den weißen Pileolus trägt er da bereits. Von vornherein ist die Erzeugung des päpstlichen Körpers ein phantasmagorischer, nekromanter, kontrabiologischer, allegorischer Vorgang – ein Vorgang, der, da ist die Serie noch keine Minute alt, bereits eine unheimlich komplexe Weise des Erscheinens zeigt: eine symbolische Weise – einen Symbolkörper, ein Körpersymbol. Ein Körper mit unzählbar vielen Eltern: Babyeltern.

Kadenzen, Ornamentik und Serialität

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Wenn man sich Sorrentinos Werk vor Augen führt, erklärt sich schnell, mit welchem Interesse sich der Regisseur von Il Divo – Der Göttliche (2008), La Grande Bellezza (2013) oder Ewige JugendFilm (La giovinezza, 2015) dem Vatikan, seinem Personal, seinen Räumlichkeiten und seinen inneren Abläufen nähert – und auch, mit welchem Interesse er sich dem Medium der Fernsehserie nähert. Sorrentino ist ein Fetischist, ein Ästhet, der sich stets weniger für die Zielrichtung von Bewegungen interessiert und immer mehr für die Posen, die eine Bewegung zeitigt. Es geht weniger um Anschlüsse, weniger um die Frage, welche neuen Bewegungen durch Bewegungen freigesetzt werden, wie sich die einen in die anderen fortsetzen, wie daraus Handlung entsteht. Es geht vielmehr um die Binnenorganisation einer einzelnen Bewegung, um ihre choreografischen Aspekte, ihre Ornamentik, und in diesem Sinne auch um ihre Isoliertheit und Eigenwertigkeit, ja, ihre Einheit.

Alleine in diesem Bewegungsprinzip steckt schon ein serielles Denken. Schon Sorrentinos Filme waren seriell organisiert, schon dort gab es strenge Binnenuntergliederungen, ständige Abschluss- und Startgeschehen, ständige Formierungen zur Pose und zum Ornament, ständige Vollendungsfantasie, ständige Kadenz. Vom zukunftsschwangeren Prinzip des Cliffhangers hält Sorrentino entsprechend wenig. Im Gegenteil, die meisten Episoden von The Young Pope wollen förmlich enden, wollen endend Form werden, wollen in einer letzten szenischen Einheit, meistens getragen von der Einheit eines Popsongs, einen Abschluss finden, wollen Zeremonie sein – scheinen von einem inwendigen Gesetz durchwirkt, das sich nur in einem Schluss vollständig exekutieren kann.

Ästhetischer Katholizismus

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Wer in The Young Pope also nur eine aufgedonnerte Persiflage auf den Katholizismus sieht, übersieht, wie, man muss fast sagen: orthodox, Sorrentinos serielles Denken an einer liturgischen Rhythmik hängt. Bevor es in dieser Serie also um Brüche mit der (realweltlichen) vatikanischen Außenwirkung geht, um einen Papst, der die Geduld verliert, wenn das Feuerzeug, mit dem er seine Zigarette anzünden will, nicht anspringt, bevor es um eine blasphemische Fantasie über das pontifikale Privatleben, über die unsichtbaren Vorgänge hinter den massiven Mauern der Papstresidenz geht, ist The Young Pope in einer grundsätzlichen Hinsicht erzkatholisch. Und das ist auch gut so. Sorrentinos ästhetisches Interesse am Katholizismus, seinen visuellen Ordnungen und seiner Rhythmik, ist nicht weniger ernst zu nehmen als etwa Carl Theodor Dreyers oder Ingmar Bergmanns ästhetischer Protestantismus. Nur so, indem er sich ästhetisch zum Katholizismus bekennt, gelingt Sorrentino diese großartige Geschichte des Erscheinens, die er über zehn Folgen hinweg erzählt und die, soviel sei gespoilert, auf die vollständige Apotheose Lennys hinausläuft – auf eine Erscheinung des menschlichen Körpers als Gottes Sohn.

Macht ist ihr Erscheinen

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Aber wie erkennt man Gottes Sohn? In seiner am tiefsten liegenden Schicht scheint The Young Pope eben diese Frage zu stellen. Fast dezidiert weist die Serie selbst auch zurück, was dem schnellschießenden Feuilleton vielleicht an erster Stelle in den Sinn kommen mag: der Vergleich mit Politserien wie House of Cards oder neuerdings Designated Survivor. Klar, dass der Papst auch ein Staatsoberhaupt ist; nur ist Sorrentino an politischen Prozessen quasi gar nicht interessiert. Die Verschwörungen, die hinter dem Rücken des bald unliebsam werdenden Papstes in den vatikanischen Gärten stattfinden, das Getuschel unter den Kardinälen (unbedingt hervorzuheben ist der großartige Silvio Orlando, der Kardinal Voiello spielt), selbst der Austausch von pikanten USB-Sticks, auf denen sich Material befindet, das den Papst (und damit eben auch den kompletten katholischen Apparat) zu Fall bringen könnten, all das spielt im Grunde keine Rolle, all das verläuft sich, ohne dass man der Inszenierung den Vorwurf machen könnte, dass sie es ausversehen erstickt hätte – denn es ist der Glaube, der die Konspiration erstickt. Einmal sehen wir Lenny, mittlerweile Papst Pius XIII, mit dem italienischen Premierminister im Audienzzimmer, wir sehen einen brutalen Schlagabtausch, implizites und explizites Drohen, wir sehen Machtgebärden und Souveränitätsverschiebungen. Und doch spielt all das im nächsten Augenblick keine Rolle mehr. Wenn es um Macht geht, geht es nicht um das Freisetzen von Handlungen, sondern eben um die Gebärde, die sie möglich macht – um die Erscheinung von Macht.

Der päpstliche Jogginganzug

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Besonders zentral in diesem Zusammenhang ist eine Szene in der fünften Episode, in der Lenny das erste Mal zu den Kardinälen spricht und den Fahrplan für die katholische Kirche unter seinem Pontifikat ankündigt. Die wuchtig goldgezierte Robe trifft in einer riesigen Holzkiste ein, Lenny blickt mit autoerotischer Befriedigung auf das Gewand, lässt sich zum Song „I'm Sexy And I Know It“ einkleiden, lässt sich mit Stoff und Silber ummanteln, bis der (menschliche) Körper förmlich verschwindet, bis nur noch eine gigantische aus unzähligen Stoffschichten bestehende Erscheinung übrig ist. Dann lässt er sich von mehreren Trägern und angeführt von Ministranten vor die Kardinäle hieven – die Arme ausgestreckt, die Augen an die Decke gerichtet. Zum Schluss lässt er sich, nachdem er sie auf seinen radikalen, fundamentalistischen Weg eingeschworen hat, von jedem einzelnen der Rotweißgekleideten, die alle noch als Menschen sichtbar sind, die Füße küssen. Der göttliche Körper und die sexuelle Lust – das ist eine Variation des Erscheinens des Gottessohnes. Eine andere: der popobetonende, päpstlich-angemessen cremeweiße Jogginganzug für den abendlichen Freizeitkomfort. Auch Jesus, oder eben sein Nachfolger, haben Feierabend.

Der Glaube als Ergebnis der Zweifel an ihm

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Was Sorrentino aus Jude Law, seiner sonnigen Attraktivität, seinem athletischen Körper, herausholt, ist fulminant, gerade weil er diesen Körper in ein ständiges Spiel aus Freigabe (halb nackt beim Workout) und Einkassierung (eingehüllt in schweren Stoff) eintreten lässt. In diesem Spiel spiegelt sich auch, dass sich Papst Pius XIII den Gläubigen nicht zeigt, dass er nicht vor die Katholiken tritt, aber nachts von einem Leben als päpstlicher Popstar träumt. Mit Jude Laws Schauspielerkörper bespielt Sorrentino fast jedes Register eines körperlichen und eben körperlosen Erscheinens. Der Papst und sein Amt sind in dieser Bespielung gewissermaßen Platzhalter für eine Grenzöffnung zwischen einer göttlichen und einer menschlichen Ordnung, zwischen der irdischen und der divinen Körperlichkeit. Der päpstliche Körper ist dabei das Medium, das zwischen den Ordnungen kommuniziert.

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Und weil The Young Pope die Medialität des päpstlichen Leibes über fast zehn Stunden beständig weiterentwickelt, umdefiniert, ja immer weiter entgrenzt, liegt im apotheotischen Finale der Serie auch nicht die geringste Spur einer blasphemischen Schenkelklopferei. Ganz im Gegenteil: The Young Pope sucht förmlich nach dem Glauben. Die Idee, dass dieser eine fixe und konstante Größe sei, ist der Serie völlig fremd. Der Glaube ist das Ergebnis der Zweifel, die ihn stören – und Lenny ist gerade als zweifelnder der gläubigste Papst aller Zeiten. In diesem Sinne ist die Bewegung über die einzelnen Folgen, die einzelnen Weisen des Erscheinens hinweg, eine, die zum Glauben finden will und eben deshalb glaubt. Nichts ist leichter, als sich über den Katholizismus lustig zu machen. Das kann nun wirklich jeder. Sorrentino aber rührt an den Urparadoxa des katholischen Systems, indem er, seine Serie und deren spezifische Serialität sich auf den Glauben einlassen. Indem sie glauben wollen. Das kann nicht jeder.

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Kommentare


ule

Danke , Lukas Stern. Was für ein Highlight ! Wir haben ein gutes Heimkino und sind nicht mehr rausgekommen . In einem Stück durchgeschaut- mit 2 Mini-Pausen, für Wein, Essen und .... Absoluter Peak-Level an Drehbuch, Schaupieler, Musikeinsatz und Filmhandwerk. Puh, die Perfektion Sorrentinos hat uns -darüber hinaus- den Atem geraubt. Opus Magnum.






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