The Wrestler

Ganz unten: Darren Aronofsky zeigt mit ungewöhnlich bescheidenen filmischen Mitteln den täglichen Überlebenskampf eines abgehalfterten Wrestlers.

The Wrestler

Randy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke) hat seine besten Tage längst hinter sich gelassen. War er in den 80er Jahren noch ein bekannter Wrestler mit großer Fangemeinde und eigenen Action-Figuren, ist er zwanzig Jahre später in einem heruntergekommenen Trailerpark angekommen. Neben seiner Arbeit als Wurstverkäufer in einem Supermarkt quält sich Randy auch hin und wieder für kleinere Veranstaltungen in den Ring. Seine einzige Bezugsperson ist die Stripperin Cassidy (Marisa Tomei), die seine ständigen Avancen jedoch resolut abblockt. Als Randy nach einem besonders blutigen Kampf einen Herzinfarkt erleidet, scheint es mit seiner Karriere endgültig vorbei zu sein.

Aronofsky entwickelt sich weiter

Darren Aronofsky erzählt in The Wrestler von einem Mann, der sich am Tiefpunkt seines Lebens befindet. Seinen einstigen Ruhm vermittelt der Film nur während des Vorspanns und das auf sehr abstrakte Weise: Zu den Klängen von Randys Einzugsthema, Bang Your Head von Quiet Riot, tastet sich die Kamera über eine Collage aus alten Plakaten, Zeitungsartikeln und Magazin-Covern. Sobald der Vorspann vorbei ist, vollzieht der Film einen zwanzigjährigen Zeitsprung in einen Hinterhofclub, in dem sich der ausgebrannte Randy die Seele aus dem Leib hustet. Wie Aronofsky hier mit einfachen Mitteln Karriere und Abstieg seines Helden abhandelt, ist bezeichnend für den gesamten Film.

The Wrestler

Stilistisch könnte The Wrestler nicht weiter entfernt sein von Aronofskys früheren Filmen. Mit Pi (1998) und Requiem for a Dream (2000) entwickelte er eine düstere, clipartige Ästhetik, die deutlich an Regisseure wie David Lynch und Shinya Tsukamoto angelehnt war. Schon der esoterische Science-Fiction-Film The Fountain (2006) war mit seinen verschiedenen Erzählebenen ein stilistischer Bruch zu den vorherigen Filmen, doch in The Wrestler überwindet Aronofsky endgültig die verspielte Inszenierung vergangener Tage und bedient sich einer geradlinigen Erzählung sowie einer bescheidenen, ganz der Handlung und Hauptfigur verpflichteten Inszenierung.

Ein Mythos wird entzaubert

Mit kühlen Handkamerabildern ist der Film immer ganz nah dran an Hauptdarsteller Mickey Rourke, der den Film allein mit seiner Erscheinung zu tragen weiß. Rourke benötigt für seine Darstellung keine Maske, sondern hat selbst ein vom exzessiven Leben gezeichnetes Gesicht, das eines der wirkungsvollsten Mittel des Films ist. Hinsichtlich Rourkes Vergangenheit als Sexsymbol der 80er Jahre teilt der Schauspieler auch etwas Entscheidendes mit seiner Figur: Beide scheinen einer vergangenen Ära anzugehören.

The Wrestler

Mit seiner vom Schicksal gebeutelten Hauptfigur hat The Wrestler durchaus Züge einer typischen Fallgeschichte, bei der es nur darum geht, seinem Protagonisten beim Scheitern zuzusehen. Zwar befindet sich Randy schon zu Beginn des Films scheinbar ganz unten, doch im Verlauf der Handlung bleiben ihm auch weitere erniedrigende Situationen nicht erspart: Wie er im Supermarkt den Schikanen älterer Damen ausgesetzt ist, bei einer Autogrammstunde für gealterte Wrestler vergeblich auf eigene Fans wartet oder Zurückweisungen von Cassidy und seiner Tochter, zu der er nach Jahren der Trennung wieder Kontakt sucht, erfährt. Aronofsky schickt seinen gutmütigen Wrestler jedoch nicht auf einen Kreuzweg, wie es Lars Von Trier gerne mit seinen selbstlosen Märtyrerinnen tut, sondern gönnt ihm auch immer wieder vereinzelte optimistische Augenblicke.

Mit der Figur des Randy entzaubert Aronofsky gewissermaßen den Mythos einer Sportart, in der sich alles um die richtige Inszenierung dreht. Der Film zeigt wie sich Randy bühnenfein macht, in dem er sich die Haare blondiert und die Achseln rasiert oder wie er sich während eines Kampfes heimlich mit einer Rasierklinge verletzt, um den dramatischen Effekt eines Angriffs zu steigern. Diesen Blick hinter die Kulissen setzt The Wrestler eher beiläufig als skandalträchtig in Szene. Selbst wenn Aronofsky zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit sich die Wrestler Steroide spritzen, denunziert er seine Figuren oder den Sport dadurch nicht. Dafür werden die Wrestler im Film, etwa im Gegensatz zu den eher biestig gezeichneten Frauen, auch zu sehr als kollegiale und warmherzige Menschen dargestellt.

The Wrestler

Randy ist das typische Produkt einer White-Trash-Kultur, die sich nicht nur in den Kraftprotzereien des Wrestling manifestiert, sondern auch im Metal und Hardrock der 80er Jahre. So ist es nur konsequent, dass sich auf dem Soundtrack des Films mit Bands wie Rat Attack, Guns N’ Roses und den Scorpions auch zahlreiche Vertreter dieses Genres befinden. So wie Randys Karriere starb auch diese heute gerne belächelte Musikrichtung zu Beginn der 90er Jahre. In einer der wenigen ausgelassenen Szenen des Films, - Randy und Cassidy trinken ein Bier in einer Bar, während der Metal-Klassiker Round and Round von Ratt aus den Boxen dröhnt -, darf sich Aronofskys in die Jahre gekommener Held noch einmal schwermütig in die 80er zurück träumen: Jene Zeit, in der er noch ein Star war und die „Cobain Pussy“ der Rockmusik noch nicht den Spaß ausgetrieben hatte.

Trailer zu „The Wrestler“


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Kommentare


Lord Madness

Dunkle Seiten des Wrestlings

Dieser Film hat alles, er zeigt die Schattenseiten der Wrestler auf. Er zeigt nicht die Kunterbunte tolle Welt sondern, wie dreckig es einem gehen kann.


Moostierchen

"So wie Randys Karriere starb auch diese heute gerne belächelte Musikrichtung zu Beginn der 90er Jahre."
Soso, wer hat sich denn den Schrott ausgedacht??
Von wegen Metal ist tot...
Derjenige, der so etwas schreibt sollte sich vorher wohl ein bischen erkundigen und nicht schreiben was ihm womöglich im Traum durch den Kopf gegangen ist.


Astrid

von ganz unten nach relativ weit oben. dieser film ist so authentisch mit dem hauptdarsteller verbunden wie kein zweiter. es ist unglaublich wie er mickey rourkes eigenes leben wiederspiegelt. kein anderer hätte diese rolle übernehmen können.
ich habe diesen film heute gesehen und bin immer noch sprachlos und nachdenklich zugleich.
es ist ein gewaltiger sprung von seinen früheren filmen zu dem heutigen. wie im wahren leben halt. einfach grandios und ganz großes kino. hätte meiner meinung nach voll zu recht den oscar verdient. ist aber nicht alles im leben. viel wichtiger, mickey ist wieder da und wird hoffentlich noch in mehr solcher filme präsent sein.


prot

Es gibt Momente im Kino, die will ich einfach nur für mich haben. Kein aufgeregt-freudiges Gemurmel in den Sitzen, während die Werbung läuft; kein zwanghaft-verkrampftes Palaver nach (oder im allerschlimmsten Fall während) des Abspanns. Ich will dann einfach meine Ruhe – und ja, ich will mir verdammt nochmal mein Recht herausnehmen, mich ohne Rücksicht auf andere danach so richtig scheiße fühlen zu dürfen.

Als ich vor einigen Wochen den Trailer zu „The Wrestler" sah, wusste ich gleich: Das ist ein solcher Film; einer, den ich für mich haben will; einer, bei dem ich dieses Gefühl zelebrieren kann, „unsichtbar“ zu sein - verbunden mit der befriedenden Erkenntnis, dass Reflektion über andere nicht nötig ist, um zu spüren, dass man lebt.
Wie schwer es aber in der Regel fällt, dies einzusehen (weil wir dummerweise einen Großteil unseres Lebens mit der Suche nach kurzen Bestätigungs-Kicks verbringen) und wie einsam diese Suche machen kann - das ist der Stoff, aus dem die gebrochenen Kino-Helden sind.

Mittlerweile hat sicherlich jeder gelesen, wie groß die Parallelen zwischen dem abgehalfterten Schauspieler Mickey Rourke und dem abgehalfterten Wrestler Randy „The Ram“ sind; dass Darren Aronofsky ihn unbedingt für seinen Film wollte, dafür aber partout keinen Geldgeber auftreiben konnte; dass er daraufhin Nicolas Cage für die Rolle gewann; dass schließlich wie durch ein spätes Wunder doch ein Studio bereit war, das Wagnis „Rourke“ einzugehen; dass Cage ihm wiederum sofort den Vortritt ließ - weil er genau wusste, dass „The Wrestler“ nicht seine Geschichte, sondern die Geschichte eines anderen ist.

Es war einmal vor langer Zeit...

...in den 80ern, um genau zu sein...da war Mickey Rourke ein gefragter Typ, ein wasch(brettbauch)echtes „Sex-Symbol“ - das allerdings darüber hinaus auch einige richtig gute Filme gedreht hat („9 ½ Wochen - diese Hochglanzbroschüren-Anzeigenschaltung, die für mich so erotisch war wie ein Krapfen - klammere ich da mal aus). Doch die 80er liegen weit hinter uns. Rourke beschloss, Profiboxer zu werden und sich auch ansonsten mehr schlecht als recht durchs Leben zu prügeln.
Mit dem Wissen um die Vermischung von Fiktion und Realität hätte "The Wrestler" auch leicht ein voyeuristisches Schauspiel werden können; der Zuschauer als mehr oder weniger freiwilliger Besucher eines Striplokals. Darüber hinaus lauert bei einer derartigen Geschichte der Sozialkitsch praktisch an jeder Ecke.

..."hätte".

Denn Darren Aronofsky hat sich gleichsam seines Darstellers allem entledigt, wofür seine Arthouse-Arbeiten ("Pi", "Requiem for a dream", "The Fountain") bislang standen und fand passend zu Rourkes Interpretation die perfekte visuelle Umsetzung. Fast dokumentarisch wirkt die verwackelte Handkamera, die "The Ram" im diskreten Abstand begleitet oder einfach nur folgt. Nie giert sie nach Close-Ups, sondern nähert sich in wenigen Momenten, und selbst dann sehr behutsam diesem erstarrten Gesicht in Agonie. Kein kitschiges Score verwässert die Bilder, vielmehr dröhnt einem immer wieder 80er-"Hair Metal"-Müll in den Ohren. Ein Paradestück des Minimalismus, des Understatements.

Was mich wieder zum Ursprung zurückführt: zu diesem (vormals) abgehalfterten Schauspieler Mickey Rourke. Es gibt Darsteller, die sind so leicht zu parodieren wie Politiker. Pacino ist mittlerweile so einer, und bis vor wenigen Jahren dachte ich noch, Nicholson gehört auch dazu (was er mit "Das Versprechen" und "About Schmidt" grandios wiederlegt hat). Nicht auszudenken, was ein derart eitler Mime aus "The Wrestler" gemacht hätte. Sicher ist: Der Film wäre nicht nur nicht derselbe, sondern schlicht und ergreifend "falsch". Rourke trägt jede einzelne Einstellung, ohne auch nur ein einziges Mal eitel zu werden. Ein zurückgenommeneres und genau deshalb berührenderes und wahrhaftigeres Spiel habe ich lange nicht gesehen.

Randy "The Ram" ist nicht Rocky Balboa, "The Wrestler" erzählt keine Märchengeschichte, Katharsis ist eine uralte Illusion und jede Art von Erkenntnis nur der allererste Schritt auf dem steinigen Weg zu ewig erträumter Veränderung. Das nötige Durchhaltevermögen hierfür haben die unechten Kinohelden en masse, echte Menschen dagegen selten. So ist "The Wrestler" ein Film über das ewig wiederkehrende Scheitern - eine Erfahrung, die uns allen wesentlich vertrauter ist als Heldentum. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein kleines Stückchen privates Glück. Solange der Mensch darauf hoffen kann, fällt ihm alles leicht, sogar das Schwere. Sobald aber diese Hoffnung stirbt, stirbt auch der Mensch.

In der Reihe vor mir saßen noch zwei „Einzelkämpfer“; noch zwei, die diesen Film ebenfalls für sich haben wollten; noch zwei, die genau wie ich der Meinung sind, dass großes Kino kein netter Zeitvertreib ist, sondern im besten Fall eine Erfahrung, die uns für den Rest unseres Lebens begleitet; noch zwei, für die in einem solchen Moment Spanner unerwünscht sind. Zwei Gleichgesinnte.
Die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt.






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