The Working Girls

Ungeahnte Allianzen zwischen L.A. und München: In Stephanie Rothmans relaxter südkalifornischer Lebens-, Arbeits- und Liebesgemeinschaft kann man es bis zur Weltrevolution gut aushalten. 

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„I can do all the work, and you can relax“, bietet Honey (Sarah Kennedy), eine junge Blondine mit einer leicht quietschigen Stimme, einem Restaurantbesitzer an. Sie hat kein Geld, um ihre Rechnung zu begleichen, und schlägt vor, ihre Schulden in seinem Laden abzuarbeiten. Aber da hat sie Pech: „I’m already relaxed“, entgegnet der Restaurantbesitzer. Als er gleich darauf andeutet, dass er eine andere Art von Dienstleistung unter Umständen als Bezahlung akzeptieren würde, fängt Honey an, sich gleich mitten im Laden auszuziehen. Das ist ihm nun auch wieder nicht recht.

Das voyeuristische Regime wendet sich gegen sich selbst

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Drei working girls teilen sich in Los Angeles ein Apartment mitsamt Betten, und manchmal auch mitsamt der Männer, die drin liegen. Honey ist eine Vorläuferin von Nomi aus Paul Verhoevens Showgirls (1995) und Jesse aus Nicolas Winding-Refns The Neon Demon (2016): eine junge Frau, die mit nichts außer dem, was sie am Leib trägt, in die große Stadt reist, um ihr Glück zu machen. Dem anfänglichen Strip im Restaurant zum Trotz hat sie allerdings nicht vor, dafür ihre körperlichen Reize einzusetzen. Jill (Lynne Guthrie) dagegen, die zu Beginn in einem Stripclub als Kellnerin arbeitet, wagt sich bald ebendort auf die Bühne. Weil sie zunächst nervös ist, rät ihr eine Kollegin, sich als Entspannungsübung die Zuschauer nackt vorzustellen. Rothmans Film übernimmt diese Anregung: Wenn ein Gegenschnitt während der Stripshow ein nacktes Publikum offenbart, wendet sich das voyeuristische Regime gegen sich selbst.

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Überhaupt filmt Rothman mindestens ebenso oft nackte Männer wie nackte Frauen. „Have you never seen a banana?“, fragt einer dieser stets äußerst entspannt wirkenden Nackten Honey; er meint aber die Frucht, die er in der Hand hält. Die Dialoge sind, wenn sie bei solchen lahmen Witzen landet, schon etwas stählern. Aber das macht nichts. The Working Girls will nicht auf geschliffene Screwball-Schlagabtäusche hinaus und auch nicht auf hintersinnige Anzüglichkeiten. Eher fühlt sich der Film so an wie die Bilder, die Denise (Laurie Rose), das dritte working girl im Bunde, malt: mit leichter Hand hingeworfene pop art, die keine Probleme damit hat, knallharte ökonomische Imperative („Buy U.S.A.“ steht auf einem Werbeplakat, das sie auf einem Hausdach anfertigt) mit persönlichem künstlerischem Ausdruck zu verbinden. Es geht weniger darum, etwas zu erzählen oder auch nur etwas auszudrücken, als darum, ein wenig von der Lebenswelt einzufangen, die einen umgibt.

Kein Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Blick

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The Working Girls ist Rothmans undramatischster Film. Gelegentlich kann man an die Arbeiten der sogenannten Münchner Gruppe denken, an die Filme der Schwabinger Boheme um Rudolf Thome, Klaus Lemke, May Spils und Marran Gosov, die kurz zuvor entstanden waren. Wie die Münchner weiß auch Rothman, dass man im Zweifelsfall gar nicht viel braucht, um einen guten Film zu machen: ein paar schöne, aber nicht perfekt durchgestylte junge Menschen, schicke Kleider, Musik, Sex. Und ein Minimum an Handlung, um all diese Elemente einigermaßen in Bewegung zu halten.

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Wenn von Rothmans Filmen die Rede ist, geht es meistens darum zu entscheiden, ob das nun „normale“ Exploitationfilme sind oder doch eher subversive feministische Interventionen. Das ist nicht unbedingt eine falsche Gegenüberstellung, aber mir scheint, dass sie alles Entscheidende an den Filmen verfehlt: die Folk-Gitarren-Klänge, die sich gelegentlich zu Balladen verdichten, das sonnige, warme Licht in den Straßen von Los Angeles, die unprätentiöse Lässigkeit der Darsteller, die kaum schauspielerische Aufgaben im engeren Sinn zu erledigen haben, aber dafür aufeinander neugierig sein dürfen. Der lockere und entspannte Tonfall des Rothman-Kinos macht eben keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Blick.

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In Thomes Fremde Stadt, einem der schönsten Filme der Münchner Gruppe, gibt es eine tolle Szene, in der einige Gangster nach einem erfolgreichen Raubzug beschließen, die Beute entgegen allen Genreregeln einfach nur friedlich zu teilen und sich anschließend, jeder wie es ihm gefällt, ein schönes Leben zu machen. Am Ende von The Working Girls findet sich ein ähnlicher Gedanke: Honey ist ebenfalls an einen Haufen Geld gekommen und träumt davon, ein Unternehmen zu gründen. Aber keines von der Art, mit denen der Milliardär, den sie zwischenzeitlich kennengelernt hatte, jongliert, sondern: „Everyone would get equal share, and there would be no bosses.“ Eine sozialistische Utopie, deren Realisierung in Rothmans Film selbst nicht möglich ist. Aber in Rothmans relaxter, südkalifornischer Lebens-, Arbeits- und Liebesgemeinschaft kann man es bis zur Weltrevolution auch ganz gut aushalten.

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