The Woodsman

Mut beweist der Schauspieler Kevin Bacon, der, abgesehen von einem Auftritt in Clint Eastwoods Mystic River (2003), schon seit längerer Zeit auf ein gutes Rollenangebot warten musste. Nun spielt der Teenie-Schwarm der 80er in The Woodsman einen verurteilten Kinderschänder.

The Woodsman

„Kann man etwas Schlimmeres tun?“ ist auf dem deutschen Filmplakat von The Woodsman zu lesen. Vielleicht wird so mancher Kinogänger diese Titelunterschrift nicht nur mit der Hauptfigur des Films in Bezug setzen, die im Gefängnis wegen Kindesmissbrauch saß, sondern wird diese Frage an den Film selbst stellen, denn The Woodsman begibt sich auf denkbar dünnes Eis: Die Auseinandersetzung mit dem Tabuthema geschieht aus der Sicht eines Täters, indem die Innenwelt des Kinderschänders Walter (Kevin Bacon) in das Zentrum der Erzählung gerückt wird.

Nachdem der Regieneuling Marc Forster sich an Monster’s Ball (2001) versuchen durfte, legt der Produzent Lee Daniels die Regie seines jüngsten Projekts erneut in die Hände eines Newcomers. Dieser Newcomer ist die Regisseurin Nicole Kassell, die, frisch von der NYU film school, mit The Woodsman ein außergewöhnliches Spielfilmdebüt abliefert. Zusammen mit Steven Fechter, dem Autor der gleichnamigen Bühnenvorlage von 2000, erarbeitete sie ein Drehbuch, das sich durch präzise Figuren auszeichnet. Kassells Unerfahrenheit auf dem Gebiet der Filmregie möchte man ihr gar nicht abnehmen, denn der Film erweist sich auch in der Inszenierung als vielschichtige Reflektion über das Thema Kindesmissbrauch.

The Woodsman

Ausgangspunkt des Films ist der Integrationsversuch des Exhäftlings Walter, der nach zwölf Jahren Gefängnis bemüht ist in der Gesellschaft Fuß zu fassen. The Woodsman wagt den Schritt, den Zuschauer der Gedankenwelt Walters unmittelbar auszuliefern und lässt ihn, anfangs noch unreflektiert, die Welt mit den Augen des Pädophilen sehen. The Woodsman gewinnt durch diese Nähe in der Porträtierung des Triebtäters dem vermeintlichen Monster menschliche Seiten ab. Kevin Bacon spielt den reservierten, schüchternen Kinderschänder, der sich, von der Stigmatisierung durch dessen Umfeld geplagt, als Opfer versteht. Walter fühlt sich missverstanden, denn seine Ansichten ergeben für ihn durchaus einen Sinn. So hätten ihn mehrere Mädchen, die seine Opfer waren, was ihr Alter angehen würde, belogen. Auch hätte er ihnen nie „weh getan“, wie er seiner Freundin Vickie (Kyra Sedgwick) erklärt, die er an seinem neuen Arbeitsplatz, einem Sägewerk, kennen gelernt hat. Plausibel erscheint ihm auch die von vielen Kinderschändern vorgebrachte Rechtfertigung für den Missbrauch. Diese führt er in einem Tagebucheintrag an, in dem er sich eine selbst gestellte Frage beantwortet – nachdem er beobachtet hat, wie ein Junge, mit Süßigkeiten gelockt, in den Wagen eines Fremden einsteigt, vermerkt er: „Warum steigt der Junge ein? Weil er es möchte.“ Zwölf Jahre Gefängnis scheinen auf Walters Auffassung von Recht und Unrecht keinen Einfluss genommen zu haben.

The Woodsman

Walters Reflektion der eigenen Position setzt ein, als er von unterschiedlichen Personen mit einer anderen Perspektive, der von Missbrauchsopfern, konfrontiert wird. Am Augenscheinlichsten geschieht dies durch seine Freundin, die in ihrer Kindheit selbst missbraucht wurde. Die Beziehung zu Vickie bildet den Angelpunkt des Films, der die entgegen gesetzten Positionen aufeinander prallen lässt, indem auch die Sichtweise eines Opfers thematisiert wird. Im Zusammenspiel des Schauspielerehepaares Bacon/Sedgwick und der schlichten Inszenierung entwickelt der Film seine besondere Stärke. Wenn sich etwa Walter und seine Freundin körperlich näher kommen und Vickie in ihm nicht nur ihren „neuen Freund“ sieht, sondern sich auch dem Sexualstraftäter bewusst wird, gelingt es Kassell auf beklemmende Weise die Ambivalenz des intimen Momentes filmisch einzufangen. Kassell vermeidet dabei den häufig begangenen Fehler von Regiedebütanten, in einer Experimentierwut das Rad neu erfinden zu wollen, was nicht selten die Stringenz eines Films mindert. Allmählich entwirft Kassell eine Reihe von unterschiedlichen filmischen Perspektiven, die Walters Innenleben, dessen Wahrnehmung der Umwelt und die seines Umfeldes reflektieren. Szenen, Momente und einzelne Bildmotive vernetzen sich zu einem komplexen Bezugssystem, das einen distanzierten Blick auf die zentrale Figur zulässt. Jede Einstellung findet in dem 87 Minuten langen Film ihre Legitimation in der Erzählung und ist fester Bestandteil einer dichten Inszenierung.

Der Film verfolgt nicht die Strategie einer emotionsgeladenen Läuterung der Hauptfigur, durch die der Täter seine alte Persönlichkeit ablegt um ein besserer Mensch zu werden. The Woodsman zeichnet vielmehr eine prozesshafte Entwicklung nach, in dem es Walter gelingt, sich von seiner Position zu distanzieren und sie rational zu bewerten. So scheint Walter zu gelingen, was einem Soziopathen nicht möglich wäre, er knüpft moralische Maßstäbe an sein Handeln.

Indem The Woodsman nicht nur das Porträt eines Triebtäters entwirft, sondern darüber hinaus die unterschiedlichen Formen des Umgangs von Walters Umfeld mit dessen Vergangenheit thematisiert, bezieht der Film eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension in seine Betrachtungen mit ein. Insbesondere scheint der Film Maßnahmen der Gesellschaft als unzureichend in Frage zu stellen, die Walter bei seiner Integration helfen sollen. Als dieser etwa in einer Therapiestunde gerade angefangen hat sein Handeln zu reflektieren, muss sein Psychotherapeut abbrechen, da die wöchentliche Sitzungsdauer bereits überschritten wurde. In der Tradition der Message-Movies eines Stanley Kramer scheint The Woodsman, ohne zu moralisieren, dafür zu plädieren sich mit einem real existierenden, jedoch oft verdrängten Teil der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Kommentare


Fran

Vorab sei gesagt, dass Kevin Bacon eine für mich beachtliche Leistung als Schauspieler erbracht hat. Die von ihm gespielten Szenen wirkten größtenteils authentisch auf mich und er dürfte für "Laien" (die sich weniger mit dem Thema Missbrauch beschäftigen) nachvollziehbare Gefühlswelten durchlebt haben, die er der Rolle verlieh.

Dies ist aber auch das einzig Positive, was ich dem Film abgewinnen konnte.

Das Fazit, welches ich bereits zu Anfang des Films erkannte, ist das große Klischee, dass ein Missbrauch ohne Vergewaltigung keine groß nennenswerte Gewalt darstellt.
Passend dazu der methaphorische Ausspruch eines Mädchens im Film, dass kleine Vögel es gern hätten, wenn man sie beobachtet - nur Gewalt dürfe man ihnen nicht antun.

Ebenfalls fragwürdig die Reaktion der Freundin des Täters, die als Kind von ihren 3 Brüdern missbraucht wurde und glaubhaft "verkaufen" will, dass sie ihre Brüder trotzdem liebe und diese "anständige" Menschen geworden seien mit Frau und Kind.
Sie erkennt im Täter die sensible und liebenswürdige Seite und bleibt bei ihm.

Bestimmte Sequenzen des Film wirken verwirrend.
Einige Szenen werden bereits vorab als Phantasien des Täters gezeigt (völlig zusammenhanglos) und tauchen erst später im Film (allerdings verändert) wieder auf.

Letztendlich noch der Polizist, der anfangs alles daran setzt, dem Täter zuzusetzen und dann doch viel Spielraum für Interpretationen lässt, als er den Täter zum letzten Mal aufsucht und ihm mitteilt, dass ein anderer Mann bei einer Überprüfung als Pädo entlarvt wurde, nachdem er zusammengeschlagen vor dem Haus des Täters gefunden wurde.
Das der Polizist weiß/vermutet, dass der Täter den anderen zusammengeschlagen hat, lässt er durch Mimik und Gestik durchblicken - nichts weiter geschieht.

Dem Zuschauer soll es wohl leicht gemacht werden, hinter dem Täter den Menschen zu erkennen, der so gern anders wäre aber nicht kann.
Der Film wertet nicht offen und lässt viele Freiräume für Interpretationen. Gleichzeitig vermeidet der Film jedoch auch, eindeutig Stellung zu beziehen und die Realität der Betroffenen bleibt völlig unerwähnt.

Zwei Szenen beschäftigen mich allerdings besonders.

1. Der Täter erzählt, dass er den Kindern nie Gewalt angetan hat. Er beobachtet jedoch einen anderen Pädo und führt auch darüber Tagebuch in welches er schreibt, dass der andere es irgendwann schaffen wird, einen Jungen in sein Auto zu locken - und dann folgt der Satz: "der Junge würde dies dann aber wollen (das Einsteigen) - alles andere wird wieder offengelassen.

2. Der Täter missbrauchte Mädchen so, dass er sie sich bekleidet auf den Schoß setzte.
Eine Schlusssequenz des Films zeigt, wie er sich seine Freundin in gleichem Maße auf den Schoß setzt und dabei nicht von ihr berührt werden will - sie soll einfach hinnehmen, was sie dann auch tut.
Darauf folgt keine Reaktion von ihr.
Der Zuschauer kann nun wieder frei interpretieren, ob der Täter es schafft, seinen Trieb so auszuleben - mittels der Simulation mit der erwachsenen Freundin, oder ob er erneut Täter wird.


Martin Z.

Der Film soll wohl ein Plädoyer dafür sein, dass Pädophilie heilbar ist. Zumindest suggeriert das der Titel. Zu diesem Zweck geht er sehr behutsam und sensible vor. Und die äußeren Bedingen passen auch. Dazu gehört eine Freundin (Kyra Sedgwick), die seit ihrer Kindheit auch an einem Päckchen zu tragen hat und die den Druck etwas von ihm nimmt. Parallel dazu gibt es natürlich therapeutische Sitzungen. Kevin Bacon spielt den Ex-Häftling Walter sehr überzeugend. Er ist sehr ernst, redet in kurzen aber präzisen Sätzen und kommt sowohl mit dem Mobbing der Kollegen zurecht als auch mit dem provozierenden Polizeibeamten. Der Höhepunkt ist eine Szene im Park. Hier weiß man zunächst nicht, ob Walter wie früher das kleine Mädchen Robin (sic!) anmachen will oder ob es ein Feldversuch in eigener Sache ist, um herauszufinden, ob er wieder normal sei. Den guten Ausgang kann man noch nachvollziehen. Und auch, dass er kurz darauf einen echten Pädophilen bewusstlos prügelt. Das kann so etwas wie eine Katharsis sein. Aber so ganz normal ist er ja wohl noch nicht. Zwischenzeitlich gibt es einige Längen und unklare Symbole wie der rote Ball irritieren etwas.
Es ist ein ernsthafter Versuch, kinogerecht aufbereitet, ohne Wertung aber eindringlich durch die guten Schauspieler.






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