The Witch

Robert Eggers legt Brotkrumen im Wald aus, die zum Bösen führen.

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Für drei zentrale Elemente aktueller Horrorfilme interessiert sich Regie-Debütant Robert Eggers überhaupt nicht: Twists, Ironie und die Frage „Realität oder Einbildung?“. Zum Glück! Die zwanghafte Jagd nach dem Super-Twist wirkt häufig arg bemüht. Ständige ironische Distanz ist oft nicht mehr als eine eitle Demonstration der eigenen Cleverness. Und das Motiv des unzuverlässigen Erzählers ist inzwischen so abgegriffen, dass Genrefreunde genervt die Augen verdrehen, wenn das Aufwachen einer Figur wieder mal das zuvor Gesehene als Traum markiert.

In The Witch gibt es kein überraschendes Ende, keine dauerzwinkernde Selbstreflexivität und auch keine Offenheit, was die Existenz der titelgebenden Figur betrifft. Nach fünf Minuten teilt der Film uns mit: Hier, bitte schön, ist die Hexe. Das hätten wir. Dann können wir ja mit der eigentlichen Geschichte anfangen.

Zweifel: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

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Diese eigentliche Geschichte ist zugleich Familiendrama und period piece: Das Jahr 1630, eine siebenköpfige Familie ist kaum aus Old England nach New England übergesiedelt, da wird sie von ihrer Puritaner-Gemeinde (die an M. Night Shyamalans unterschätzte Horror-Politparabel The Village (2004) erinnert) auch schon aufgrund spiritueller Differenzen aus dem Dorf verstoßen. Ganz auf sich und ihren Glauben gestellt, errichten sie im tiefen, tiefen Wald eine kärgliche Farm. Mag der Mais auch faulen, der Ziegeneuter Blut statt Milch geben und die Jagdflinte des Vaters nach hinten losgehen: Im festen Vertrauen auf Gott und den Familienzusammenhalt bleiben sie zuversichtlich. Dann aber verschwindet der Säugling Samuel, während die älteste Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) ihn beaufsichtigt. Mit dieser Hiobsprobe tritt neben der Trauer auch der Zweifel in das Leben der Siedler – er wird sie spalten und von Gott entfernen.

Zweifel macht sich bald auch beim Publikum breit. Welches Schicksal der kleine Samuel in den Händen der Hexe erleidet, zeigt der Film ohne Umschweife. Das Rätselraten dreht sich daher nicht um diese Frage, sondern darum, wer mit der Hexe im Bunde ist. Und hier legt Regisseur Robert Eggers geschickt Brotkrumen aus: Eine Spur führt zu Thomasin, dem allzu reinen Mädchen, eine zu den hinterlistigen Zwillingskindern der Familie, Mütter kann man im Horrorgenre sowieso nie als Verdächtige ausschließen – und dann sind da noch ein rätselhafter Hase und „Black Phillip“, ein aggressiver, pechschwarzer Ziegenbock mit gewaltigen Hörnern, der womöglich Geheimgespräche mit den Zwillingen führt.

Salem: Das schwarze Band der amerikanischen Geschichte

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Ein spannendes „Whodunit“-Gerüst aufzubauen, schaffen viele Horrorfilme. Was The Witch als anspruchsvolleres Werk auszeichnet, ist sein geduldiges, detailreiches world building: Das beginnt bei den zeitgenössischen Kostümen, der Einrichtung des Hauses, dem schummrigen Licht in dessen Inneren und der Grabesstimme des Vaters (Ralph Ineson). Es setzt sich fort im veralteten Englisch, das die Familie spricht – selbst für Muttersprachler dürfte es ohne Untertitel nur schwer verständlich sein (unter Marketing-Aspekten eine gewagte Entscheidung!). Und es reicht bis zur inbrünstigen Religiosität der Familie, von der all ihr Denken, Fühlen und Handeln geprägt ist. Eggers zeigt hier, wie eine bestimmte Mentalität den geistigen Boden bereitet für zukünftiges – im Plot nie explizit erwähntes, aber subkutan stets durchschimmerndes – Unheil: die Hexenverbrennungen in Salem. Darin ähnelt der Film Michael Hanekes Herleitung des Nationalsozialismus in Das weiße Band (2009).

Was diese beiden Werke allerdings radikal unterscheidet, ist, dass The Witch der psychologischen Studie einen gleichberechtigten zweiten Aspekt hinzufügt: den übernatürlichen Horror. Für einen Genrefilm bedient er sich dabei relativ wenig billiger Tricks – nur zu Beginn dreht Eggers etwas zu sehr am musikalischen Manipulationsregler, indem er dissonante Streicher und einen gespenstischen Chor zu plumpem Akustik-Terror vermischt, der durch ominöse Zooms auf den Waldrand unterstützt wird.

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Ansonsten aber belebt er eine Spielart des Horrorfilms wieder, die heute selten geworden ist: ernst, ironiefrei und eher gruselig als erschreckend oder brutal. Die mit Abstand verstörendste Szene findet sogar – angenehm kontraintuitiv – am helllichten Tage statt: Wenn der älteste Sohn aus dem Wald zurückkehrt und von der Familie gepflegt wird, sollte man, so viel darf verraten werden, als Zuschauer niemandes Hand halten, um nicht etwa unschöne Fingernagelspuren darin zu hinterlassen.

Märchen: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren

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Der Wald – von Kameramann Jarin Blaschke in stark entsättigten Tönen eingefangen – war natürlich schon weit vor dem Aufkommen des Horrorfilms ein Ur-Ort der Angst, nicht zuletzt in vielen Märchen. Die Märchenwelt und deren Symbolismus referenziert Eggers kontinuierlich: Neben der Hexe begegnen wir einer Rotkäppchen-Figur, ein Apfel spielt eine Rolle, und das (in einigen Märchen als Subtext präsente) sexuelle Erwachen dringt ebenfalls mehrfach an die Oberfläche des Films. Jene Oberfläche, der Look von The Witch, erreicht immer wieder eine geradezu malerische Qualität. Der Höhepunkt ist eine wunderbar surreale Einstellung, in der ein Rabe den verschwundenen Säugling an der Mutterbrust ersetzt.

Einzig im Finale merkt man dem Film dann doch an, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt. Beim Schreiben eines Drehbuchs dürfte es für viele Autoren die schwerste Aufgabe sein, sich für eines von mehreren möglichen Enden zu entscheiden. Und hier vergaloppiert sich Eggers ziemlich: Wenn schon kein Twist, dann doch zumindest ein ordentliches Topping, scheint sein Prinzip zu sein – schließlich dient ein Debütfilm immer auch als Bewerbung für weitere Aufgaben. Die trashige Schlussszene (die es schafft, die schlimmsten Momente von François Ozons Ricky (2009) und Lars von Triers Antichrist (2009) zu kombinieren) steht völlig quer zum Rest des Films. In diesem kurzen, aber zügellosen Exzess entscheidet sich Eggers ausnahmsweise für die einfache Lösung statt für die hohe Kunst der Selbstzähmung.

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