The Wind That Shakes the Barley

Hin und her gerissen zwischen Idealismus und Pragmatismus, kämpfen zwei Brüder in The Wind That Shakes the Barley für die irische Unabhängigkeit. Ausgezeichnet mit der goldenen Palme beim Filmfestival von Cannes, betrachtet Ken Loachs 26. Kinofilm ein raues Stück irischer Geschichte.

The Wind That Shakes the Barley

Die Ausrufung der Irischen Republik zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts durch irische Nationalisten führt zu blutigen Auseinandersetzungen mit Großbritannien. Ein äußerst brutales Vorgehen kennzeichnet das Verhalten beider Seiten, Folter und Exekutionen stehen an der Tagesordnung. Ein 1922 unterzeichneter Vertrag zwischen Großbritannien und Irland soll den Kämpfen ein Ende setzen, doch stattdessen führt er zur Spaltung der irischen Bevölkerung. Während ihn die einen als wichtigen Schritt zur Unabhängigkeit betrachten, stellt er für andere nicht mehr als einen Pyrrhuss-Sieg dar.

Loach greift in seinem neuesten Film The Wind That Shakes the Barley auf die zentralen Elemente eines klassischen Partisanen-Films zurück: Begonnen wird mit der Rekrutierung und Ausbildung der anfänglich noch ungeschickten Kämpfer. Der Gefangenschaft durch britische Streitkräfte entgehen jedoch die wenigsten. Die Nüchternheit und Schonungslosigkeit mit der Loach diese Passagen filmt, erinnern an Schlacht um Algier (La Battaglia di Aligieri, 1965). Gillo Pontecorvo schildert darin auf höchst beklemmende Art den Unabhängigkeitskampf der algerischen Bevölkerung gegen die französische Armee. Während Pontecorvo jedoch seinen streng dokumentarischen Ansatz bis zum Ende beibehält und auf eine starke Personalisierung verzichtet, reduziert Loach die Geschichte mit fortschreitender Dauer immer mehr auf das Schicksal zweier Brüder.

The Wind That Shakes the Barley

Damien (Cillian Murphy) und Teddy (Pádraic Delaney) sind ein ungleiches Brüderpaar. Teddy, ein rebellischer, pragmatisch denkender junger Mann voller Tatendrang wird von den Briten als Anführer gesucht. Anders Damien: Auf ihn wartet eine Karriere als Arzt, aus dem Konflikt versucht er sich möglichst heraus zu halten. Kurz vor seiner Abreise entscheidet er sich jedoch anders und schliesst sich der IRA an. Was folgt ist eine schrittweise Radikalisierung Damiens, welche in der Exekution eines irischen „Verräters“ gipfelt. Die Unterzeichnung des Vertrages von 1922 treibt nicht nur einen Keil in die Freiheitsbewegung, sondern auch zwischen die beiden Brüder. Teddy sieht in der Unterzeichnung einen wichtigen Schritt in Richtung Freiheit, Damien betrachtet diese Waffenruhe als Niederlage.

Ohne dramaturgische Umwege – so spielt der obligatorische Liebes-Subplot zwischen Damien und Sinead (Orla Fitzgerald) nur am Rande eine Rolle – verfolgt Ken Loach die Wege der beiden Brüder bis zu ihrem fatalen Ende. Dabei scheint er sich keine große Mühe zu geben, den Ausgang der Geschichte zu verbergen. Die Zielgerichtetheit mit der Loach zusammen mit Drehbuchautor Paul Laverty in The Wind That Shakes the Barley auf das Ende zusteuert und die schlauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller geben dem Film eine emotionale Durchschlagkraft, die die stellenweise Vorhersehbarkeit der Geschichte vergessen lässt.

The Wind That Shakes the Barley

Nach anfänglicher Zurückhaltung findet der 11. September und dessen Folgen in unzähligen Filmen Widerhall. Neben Werken die sich explizit auf 9/11 berufen, werden dabei aber auch andere, welche sich in irgendeiner Form mit aktuell brisanten Themen wie Religion oder dem Kampf um die eigene Freiheit beschäftigen, vorwiegend im Hinblick auf die heutige Terrorismus-Debatte rezipiert. Anders in The Wind That Shakes the Barley. Im Gegensatz zu Filmen wie Spielbergs München (Munich, 2005) ist er frei von Metaphern für unsere aktuelle Situation und konzentriert sich auf ein Stück irischer Zeitgeschichte. Bereits Loachs Beitrag zu der Kurzfilmsammlung 11’09’’01 – September 11 (2002) zeichnete sich durch die Weigerung aus, die Handlung ausschließlich auf das Heute zu reduzieren. Thematisierten alle anderen Kurzfilme die Anschläge aus dem Jahr 2001, so wählte Loach mit dem 11. September 1973 den Tag, an dem der chilenische Staatspräsident Salvador Allende bei einem Militärputsch ums Leben kam.

Bezug auf das Zusammenleben unterschiedlicher Religionsgruppen nahm Loach zuletzt in Just a Kiss (Ae Fond Kiss..., 2004), einer bitteren Liebesgeschichte zwischen einem jungen Pakistaner und einer Glasgower Lehrerin. Im Gegensatz zu seinem neuesten Film vermochte die Story von Just a Kiss jedoch nicht zu überzeugen und Loachs Erzählweise verblieb überraschend zurückhaltend. Mit voller Wut und Intensität erzählt, knüpft Ken Loach mit The Wind That Shakes the Barley wieder an seine besten Arbeiten an.

 

Kommentare


Hans Alberts

Loach ist Kommunist. Deswegen kann ein Unternehmer kein guter Mensch sein. Andere Vorurteile sind eigentlich nicht zu entdecken (meine historischen Kenntnisse reichen nicht,ob die Briten so grausam waren, wie es im Film dargestellt wird- ich halte es für möglich). Er zeigt uns am Beispiel dieses Bürgerkriegs die Konsequenzen für die Menschen, den Verlust von Moral, das Zerbrechen von Beziehungen, auch zwischen Brüdern, wegen deren Bindung an Weltanschauungen. Keiner gibt seine auf und deswegen muss einer dann sterben. In Zeiten des Krieges sind normale Bindungen zu schwach. Da herrschen Prinzipien mit eiserner Faust und Menschen müssen daran glauben. Der Film ist lang, aber wegen seiner Intensität nicht langatmig.


Martin Z.

Ken Loach ist ein erschütternder Film über den englisch-irischen Konflikt gelungen.
Drei Dinge sind bemerkenswert: man erfährt etwas über die Uneinigkeit der Iren untereinander. Hier gab es Realos und Fundis, die sich letztlich, nachdem sich die politische Lage verändert hat, gegenseitig bekämpften, wobei die Trennlinie mitten durch Familien verlaufen konnte. Der Konflikt ist also ein echter Bruderkrieg. Diese Individualisierung der Auseinandersetzung geht an die Nieren, weil sie bis zur letzten Konsequenz verfolgt wird.
Außerdem trifft der lyrische Titel, der auf eine alte Ballade zurückgreift, das Wesen der irischen Seele. Die Liebe zur irischen Heimat schafft Rebellen und ist immer eng verbunden mit der zu einem irischen Mädchen. Beide enden tragisch.
Und dann ist da noch die mehrfache Bedeutung der Gerste für die Untergrundkämpfer: als Wegzehrung und als letzte Ruhestätte. Aber auch als symbolische ewige Wiedergeburt des irischen Widerstandes.






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