Wie der Wind sich hebt

Vom Fliegen und Stürzen, vom Träumen und Flüchten, und von Japan und Deutschland.

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Am Anfang scheint alles zu sein wie immer in den Wunderwelten des Studio Ghibli: Ein Junge träumt vom Fliegen. Er klettert aufs Dach, steigt in ein fantastisches Flugzeug mit Vogelschwingen und flattert davon. Kein Motiv liegt näher am Herzen der Poetik des großen japanischen Animations-Filmemachers Hayao Miyazaki, als der Traum zu fliegen: Nausicäa – Aus dem Tal der Winde (1984), Das Schloss im Himmel (1986), Unser Nachbar Totoro (1988), Porco Rosso (1992): Überall steigen seine meist kindlichen Helden in die Lüfte empor, in libellengleichen Flugkapseln, in antiken Doppeldeckern, oder auf dem dicken Bauch eines flauschigen Fabelwesens. Aber etwas ist anders in Wie der Wind sich hebt. Aus den Wolken schält sich ein gigantisches, düsteres Luftschiff, der träumend fliegende Junge sieht plötzlich alles doppelt, und dann stürzt schon eine Bombe und zerfetzt seinen kleinen Flieger in tausend Stücke.

Es erwacht ein Knabe mit dicken Brillengläsern, der einsehen muss, dass der Traum ein Traum bleiben wird. Und der trotzdem nicht davon lassen kann. Sein Name ist Jiro Horikoshi, und er wird Geschichte schreiben als jener Luftfahrtingenieur, der der japanischen Navy ihr Prunkstück beschert: den Mitsubishi A6M Zero, besser bekannt als „Zero“, der Kamikaze-Bomber.

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Zum ersten Mal in seiner Karriere wagt sich Miyazaki an einen historischen Stoff und an reale Personen. Das hat in Japan prompt für Kontroversen gesorgt, der Film wurde trotz immenser Erfolge an der Box Office alternativ als Vaterlandverrat oder als Hymne an einen Entwickler todbringender Technologie verdammt. Aber wie verhält sich Miyazakis Ode ans Träumen wider alle Umstände wirklich zu dieser historisch-politischen Problematik?

Zuerst fällt auf, wie deutlich das Bemühen um historische Ernsthaftigkeit bändigend auf die oftmals wild sprudelnde, stets mit einem Fuß in fantastischen Paralleldimensionen verfangene Bildimagination Miyazakis einwirkt. Nur manches Mal tritt Horikoshi in seinen Träumen der italienische Luftfahrtpionier Giovanni Battista Caproni gegenüber, der ihm zum spiritus rector wird, und der ihn anfeuert, nicht abzulassen von seinem Lebenswerk. „Flugzeuge sind schöne Träume“, sagt der schnauzbärtige Italiener immer wieder, um den kleinen Japaner dann mitzunehmen auf die Jungfernflüge seiner absurden Konstruktionen, die nicht selten in Bruchlandungen enden.

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Ansonsten herrscht in Wie der Wind sich hebt Gediegenheit vor. Das Tempo ist gemächlich, fast träge schleppt sich der Film durch die Dekaden, folgt Horikoshi an die Universität, steht mit ihm das große Kanto-Beben von 1923 durch, erzählt von seiner Anstellung bei Mitsubishi, sieht dem pflichttreuen und arbeitsamen Mann dabei zu, wie er in einer sich immer stärker militarisierenden Umgebung an Kampfliegern schraubt, wie er sich in einem auch zunehmend westlicheren Japan in eine schwindsüchtige Schönheit verliebt. In einem Live-Action-Film wäre das Standardkost, aber Miyazakis zeichnerische Meisterschaft bewahrt Wie der Wind sich hebt vor Stagnation. Feine Abstufungen im Detailgrad lassen einzelne, fast pedantisch rekonstruierte Gebäude und vor allem die verschiedenen Flugzeugtypen hervortreten, während Figuren und Hintergründe gern skizzenhaft belassen werden. So lenkt Miyazaki die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer heimlich auf die allmählichen Veränderungen der Dingwelt, der Kleidung, Architektur und Technologie. Die investierte Arbeit, das alles wirklich Bild für Bild zu malen, überträgt sich in unsere Wahrnehmung, die mit gesteigerter Schärfe blickt.

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Aber die Gemächlichkeit ist trügerisch. Je näher der Weltkrieg rückt, desto stärker verlagert sich der Fokus auf die tragische Liebesgeschichte Horikoshis mit seiner todgeweihten Nahoko. Der Schatten, den Miyazaki über den Traum des Fliegens und damit auch über sein bisheriges Schaffen ausbreiten will, wird allmählich zum Gespinst, so als scheute er sich selbst, die schmerzhaften Schlüsse zu ziehen. Die wirkliche Tragödie des Ingenieurs, dessen große Ideen für die schrecklichsten aller Zwecke angewendet wurden – die Bombardierung Chinas, die Selbstmordflüge seiner Landsmänner –, von ihr bleibt zuletzt nur noch ein fernes Traumbild übrig; majestätische Schwärme aus flirrendem Metall, die sich über ein großes Feuer erheben. Und da wird der fatale Irrtum Miyazakis offenbar: Manchmal, und vor allem in den schwierigen Zeiten, liegt menschliche Intelligenz und Größe nicht darin, trotz allem an den Träumen festzuhalten, sondern sie gehen lassen zu können. Wie in der Liebe: If you really love me, let me go…

Man kann Miyazaki nicht vorwerfen, diese vornehmlich moralischen, in zweiter Linie politischen Komplikationen zu ignorieren. Er verhehlt nicht, dass Horikoshi seine Liebe der Arbeit opfert. Während er zeichnet und grübelt, schwindet sie dahin. Aber die Gewichtung seiner Entscheidungen durch den Film ist unmissverständlich: Die öffentliche Tätigkeit, der Dienst, die Pflichterfüllung sind immer wichtiger als jede private Verstrickung. Krokodilstränen werden da vergossen, aber sie ändern nichts an einer nahezu ausnahmslos positiven Charakterzeichnung Horikoshis.

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In einem zeitgleich mit dem japanischen Kinostart von Wie der Wind sich hebt veröffentlichten Artikel bemühte sich Miyazaki sichtlich, den erwartbaren Gegenwind von Anfang an zu bändigen, betonte seinen Pazifismus und seine Opposition zu geplanten Änderungen der japanischen Verfassung, die Premier Shinzo Abe anstrebt. Aber dort schrieb er eben auch den fatalen Satz, dass der Zero eines der wenigen Dinge repräsentiere, auf die Japan stolz sein könne. Wie würden vergleichbare Aussagen hierzulande wohl aufgenommen werden? Natürlich macht es keinen Sinn, die deutsche Debattenkultur zu Fragen der Weltkriegsvergangenheit automatisch als gültig für andere Länder zu verstehen, aber gerade in solchen Fragen liegen die Probleme in Japan und Deutschland nicht allzu fern voneinander. Zumindest wird auf die schicksalshafte Verstrickung der beiden Nationen in Wie der Wind sich hebt immer wieder hingewiesen. Überall erklingt Schubert, Beethoven, wird Thomas Mann zitiert. In der vielleicht stärksten Szene des Films gröhlen Japaner und Deutsche gemeinsam einen Hit aus Erik Charells Der Kongreß tanzt (1931): „Das kommt nur einmal, das kommt nie wieder.“

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Vielleicht also kann man aus vielen schlechten Erfahrungen eine Warnung wachsen lassen: Das Rosinenpicken dessen, was “trotz allem gut” war damals – Vollbeschäftigung, Autobahnen, Kinderbetreuung, Rommel – wird, egal in welchem Kontext, fast zwangsläufig von Interessengruppen aufgenommen werden, die man nicht auf seiner Seite wissen möchte. Und Miyazaki wird sich, allen deutlichen Stellungnahmen zum Trotz, in Gesellschaft solcher fragwürdiger Freunde wiederfinden: Revisionisten, Apologeten, Nationalisten, Leute also, die nur „stolz” sein wollen auf ihr Land. Und spätestens dann wird das Beschwören der Kraft der Träume endgültig zu einer Flucht vor der Wirklichkeit.

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Kommentare


Politischandersdenkender

Bin gespannt wann der Film hier in Deutschland herauskommt, bestimmt erst 2020


Herr Hangul

Ich mag zwar Rezensionen die sich ausführlich mit dem Film befassen, diese hier erinnert mich aber eher an einen extrem trockenen Rotwein. Zu sehr verliert der Rezensent hier den Fokus (nämlich das er einen Film schaut) und stürzt sich mit Worten der Marke Schwergewicht auf die politischen Aspekte des Films (die ja, und da verstehe man mich nicht falsch, auch nicht unwichtig sind).

Was der Rezensent nun insgesamt von The Wind Rises hält, bleibt mir auch im Resümee recht verborgen, Manchmal ist weniger mehr, und vielleicht vergisst so mancher Schreiberling, dass er immer noch einen Film schaut, der hauptsächlich der Unterhaltung dienen soll, und keine mehrteilige Dokumentation des History Channels.

Grüße,
Hangul






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