Heute geh ich allein nach Hause

Zwischen den Sinneswelten: Der Wunsch eines blinden Jugendlichen nach Anerkennung wird bei Daniel Ribeiro zu einer Suche nach neuen Wahrnehmungen für eine Welt in Veränderung.

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Einen Film aus der Welterfahrung eines Blinden zu drehen, das erscheint zunächst als höchst fragwürdiges Vorhaben. Wie erschafft man dafür überhaupt Bilder? Lassen sich die Affekte eines Blinden visualisieren? Der brasilianische Regisseur Daniel Ribeiro nimmt sich in Heute geh ich allein nach Hause (Hoje eu quero voltar sozinho) dieser Aufgabe an und inszeniert eine jugendliche Selbstfindung: Als neuer Mitschüler kommt Gabriel (Fabio Audi) in die Klasse des blinden Leo (Ghilherme Lobo) und dessen bester Freundin Giovana (Tess Amorim). Wie unter Giovanas Augen zwischen den beiden Jungen eine ungewisse Liebe entsteht, das ist ein recht simpler Plot, aber Leos fehlendes Augenlicht verlangt nach einer besonderen Einfühlsamkeit, und damit auch nach einer anderen Art des Filmemachens.

In einer Szene spielen Leos Mitschüler dem blinden Jungen einen pantomimischen Streich, sie umkreisen ihn mit Armen und Beinen, ohne ihn jemals zu berühren, geben aber somit indirekt seine Laufrichtung vor. Leo ist dabei eine Art Membran, eine unsichtbare, diffuse Grenze zwischen den Sinneswelten. Seine Blindheit macht das Augenlicht der Anderen zu seiner eigenen, gefühlten Bewegung. Auf diese Weise wird sämtlichen Aktions-Reaktions-Ketten ihre raumzeitliche Begrenztheit und Strenge genommen, während die Mattheit der Bilder den Film seltsam weichzeichnet und visuelle Schlüsselreize geschickt vermeidet. So ergeben sich eher wellenartige Bewegungsmuster, ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, das trotzdem so gar nichts mit Leidenschaftlichkeit zu tun hat; kurz: eine Art blinder Impressionismus. Münder, Füße, Hände überlagern sich und setzen eine nicht-visuelle Existenzweise der Welt tatsächlich in ein Filmbild.

Die Welt als offene filter bubble

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Gleichwohl bleibt Heute gehe ich allein nach Hause ein durch und durch handlungszentrierter Film, der dabei stets allein um Leos Befindlichkeit kreist. Auch die klassischen Coming-of-Age-Motive spielen durchaus eine zentrale Rolle: Da ist die Klassenfahrt, die unvermeidliche Party, die Umkleidekabine. Nur gibt es hier eben kein Außen, keinen Kommentar, keine voreilige ästhetische Vereinnahmung jugendlichen Weltschmerzes. Das unterscheidet Heute gehe ich allein nach Hause von vielen thematisch ähnlich angelegten Filmen. Es ist eine glatte filter bubble, die Leos Welt und somit den Film umschließt. Und diese hermetische und gleichsam offene Lebenswelt ist nicht nur visuelle Entsprechung der individuellen Welt eines Blinden, sondern zugleich bezeichnend für die eigentliche Ortlosigkeit einer Lebensphase wie der Jugend. Darin liegt so etwas wie das inklusive Moment des Films: Hier wird keine Jugendkultur idealisiert, sondern die Gefühlswelt eines Jugendlichen in einem positiven Sinne vorgeschlagen, als Wunsch, als Versuch, anderen und schließlich sich selbst näher zu kommen.

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Deshalb ist auch der Sex kein neurotischer, also zwanghaft imaginierter bildlicher Komplex, sondern ein behutsames Geschehenlassen, eine Bewegung unter vielen in Leos Wahrnehmung, die einerseits sehr selektiv und zugleich grundlegend offen aufscheint. All das, was er nicht wahrnehmen kann, wird auf ein minimales Niveau abgesenkt: In einer Szene serviert eine Kellnerin Gabriel und Leo ihr Mittagessen, wir sehen von ihr alles, nur nicht den Kopf. Die allgegenwärtigen Schuluniformen sind von einem bemerkenswert undefiniert erscheinenden Grau, das keine visuellen Ablenkmanöver zulässt. Dafür imponiert die Musik umso mehr und bricht Leos Wahrnehmung auf: Arvo Pärts Stück für die Ewigkeit, Spiegel im Spiegel, könnte nicht besser zu Leos Suche passen. Es ist die Musik für die Momente seines vollkommenen Bei-sich-Seins, ein Zustand von einer für sehende Augen unverständlichen Schönheit.

Wahrnehmung als Verlangen

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Den wenigen Figuren abseits des Protagonisten-Triumvirats kommt hingegen eine rein funktionale Rolle zu: Leos Eltern sind krankhaft besorgt um ihren Sohn und gestehen ihm keine Selbstbestimmung zu. In der Schule erniedrigen die Mitschüler genüsslich den wehrlosen Blinden, und die liederliche Karina baggert seinen Schwarm Gabriel ununterbrochen an. Selbst die Dreiecksbeziehung der Hauptfiguren folgt seltsam widerspruchsfrei einem recht konventionellen Verlauf. So fließt Heute gehe ich alleine nach Hause dahin und unsere anfängliche Erwartung von Gefühlsausbrüchen und sichtbarer Passion wird immer weniger wichtig, je deutlicher Leos Welt in Bild und Ton ausgreift. Und am Ende ist Ribeiros Film weder ein Film über das Blindsein noch über Homosexualität, sondern ein einfaches Plädoyer für eine Sensibilität gegenüber der menschlichen Wahrnehmung, die, abseits ihrer meist erzwungenen Regelhaftigkeit, im Grunde stets offen für Neues ist, gar eine ganze Welt deliriert. Sie ist ein Verlangen, kein Werkzeug, eine Möglichkeit und kein Gefängnis. Leos unbändiger Wunsch, immer neue Beziehungen zwischen sich und der Welt zu schaffen, ist das Leitmotiv von Heute gehe ich allein nach Hause – eine absolut bejahende Sicht auf die Jugend, nicht als klar abgrenzbarer Lebensteil, sondern als Teil des Lebens selbst.

Trailer zu „Heute geh ich allein nach Hause“


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