The Wakhan Front

Clément Cogitore erzählt einen klaustrophobischen Mystery-Thriller in der offenen Landschaft eines Kriegsgebiets.

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Der Wind pfeift laut durch die grau-braunen Weiten des Wakhan, einem Hochgebirge an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan. In der kargen Gerölllandschaft ist auf den ersten Blick nicht viel Leben erkennbar, doch Aufgabe der dort stationierten französischen Soldaten ist es, diesen Blick zu intensivieren und Ausschau nach verdächtigen Zivilisten des naheliegenden Bergdorfs zu halten – und vor allem nach Taliban-Kämpfern, die sich zu gefährlichen Meistern der Tarnung entwickelt haben. In Supertotalen lässt Autor und Regisseur Clément Cogitore die Zuschauer an der monotonen und gleichzeitig nervenaufreibenden Arbeit der Militärs teilhaben. Er zeigt in langen Einstellungen ihren Blick durch das Fernglas, bei dem jede Bewegung, und sei sie auch noch so selten, Lebensgefahr bedeuten kann. So wird von Beginn an eine Atmosphäre der Spannung etabliert, die sich immer mehr steigert, als die Quelle der Bedrohung sich plötzlich zu einer unsichtbaren Macht entwickelt, gegen die auch der Schutz der Distanz nichts mehr ausrichten kann.

Die Ohnmacht der Bewaffneten

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Während Soldaten in Zweierkonstellation die hochgelegenen Beobachtungsposten besetzen, wo nur der Wind, das Klappern der Munitionsgurte und spärlicher Smalltalk zu hören ist, sieht der Alltag in der Basis ganz anders aus. Hier werden Gewichte gehoben, Bier getrunken, über Frauen geredet und sich auf die Heimat gefreut. Die Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern stellt sich als schwierig dar, doch dem weisungsbefugten Captain Bonnassieu (Jérémie Renier) gelingt es mit seiner diplomatischen Bestimmtheit und einem fähigen Dolmetscher (Sâm Mirhosseini), den zivilisierten Umgang miteinander einigermaßen zu wahren. Dieser unsichere Frieden wird jäh gestört, als zwei Soldaten nachts spurlos verschwinden. Nachdem man zunächst noch versucht, die Ruhe zu bewahren, nimmt der Film bald an Tempo auf. Die Franzosen durchsuchen das Dorf, und spätestens als die schwer bewaffneten Männer offensiv zwischen der wehrlosen und frustrierten Bevölkerung umherstampfen, wird klar, dass hier kein Nebeneinander, sondern eine klare Hierarchie besteht – und die Herrscher mit ihrer plötzlichen Ohnmacht nicht umgehen können.

Genre im Kriegsfilm

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Schnellere Schnitte, offensiveres Sounddesign und der vermehrte Einsatz von Musik kündigen eine Veränderung des filmischen Tons an, der auf neue Genreelemente vorbereitet. Als sich die Soldaten eingestehen müssen, dass sie mit ihren konfrontativen Methoden nicht weiterkommen, lässt das Tempo wieder nach, und es entfaltet sich ein mysteriöser Thriller, der immer, wenn er sich gerade zu verdichten scheint, wieder die Richtung wechselt und den Zuschauer allein in der  bedrohlichen Landschaft stehen lässt, bevor der nächste Spannungsbogen aufgebaut wird, ohne dass der vorherige abgeschlossen wäre. Das führt oft zu Verwirrung, nicht immer der anregenden Art, was auch an manchen Längen im letzten Filmdrittel liegt, die mit den Thriller- und gelegentlich eingestreuten Horrorelementen rhythmisch nicht leicht zu vereinbaren sind. Da Einflüsse aus anderen Genres im Kriegsfilm aber eher eine Seltenheit sind, sorgt diese Stilentscheidung vor allem für versöhnliche Aufmerksamkeit.

Der kollektive Blick auf fremde Welten

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Cogitore verwendet nicht viel Zeit darauf, seine Figuren einzeln zu etablieren, auch ihre privaten Hintergründe bleiben, mit einer Ausnahme, im Dunkeln. Er beschreibt vor allem eine Gruppendynamik, und das sehr wirkungsvoll. Doch die vorherrschende Funktionalisierung der Figuren verhindert über lange Strecken eine emotionale Einbindung, die das ansonsten eher metaphorisch gezeichnete Schicksal von Soldaten und anderen Betroffenen, die sich im Krieg verlieren, noch stärker hätte zum Ausdruck bringen können. Auch die Durchschlagskraft der Schockmomente leidet dadurch manchmal, denn die Sicht auf das Geschehen wird vermehrt zu einer kollektiven – welcher der Handelnden durch sein Fernglas schaut, spielt keine große Rolle mehr. Dennoch beeindruckenden die zunehmend klaustrophobisch anmutenden Bilder im offenen Raum, der sich vor allem bei Nacht in eine Parallelwelt verwandelt, in der irdische Regeln nicht mehr gelten. Die vom Nachtsichtgerät grün gefärbten Steinwüsten werden von einem Sternenhimmel überragt, der oberflächlich gesehen zwar flach und körnig erscheint, letztlich mit all seinen Mysterien doch das einzig beständige Moment bleibt, zu dem alle – Soldaten, Taliban, Zivilisten und Zuschauer – fragend aufblicken.

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