The Voices – Kritik

Der Psychopath von nebenan: In Marjane Satrapis Film The Voices wird ein kleiner, traumatisierter Angestellter zu einem Serienmörder mit rosa Overall und selbstironischer Attitüde.

The Voices 20

„Warum höre ich Stimmen? Warum nur?“ Diese banale Frage einer beginnenden Psychopathenkarriere steht am Anfang von The Voices. Jerry (Ryan Reynolds) ist ein unbedeutender Lagerist in der Kleinstadt Milton. Er hinterlässt keine Spuren, fordert nichts, sagt nichts, empfindet nichts. Sodass sein Chef ihm gerne unbezahlte Mehrarbeit überlässt, denn auch nein sagt Jerry nicht. Ohne Freunde oder Familie sind lediglich seine beiden Haustiere, Hund Bosco und Kater Mr. Whiskers, für ihn da. Nur dass Jerry sie sprechen hört und sein ohnehin angeknackstes Selbstbewusstsein durch die beiden regelmäßig kommentiert wird. Das liest sich im Prinzip wie die beginnende Storyline eines typisch neurotischen Loserfilms. Bis die Gewalt über das verschlafene Milton hereinbricht.

Blutspritzende Selbstironie

The Voices 15

Wie wir dank Holzhammer bald lernen dürfen, war Jerrys Vater der Teufel in Person, seine Mutter eine vor Heimweh durchdrehende Deutsche und das Elternhaus einsam und verlassen im tiefsten Wald erbaut. In der Schule wurde Jerry immer „Heidelberg“ oder „Sauerkraut“ genannt. Die Erzählung von The Voices macht es sich also einfach: Bei dieser bemitleidenswerten Kindheit musste aus Jerry natürlich ein hilfloser Psychopath werden, der vorzugsweise hübsche Frauen zersäbelt, eintuppert und entskalpt – Gewalt als simple soziale Reproduktion. Aber da The Voices ja eine schwarze Komödie ist, scheinen andere Regeln zu gelten: Man fühlt sich dazu gedrängt, das alles nicht ernst zu nehmen und die ausgestellte Selbstironie einfach zu genießen. Das Blut spritzt beschwingt durch die morbide Szenerie, der Allzeitbeau Ryan Reynolds darf seinen Psychoknacks in dümmlich-wehleidige Blicke tränken und schon ist das alles ganz harmlos – der ganz normale Psychopath sozusagen. Kann ja mal passieren. Nur geht diese Rechnung im Verlauf des Films nicht auf.

Fadenscheiniges Psychopathentum

The Voices 07

Denn ebenso lieblos wie mit seiner Thematik geht der Film mit dem humoristischen Potenzial um, das er sich selbst gibt. Nicht nur wird hier auf relativ platte Weise der lieb gewonnene Psychopath eines US-amerikanischen Gewaltphantasmas kultiviert – mechanisch, deterministisch, langweilig. Jerry Gewissen spaltet sich in gut und schlecht auf, verkörpert durch die vermenschlichten Hund und Katze. Zwischentöne gibt es nicht. Zugleich ist all das nicht mal so richtig lustig. Die Story ist so überzeichnet, dass der Witz mithin zum Selbstzweck gerät und sich selbst verliert. Auch die vorhersehbare Geradlinigkeit des Serienkiller-Plots sorgt nicht gerade dafür, dass die Ironie Haken schlägt. So blockiert sich The Voices ständig selbst: Eine abseitig obskure schwarze Komödie kann sich nicht entwickeln, da Jerrys psychopathischer Werdegang zum Massenmörder wie automatisch und für den Zusehenden völlig unzugänglich abzulaufen scheint. Anders formuliert: Es passiert nach der ersten Viertelstunde einfach nichts Neues mehr, alle Rollen im Film sind klar verteilt und schon nähert sich langsam das Ende. Zudem ist Ryan Reynolds als Psychopath irgendwie fadenscheinig: Auch nach dreimaligem Hinsehen liest man in seiner Mimik und Gestik nichts als die zeitlose Blaupause eines Boygroupsängers.

Am Ende bleibt nur Schulterzucken

The Voices 04

Lediglich die Bilder entlocken bisweilen so etwas wie Wohlwollen: Die rosafarbene corporate identity von Jerrys Arbeitsstelle macht zumindest glaubwürdig, dass Jerry soziale Anerkennung sicherlich nicht in der sterilisierten Bürowelt finden wird. Und auch die Morbidität von Jerrys Behausung jagt ein, zwei wohlige Schauer über den Rücken. Bis der brutale Determinismus der Handlung wieder die Direktive übernimmt. The Voices ist letztlich ein wenig wie eine verunglückte Gewaltversion des thematisch sehr ähnlich angelegten Film Lars und die Frauen (2007), dem es gelang, das Thema sozialer Isolation und psychischer Probleme auf berührende und trotzdem lustige Weise auf die Leinwand zu bringen. Dass hinter The Voices zudem Marjane Satrapi steht, deren Debütfilm Persepolis (2007) einigen Kultstatus genießt, ist angesichts dieses verunglückt vorhersehbaren Genrefilms eher überraschend. Bis zum Abspann ändert sich die grundlegende Empfindung jedenfalls nicht: Ratlosigkeit vor diesem Film. Nichts greift hier wirklich ineinander, und den durchaus ernsthaften Motiven – wie beispielsweise traumatischen Kindheitserfahrungen – steht nicht etwa eine ironisierende Haltung gegenüber, die den Film in irgend einer Form transzendieren würde, sondern eine schlichte Aktions-Reaktions-Logik ohne jegliche Doppelbödigkeit, die gerade für eine schwarze Komödie enttäuschend ist.

Trailer zu „The Voices“


Trailer ansehen (2)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.