The Viral Factor

Mit deutlich höherem Budget als bei seinen früheren Actionfilmen inszeniert Dante Lam ein ultrakinetisches Familiendrama. 

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Polizist Jon (Jay Chou) hat immer wieder denselben Traum. Hilflos plantscht er im Ozean und droht zu ertrinken. Erst im letzten Augenblick taucht eine helfende Hand auf und zieht ihn aus dem Wasser. Das Gesicht seines Retters erkennt er nicht. Doch als Jons Mutter ihrem Sohn eröffnet, dass er einen ungefähr gleichaltrigen Bruder in Malaysia habe, ahnt man schon, wer der geheimnisvolle Unbekannte aus dem Traum ist.

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Eine zerrissene Familie, die wieder vereint werden soll, ist das Hauptmotiv in Dante Lams neuem Film The Viral Factor. Das ist keine große Überraschung, handelt es sich doch bei vielen Actionfilmen aus Hongkong um verkappte Melodramen. Bevor der Protagonist aber versucht, die Wunden der Vergangenheit zu heilen, plagen ihn erst einmal andere Sorgen. Ein böser Virus namens Smallpox etwa, der die Menschheit ausrotten könnte und sich in den falschen Händen befindet. Oder seine immer noch geliebte Exfrau, die bei einem gemeinsamen Einsatz mit ihm ums Leben gekommen ist. Und dann klemmt auch noch eine Kugel in Jons Schädeldecke, die sich von den Ärzten nicht entfernen lässt.

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Lam zählt momentan zu den spannendsten Actionregisseuren. Mit The Beast Stalker (Ching Yan, 2008), Fire of Conscience (For lung, 2010) oder The Stool Pigeon (Sin yan, 2010) hat er zuletzt sein ultrakinetisches Genrekino perfektioniert und dabei immer wieder auf dieselbe Grundkonstellation zurückgegriffen: Die Konfrontation zweier antagonistischer, vom Schicksal gepeinigter Figuren. Das persönliche Trauma dient schließlich dazu, die Grenze zwischen Gut und Böse aufzulösen und damit eine Solidarität zwischen Polizisten und Kriminellen zu schaffen.

In The Viral Factor ist das nicht anders. Jons Bruder Yang (Nicholas Tse) verkehrt zwar unter Gangstern, ist im Grunde seines Herzens aber ein guter Mensch, der nur auf den falschen Weg geraten ist. Nachdem sich die ungleichen Brüder das erste Mal gegenüberstehen, müssen zunächst buchstäblich einige Kämpfe ausgefochten werden. Wenig später ballern die beiden aber schon Rücken an Rücken ihre Widersacher nieder. Gegen den Virus und für die Familie.

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Hongkong ist dafür bekannt, nach Hollywood das zweite Mekka für solides Genrekino zu sein. Jedoch mit dem Unterschied, dass die Filme dort exzessiver und billiger sind. Zumindest Letzteres trifft nur noch bedingt auf The Viral Factor zu. Mit China als Koproduzenten ist Lams neuer Film eine erhebliche Nummer größer als seine letzten Arbeiten. Den düsteren Großstadtdschungel von Kowloon hat er hinter sich gelassen und gegen spektakuläre Schauplätze in Jordanien und Malaysia ausgetauscht. Aber auch die Actionszenen sind aufwändiger und anspruchsvoller geworden. In regelmäßigen Abständen widmen sich längere Passagen ganz der Bewegungschoreografie und schaffen dort Kontinuität, wo die mitunter sprunghafte Handlung sie vernachlässigt.

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The Viral Factor setzt auf keine Welt, die der Zuschauer behutsam ertasten muss. Und so gibt es auch keine Schnitzeljagd, bei der zunehmend Informationen über die Beweggründe des Bösewichts offenbart werden, sondern ein schlichtes Telefonat, in dem er selbst fein säuberlich Absicht und Vorgehen erläutert. Diese teilweise etwas plump wirkende Informationspolitik zählt sicher nicht zu den Stärken des Films. Aber an Subtilität ist Lam ebenso wenig interessiert wie an Realismus, noch weniger als seine Kollegen aus dem Westen. Manchmal wirkt die Handlung mit ihren scheinbar endlosen Zufällen bis zur Parodie verdichtet. Dabei darf man nicht vergessen, dass diese rastlose Form von Kino durch solche überkonstruierten Plots überhaupt erst möglich ist. Sie sind die Grundlage für Actionszenen, und die sind auch das, was Lam wirklich souverän beherrscht.

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Es gibt auch reichlich davon zu sehen. Egal ob Einbrüche, Rettungsaktionen oder Verfolgungsjagden, mit wechselnden Waffen und Schauplätzen variiert der Film immer wieder aufs Neue die Auseinandersetzungen der gegnerischen Parteien. The Viral Factor watscht sein Publikum regelrecht her mit seiner ungebremsten Dynamik. Egal, ob die Figuren nun zu Fuß unterwegs sind, mit Autos oder gar mit einem Hubschrauber durch die Wolkenkratzer von Kuala Lumpur hetzen. Ruhe und viel Tränen gibt es erst dann, wenn die Gegner alle tot sind und der Film sich wieder ganz auf sein Familiendrama konzentrieren kann. 

Trailer zu „The Viral Factor“


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