The Velvet Vampire

California Desert Dreaming: Stephanie Rothmans vierter Spielfilm ist ein nur wenig besungener Klassiker des erotischen Vampirfilms. Den europäischen Merkmalen des Genres setzt er kalifornischen Lifestyle und eine ausgeprägte weibliche Perspektive entgegen.

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Der erotische Vampirfilm ist ein weitestgehend europäisches Phänomen, das vor allem mit Jess Franco oder Jean Rollin assoziiert wird und an der Schnittstelle von Horror-, Sex- und Kunstfilm beheimatet ist. Der enorme Erfolg von Harry Kümels Blut an den Lippen (Les lèvres rouges, 1971) in den USA (wo sein Film als Daughters of Darkness gelaufen war) inspirierte aber auch einige US-amerikanische Filmemacher zu eigenen Interpretationen des Genres. Stephanie Rothmans für Roger Cormans New World Pictures produzierter The Velvet Vampire (1971) ist einer dieser Filme – und muss sich hinter den europäischen Klassikern keineswegs verstecken, adaptiert die bekannten Motive hingegen für eine typisch kalifornische Variation des Stoffes, der manche gar nachsagen, feministisch zu sein.

Szenen einer kalifornischen Ehe

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The Velvet Vampire folgt dem jungen Ehepaar Lee (Michael Blodgett) und Susan (Sherry E. DeBoer), das bei einer Kunstausstellung die Bekanntschaft der attraktiven Diane LeFanu (Celeste Yarnall) macht. Der Zuschauer weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Diane eine Blutsaugerin ist, hatte sie doch kurz zuvor einen Vergewaltiger (ein junger Robert Tessier, dessen markante Gesichtszüge in den 1980ern zahlreiche B-Actionfilme und nahezu alle populären Fernsehserien aufwerteten) beseitigt. Lee, ein braungebrannter, blonder Surfertyp mit verträumtem Blick, ist sofort angetan von der dunkelhaarigen Schönen, sehr zum Missfallen seiner Frau Susan, einem blonden Hippiemädchen, das mit der Idee der freien Liebe aber nur wenig am Hut hat, stattdessen das moralisch reine All-American-Girl verkörpert. Aber natürlich gibt sie ihrem Lee nach, als dieser ihr euphorisch eröffnet, dass sie übers Wochenende in das Haus Dianes eingeladen seien, das sich mitten in der Wüste befindet.

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In der ausladenden Villa Dianes beginnt ein erotisches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sich auch die Machtverhältnisse zwischen den Eheleuten verkehren: Susan ist zunächst auf die Rolle der betrogenen Eifersüchtigen zurückgeworfen, die machtlos dabei zusehen muss, wie Diane ihrem Ehemann den Kopf verdreht. Für ihre Warnungen und Ängste ist er nicht zugänglich, wirft ihr erwartungsgemäß Hysterie und eben Eifersucht vor. Das ändert sich, nachdem Susan die beiden tatsächlich beim Liebesspiel ertappt hat. Während Lee plötzlich beginnt, an der Reinheit der Motive ihrer Gastgeberin zu zweifeln und lieber jetzt als gleich nach Hause will, möchte Susan nicht länger zurückstehen und ihrerseits endlich etwas von den Früchten kosten, die Diane so reichhaltig im Angebot hat. Es kommt zur unvermeidbaren Eskalation, zum Tod eines der Ehepartner, zur großen Auseinandersetzung mit der Vampirin – und einer Schlusseinstellung, die berechtigte Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Happy Ends aufkommen lässt.

Rollin in Kalifornien

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The Velvet Vampire erinnert in seiner Figuren- und Handlungskonstellation tatsächlich stark an die Filme von Jean Rollin: das Pärchen, das am Ende einer Reise in einer fremdartigen Welt landet, wo Realität und Traum verschwimmen; die Konfrontation mit unerklärlichen Phänomenen; Sex als disruptives, bewusstseinserweiterndes Element; die Natur als gleichermaßen poetische wie zerstörerische Kraft. Aber während Rollin in seinen Filmen auch die Ordnung stiftende Tendenz der Sprache ausschaltet, indem er seine Protagonisten mit Sprachlosigkeit schlägt, eine Welt zeichnet, die sich jedem rationalen Zugriff widersetzt und gerade so ihre Schönheit bewahrt, handelt Rothmans Film eher von dem Bemühen, menschliche Vernunft und tierischen Trieb in Balance zu halten. Die Heimat Dianes ist eine gefährliche Wüstenwelt, ihre rätselhafte Schönheit eine Maske, die den Betrachter in Sicherheit wiegen soll. Je länger der Film dauert, umso klarer wird, dass auch Diane eine Gefangene dieser Welt ist, und ihre vermeintliche Freiheit – die sich in ihrem klar artikulierten sexuellen Verlangen äußert – in Wahrheit ein Fluch.

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Die Euphorie, die die Studentenbewegung der späten 1960er Jahre beflügelte, sie von der sexuellen Revolution und freier Liebe träumen ließ, wird in The Velvet Vampire als Vernebelung der Sinne gezeichnet. Dass sich Dianes Vampirismus am Ende als Symptom einer seltenen Blutkrankheit entpuppt, darf man schon als prophetisch bezeichnen. Vielleicht wollte Stephanie Rothman ihren zahlenden „Kunden“, oftmals eben jene „dirty old men“, denen man als Regisseurin nicht unbedingt noch Stoff liefern wollte, auch nur den Spaß verderben: Eigenen Aussagen zufolge war sie nur wenig glücklich damit, den Exploitation-Markt bedienen zu müssen und immer darum bemüht, Gewalt und Nacktheit erzählerisch zu rechtfertigen.

LeFanus Wüstenblues

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Dieser Plan ging bei The Velvet Vampire voll auf, wie auch bei vielen anderen Filmen aus Cormans New-World-Schmiede. Schon Rothmans The Student Nurses (1970) wurde von den Kritikern einst für seine humorvolle Gesellschaftskritik gelobt, und auch hier gelingt ihr das Kunststück, mit bescheidenen Mitteln einen sehr künstlerischen, poetischen und schönen Film zu drehen. The Velvet Vampire verfügt über eine traumgleiche, verspielte Atmosphäre, die Rothman erreicht, ohne in abgegriffene Inszenierungsklischees zu verfallen. Da trifft auf dem Soundtrack der erdige Blues von Johnny Shines auf Sixties-Pop, europäische Schauerromantik auf US-amerikanische Wüstensettings, und Indianermythen sowie eben waschechter Pulp auf ein Drehbuch, das sich nicht damit begnügt, bloß Stichworte zu geben. Das Ergebnis ist ein visuell kraftvoller Film, der Cormans Sonderstellung im Exploitation-Bereich unterstreicht: eine Sonderstellung, an der Stephanie Rothman zu Beginn der 1970er Jahre einigen Anteil hatte.

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