The Unknown Known

Wissen – Nichtwissen, Tun – Nichtstun, Aufklärung – Verklärung. Zwei Sprachgenies ringen um amerikanische Geschichte.

„There are known knowns; there are things we know we know.
But we also know there are known unknowns; that is to say, we know there are some things we do not know.
But there are also unknown unknowns; the ones we don’t know we don’t know.“

Donald Rumsfeld, 12. Februar 2002

The Unknown Known 01

Selbst die gewieftesten Berichterstatter aus Washington hätten wohl nicht vorausahnen können, was Ex-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf die so einfache Frage antworten würde, ob es Hinweise gäbe oder nicht, dass Bagdad mit Terrornetzwerken wie al-Qaida in Verbindung steht. Natürlich ist es eine der ersten Lektionen für Politiker, unliebsamen Fragen entweder durch Delegitimierung ihrer Prämissen oder durch Beantwortung einer imaginären anderen Frage auszuweichen. Aber Rumsfelds Taxonomie des Wissens und Nichtwissens war viel mehr als das: Es war zugleich meisterhafte Sophisterei, auszeichnungswürdige Verrenkung der englischen Sprache und Selbstentblößung eines politischen Entfesslungskünstlers. Das kriegstreiberische Lavieren der ersten Regierung George W. Bushs scheint hier sinnbildlich komprimiert, die Kunst des Unspeak auf die Spitze getrieben. Man redet von großen erkenntnistheoretischen Fragen, aber im Wesen geht es um Krieg, vielleicht auch um Öl, in jedem Fall aber um Menschenleben.

Es ist also fast ein match made in heaven, dass sich Errol Morris nun in seinem neusten Film mit dem Wortjongleur Rumsfeld befasst. Wie kaum ein anderer Regisseur erforscht Morris in seinen wunderbar hintersinnigen Dokumentarfilmen seit Dekaden die Verbindungen von Wahrheit und Lüge, von sprachlicher Darstellung und tatsächlicher Verfassung der Welt. Hier treffen nun zwei hochintelligente Titanen der immer weiter auseinanderdriftenden Extreme des amerikanischen Politspektrums aufeinander: Der emeritierte Neo-Con als graue Eminenz vor und der investigative Liberal als schnarrende Stimme hinter der Kamera.

Schon der Titel lässt sich völlig auf Rumsfelds philo-politische Sprachakrobatik ein: The Unknown Known. Denn wer genau hinschaut, merkt, dass der Verteidigungsminister seinerzeit genau diese Kombination aus Wissen und Nichtwissen ausgelassen hat. Das heißt aber nicht, dass sie Rumsfeld nicht bedacht hätte. In einem von zigtausend während seiner gut vierzigjährigen Karriere verfassten Memos definiert er diese dunkle Kategorie wie folgt: „A thing that you think you know that turns out you did not.“ Das ist nicht weniger als eine Steilvorlage für Morris, noch einmal nachzuhaken. Denn was waren die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen in den Händen Saddam Husseins anderes als vorgeblich Gewusstes, von dem später niemand mehr etwas gewusst gehabt haben wollte. Weil es sie nicht gab. Aber auch darauf hat Rumsfeld ein Mantra parat: „The absence of evidence is not the evidence of absence.“

Die Memos, von ihm selbst beinahe liebevoll als „Snowflakes“ bezeichnet (weil sie massenhaft auf seine Mitarbeiter regneten wie Schneeflocken), werden von Morris eingesetzt, um Rumsfeld zum Zeitpunkt ihres Verfassens mit dem heutigen Rumsfeld vor der Kamera in Dialog treten zu lassen. Die Zeiten stehen einander gegenüber, mal widersprechen, mal ergänzen sie sich, aber immer bieten sie dem Konservativen eine Möglichkeit, seine enormen rhetorischen Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Hier ist ein in jahrzehntelanger Erfahrung gestählter Politprofi am Werk, der sich ein ums andere Mal aus der Schlinge zu ziehen vermag, was durch das immer gleiche Grinsen quittiert wird. Und der Schlagabtausch macht ihm sichtlich Spaß, wenn er etwa genüsslich das Lügenparadoxon über alle seine Allgemeinplätze legt: „All generalisations are false. Including this one.“

The Unknown Known 02

Der Film schlägt einen großen Bogen von Rumsfelds politischen Anfängen in den 1960er Jahren über seine Zeit als jüngster Verteidigungsminister der Geschichte unter Präsident Ford bis zu den schicksalhaften Jahren nach 9/11. Wie auch in Morris’ anderen Filmen ermöglicht eine technische Apparatur namens Interrotron, dass der Interviewte direkt in die Kamera spricht. Das macht aus The Unknown Known einen echten Kinofilm: der gigantische Schädel, der fordernde Blick wirken um so mächtiger auf den Zuschauer ein. Uns tritt da ein Geist entgegen, dessen Geschichtsbild eine unendliche Abfolge der Katastrophen ist: Pearl Harbor, Vietnam, das Beirut Barracks Bombing, 9/11. Rumsfeld zieht daraus den Schluss, dass in der Politik der Unterschied zwischen Wissen und Handeln nicht existiert: Zu wissen ist der Imperativ, aktiv zu werden. Auch wenn man nur glaubt zu wissen. Und auch auf die Gefahr hin, Fehler zu machen. Mit Verweis auf Nixon sagt er: „We don’t fall into the same potholes as our predecessors. We tend to make original mistakes.“

Insgesamt bleibt sich Morris treu. Wer seinem für europäische Augen arg reißerischen, hier außerdem mit Danny Elfmans nervtötend hymnischer Musik unterlegten Stil bisher nichts abgewinnen konnte, wird auch an The Unknown Known keine Freude haben. Dramatische Reinszenierungen, billige CGI-Animationen, Time-Lapse-Aufnahmen sowie sich über und unter Archivmaterial legende Texteinblendungen können nach Infotainment schmecken. Aber Morris ist kein Michael Moore, man darf sich durch die Hochglanzoberflächen nicht von der enormen Informationsdichte und intellektuellen Tiefe ablenken lassen.

Nur ein-, zweimal schafft es Morris, seinen Kontrahenten sprachlos zu machen. Besonders eindrücklich bleibt die Szene, in der er Rumsfeld aus einem Bericht vorliest, der diesen mit Foltermethoden in Guantanamo und Abu Ghraib in Verbindung bringt. Hier ist Morris, der sich schon in Standard Operating Procedure (2008) mit den Verantwortungsstrukturen hinter den berüchtigten Folterfotos aus dem Bagdader Gefängnis auseinandergesetzt hat, seinem Kontrahenten überlegen. Und hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen den beiden gleichermaßen am sprachlichen Spiel um Wahrheit und Wissen Faszinierten: Morris spielt, um durch das Dickicht aus Behauptungen und Logeleien zu einer ernsthaften Aufarbeitung der amerikanischen Unrechtsgeschichte zu gelangen. Deshalb spricht er mit Ex-Verteidigungsministern wie Robert McNamara über den Vietnamkrieg (The Fog of War (2003)), mit Rumsfeld über den Irak. Doch sein Gegner spielt hier nur, um sich selbst zu retten.

Trailer zu „The Unknown Known“


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