Die zwei Gesichter des Januars

Im Labyrinth menschlicher Abhängigkeiten.

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Der Schriftstellerin Patricia Highsmith gelang der große Durchbruch, als Alfred Hitchcock 1951 ihren ersten Roman Zwei Fremde im Zug für die Leinwand adaptierte und einen gefeierten Thriller daraus machte. Den Höhepunkt ihrer Karriere erreichte Highsmith mit ihrer Romanreihe rund um den zwielichtigen Betrüger Tom Ripley, die bis heute in zahlreichen Interpretationen verfilmt wurde. Der Drehbuchautor Hossein Amini wagt sich nun für sein Regie-Debüt mit Die zwei Gesichter des Januars (The Two Faces of January) an einen weniger bekannten und von der Kritik durchwachsen aufgenommenen Roman der Autorin, die vor allem für ihren Fokus auf die Psychologie ihrer Charaktere bekannt ist. Ihre Thriller gehören nicht zum „Whodunit“-, sondern zum „Whydunit“-Genre – hier geht es weniger um die Überführung des Täters als um seine innere Motivation, etwas Unrechtes zu tun, und die Umstände, die ihn korrumpieren. Amini bleibt diesem Fokus in seiner Adaption treu und schafft so einen spannenden Thriller, der mit seinen historischen und mythischen Bezügen trotzdem eine zeitlose Geschichte von menschlichem Kampf um Selbstbestimmung erzählt.

Chester MacFarland (Viggo Mortensen) und seine junge Frau Colette (Kirsten Dunst) geben bei ihrem vermeintlichen Urlaub in Griechenland ein glamouröses Paar ab. Dieser Meinung scheint auch der junge Touristenführer Rydal (Oscar Isaac) zu sein, der besonders Chester bei einem Besuch der Akropolis nicht aus den Augen lässt. Colette spricht ihn an und ist überrascht, in ihm einen amerikanischen Elitestudenten zu finden, der ein Leben jenseits vom Einfluss des ehemals übermächtigen Vaters führen will. Nach einem gemeinsamen Abendessen will das Trio wieder auseinandergehen, doch eine Reihe von Schicksalsschlägen verbindet die drei in emotionale und äußere Abhängigkeiten, die einen Abschied unmöglich machen.

Die zwei Gesichter des Janus

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Die Figurenkonstellation der Romanvorlage ist typisch für Geschichten, die in der Blütezeit des Film noir zwischen 1940 und 1960 verfilmt wurden. Älterer Mann mit Geld, jüngere schöne Frau und junger, oft ahnungsloser Verehrer, der zum Liebhaber und letztlich oft zum Opfer der Frau wird. Glücklicherweise hat Amini seine Protagonisten über diese Schablonen hinauswachsen lassen und Charaktere erschaffen, die mit ihren großen Schwächen und zum Scheitern verurteilten Sehnsüchten eine Gattung von Antihelden verkörpern, die bei allem Abscheu vor ihren Verfehlungen immer auch das Mitgefühl des  Zuschauers auf ihrer Seite haben. Kirsten Dunst spielt Colette in aufrechter Statur und unstetem Blick als eine Frau, die sich stets bemüht, Haltung zu wahren, und doch ständig droht, emotional zusammenzubrechen, während Chester immer eine Zigarette oder ein Glas Alkohol in den Händen halten muss, um sich autoritär zu fühlen. Auf die Ambivalenz der Figuren bereitet schon der Titel vor, der sich auf Janus, den römischen Gott des Anfangs und des Endes, bezieht. Chester und Rydal stehen symbolisch für dessen zwei Köpfe und kämpfen dabei ständig um ihr Recht auf Definition der eigenen Rolle.

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Amini hat mit Die zwei Gesichter des Januars einen Thriller konstruiert, der in erster Linie nicht durch überraschende Plot-Twists oder einen starken Antagonisten, sondern durch den inneren Kampf seiner Charaktere mit ihren gewählten Rollen besticht. Zu Beginn des Films bewegen sich die drei darin noch mit großer Sicherheit – Chester und Colette passen schon allein optisch perfekt in die Welt von Aminis erdfarbenen Griechenland der 1960er Jahre, und Rydal wird mit seinem dunklen Teint und den einwandfreien Sprachkenntnissen in der Regel sogar für einen Einheimischen gehalten. Kostüm und Ausstattung sind bei aller historischen Akkuratesse doch zurückhaltend, und dass wir uns nicht in der Gegenwart befinden, drängt sich nur selten auf – besonders Kreta ist mit seiner Kargheit und den schlicht gekleideten Bewohnern ein zeitloser Ort und damit die perfekte Bühne für eine zeitlose Geschichte über die Untiefen menschlicher Natur.

Zitate und eigene Handschrift

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In Hitchcocks Adaption des ersten Highsmith-Romans steht einem etwas hilflosen, aber moralisch integerem Protagonisten ein Antagonist gegenüber, dessen psychopathische Züge sich von Szene zu Szene verstärken, wodurch ein gleichmäßig ansteigender Spannungsbogen aufgebaut wird, der sich schließlich in einem furiosen Finale entlädt.

Bei Amini scheinen die Dinge zunächst nicht so klar: Alle Figuren bergen Identifikationspotenzial und Sensibilität, doch schnell wird deutlich, dass ihnen das nichts nützen wird. Die zu Beginn des Films genannte Ohnmacht der Menschen gegen die göttliche Willkür entspricht auch der Figuren gegen ihren Regisseur. Seine Szenen bieten keinen Ausweg, er treibt die drei durch enge Gassen, kleine Zimmer, Menschenmengen, weite Landschaften ohne Flucht- und Versteckmöglichkeiten und schließlich durch das Labyrinth von Knossos, jenes mythische Verlies des Minotaurus, in dem das längst aufröhrende Monster unweigerlich ausbrechen muss. Ist der Kampf um die Selbstbeherrschung erst einmal verloren, blickt die Kamera plötzlich in neuen Winkeln auf die Handelnden, und die Bildgestaltung nimmt ganz nach dem berühmten Vorbild zunehmend expressionistische Züge an.

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Am deutlichsten sind Aminis stilistische Hitchcock-Anleihen auf der Tonebene, die sich musikalisch sehr stark an den Arbeiten des Komponisten Bernard Herrmann orientiert. Hier wäre etwas weniger Zitieren wünschenswert gewesen, weil sich der Vergleich mit dem Regie- und Genre-Vorbild so sehr aufdrückt, dass man immer wieder aus dem Fluss von Aminis Geschichte geworfen wird, der in seiner Inszenierung eigentlich alles daran setzt, Zuschauer und Figuren immer stärker zu fesseln. Während die Figuren kämpfen, will sich der Zuschauer gern ergeben, doch die Provokation der übermächtigen Anspielungen macht das zwischendurch nicht immer einfach.

Trailer zu „Die zwei Gesichter des Januars“


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