The Tribe

Sprechende Körper: Die gehörlosen Protagonisten dieses ukrainischen Dramas kommunizieren durch Gestik und Gewalt.

The Tribe 03

Und es ward Bild. So begann einst die Filmgeschichte, rein visuell, ohne Ton. Bis 1927 hießen diese Werke einfach „Filme“, danach plötzlich „Stummfilme“. Die Geschichte dieses Films, The Tribe (Plemya, 2014), beginnt mit einer Präambel in Schriftform: „Dieser Film ist in Gebärdensprache. Er verzichtet bewusst auf Übersetzungen, Untertitel und Voice-over.“ Ein Taubstummenfilm – und doch jenseits der Stille. Vielleicht ist die Bezeichnung „Selektivtonfilm“ präziser, denn wir hören zwar einige Geräusche, andere blendet The Tribe jedoch gezielt aus: die Worte von Sprechenden etwa. Oder das Fiepen eines rückwärts fahrenden Trucks.

Auf einmal liegt ein junger Mann unter dem Truck, er hat das Warnsignal nicht gehört. Er geht auf die selbe Gehörlosen-Schule wie der Neuling Sergej (Grigory Fesenko). Nach diesem Unfall ist seine Gang kopflos, und so übernimmt Sergej die Alltagsgeschäfte: Mitschüler drangsalieren, Geld erpressen, Passanten zusammenschlagen und berauben – und natürlich zwei Klassenkameradinnen nachts zum Truckparkplatz fahren, damit sie dort für die Fahrer ihre Beine breit machen und so die Einnahmen der Gang steigern. Ein Lehrer hilft ihm dabei und bekommt seinen Anteil. Dann aber verliebt sich Sergej in eines der Mädchen.

Im Osten nichts Neues

The Tribe 05

Am Plot dieses in Cannes gleich dreifach prämierten Films ist wahrlich nichts Besonderes. Es handelt sich um eine geradezu klischeehafte Aneinanderreihung brutaler, verstörender Szenen, wie sie zum Markenzeichen eines bestimmten Filmtypus geworden sind, der oft als „osteuropäischer Miserabilismus" bezeichnet wird. Wir sehen, wie ein Mensch mit einem Holzhammer erschlagen wird, schauen zu, wie die Schüler-Gang einen Klassenkameraden erst dem berüchtigten Waterboarding unterzieht und ihm dann eine Glasflasche auf den Kopf knallt, und wir werden Zeuge eines Vierfach-Mordes, der an die Feuerlöscherszene aus Irréversible (2002) erinnert. Wen all dieser anthropologische Pessimismus immer noch nicht ausreichend bedrückt hat, für den hält Regisseur Miroslav Slaboshpitsky eine Zugabe bereit: Ein schwangeres Mädchen besucht eine Engelmacherin, die in ihrer Küche für ein Taschengeld illegale Abtreibungen vornimmt. Kaum ist die schmerzhafte Prozedur vorbei, verlässt sie wortlos das Zimmer und überlässt das schreiende, heulende Mädchen seinem Schicksal.

Die universelle Sprache der Körper

The Tribe 02

Solche Bilder gesellschaftlicher Verrohung werden auch in anderen Filmen häufig von Sprachlosigkeit begleitet. In The Tribe ist dieser Umstand allerdings eine Notwendigkeit, denn die Figuren werden allesamt von tatsächlich gehörlosen Amateurschauspielern verkörpert. Und dieses Verkörpern ist wörtlich gemeint: Wo es keine Worte gibt, müssen die Körper sprechen. So gestikulieren die Protagonisten denn auch ständig wild und – wie einst in der Vorsprachlichkeit des Stummfilms – überbetont herum, was aber auch daran liegt, dass ihr ruppiges Miteinander hauptsächlich aus Streiten, Fordern, Drohen und Abwinken besteht. Oft mündet dieses Aggressionspotenzial in Gewalttaten. Kein Wunder, ist doch Gewalt eine Sprache, mit der Sprachlose sich eine Stimme verleihen.

The Tribe 01

Dass der Film mit der Nicht-Übersetzung von Gebärdensprache experimentiert, tut seiner Verständlichkeit indes keinen Abbruch. Handlungen sind schließlich wesentlich unmissverständlicher und zuverlässiger als Worte. Die Sprache der Körper ist universell. Hier sind es fitte, junge Männerkörper, oft in Schwarz gewandet und so ihre Bedrohlichkeit ausdrückend. Häufig sondern sie überschüssiges Testosteron ab – ob durch Gewalt oder Sex. Der Sex ist hier freilich stets von Gewalt durchdrungen, er stellt mehr ein Ausnutzen des anderen, fremden Körpers dar als ein zärtliches Miteinander.

Exzess und Reduktion

The Tribe 08

Doch es ist eben gerade nicht dieses Exzessive, sondern das Reduktive, das den Film interessant macht. Der Verzicht auf hörbare Sprache und das Ausblenden bestimmter Geräusche (wie es auch in Tabu (2012) vorkommt) ist ein experimenteller Ansatz, der den Konzepten des feministischen Films oder des Black Cinema ähnelt. The Tribe übernimmt die Wahrnehmung, das Welterfahren seiner Protagonisten in die eigene Form und versetzt den Zuschauer so in die Perspektive einer gesellschaftlichen Randgruppe. Dass Regisseur Miroslav Slaboshpitsky die Sprachlosigkeit seiner Protagonisten nicht als Allegorie der aktuellen politischen Situation in der Ukraine inszeniert, ist ein weiteres Moment sinnvoller Reduktion. Dieser Versuchung nachzugeben, hätte den Film überfrachtet und das individuelle Narrativ zugunsten des gesellschaftlichen in den Hintergrund gerückt.

The Tribe 06

Auch stilistisch agiert Slaboshpitsky zurückhaltend: Auf Musik verzichtet er konsequenterweise gänzlich. Die Kamera bleibt oft lange statisch in einer Stellung, folgt höchstens in einigen Plansequenzen den Figuren, ohne ihnen aber je zu nahe zu kommen und dem Zuschauer durch Close-ups Empathie aufzuzwingen. Anders als im größtenteils schwarz-weißen, experimentellen Gehörlosen-Sozialdrama The Voice of the Voiceless (La Voz De Los Silenciados, 2013) geht es in The Tribe eben nicht um Mitgefühl, sondern um einen Seitenwechsel – also darum, einmal die Position des Anderen einzunehmen und zu lauschen, wie es wohl sein muss, gehörlos zu sein.

Trailer zu „The Tribe“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.