Der Schatz

Aus der Erde heben, was die Kommunisten nicht enteignen sollten: Der Schatz erzählt ein Märchen aus dem Herzen der Gegenwart Rumäniens, wo Menschen mit Kapitalismus und Individualismus hadern, aber ohne großes Zögern auf Schatzsuche gehen.

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Humor, Leid und humanistische Faszination liegen in der schwarzen Komödie von Corneliu Porumboiu ganz nah beieinander. Aus dem Ernst entwickelt sich die Komik von Der Schatz (Comoara), der erwachsenen Männern bei einer Schatzsuche zusieht. Was da passiert, erscheint im ruhigen Erzählfluss des Rumänen gleichzeitig als unausweichlich und unwahrscheinlich: Sein Chef will Costi (Cuzin Toma) jedenfalls nicht glauben, dass er keine Affäre mit der Kollegin hat. Dass Costi von der Arbeit ferngeblieben sein soll, um einen Metalldetektor für die Suche nach vergrabenen Reichtümern zu besorgen, passt offenbar nicht in sein Weltbild. Er besteht darauf, dass Costi eine Affäre hat, bis dieser schließlich eine erfindet, um den Chef nicht vor den Kopf zu stoßen. Überhaupt ist der Protagonist sehr entgegenkommend.

Metalldetektor zum Glück

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Costi steht antithetisch zum egomanischen Regisseur in Porumboius letztem Spielfilm When Evening Falls on Bucharest or Metabolism (Când se lasă seara peste Bucureşti sau metabolism, 2013). Er macht kein großes Aufheben um sein Tun, um sein Vatersein, Ehemannsein, Nachbarsein. Mühelos engagiert wirkt er, als erwarte er dafür auch keinen Dank. Nichts scheint ihn erschüttern zu können, sein Blick ist undurchdringbar. Seine Motive bleiben lange im Unklaren, unnachgiebig verfolgt er das Glück seiner Nächsten, und zwar, wie sich herausstellt: aus einer erfrischend optimistischen Perspektive, die sich nicht in den individualistischen Kapitalismus auflöst, sondern ein Gleichgewicht sucht und die Menschen in den Mittelpunkt rückt.

Fast deckungsgleich mit dem Antrieb der Figur erscheint die Haltung des Films: Aufmerksam betont er das märchenhafte Potenzial, das sich an der Realität nicht brechen lassen will, nicht brechen lassen kann. Die Schatzsuche ist tatsächlich gar nicht die von Costi, sondern die seines Nachbarn Adrian (Adrian Purcarescu), der fest daran glaubt, dass auf dem Familiengrundstück auf dem Land etwas vergraben liegt, was seine Vorfahren vor den Kommunisten verstecken wollten. Weil Adrian vor einem Schuldenberg steht und schon die Zinsen auf die Wohnung nicht mehr bezahlen kann, ist er auf den Fund umso mehr angewiesen. Von Costi will er das Geld für die Miete des Metalldetektors, dafür verspricht er ihm die Hälfte des Schatzes. Porumboiu filmt das nicht als Abenteuerfilm und auch nicht als Thriller, obwohl er beiden Genres Elemente abluchst. Der Schatz sieht wie ein Slow-Cinema-Drama aus, fühlt sich aber wie eine trockene Komödie an. Denn der Regisseur kombiniert das Prozedurale mit dem Utopischen und findet zu einer unbeirrbar-amüsierten analytischen Perspektive.

Tatterige Suche und schelmische Milieuschilderung

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Nach den zwei formal sehr strengen Filmen When Evening Falls … und The Second Game (Al doilea joc, 2014), die aus wenigen bzw. einer starren Einstellung bestehen, setzt der Regisseur in Der Schatz wieder verstärkt auf die Kraft der Montage. Auch hier sind es oft großartig komponierte Totalen, die den Ton angeben und die besondere Stimmung zwischen elegischer Selbstfindung, tatteriger Suche und schelmischer Milieuschilderung heraufbeschwören. Obwohl sich der Schnitt durchaus der Handlung unterzuordnen scheint, gelingt es Porumboiu mit seiner Cutterin Roxana Szel stets, eine leichte, aber effektive Asynchronität herzustellen zwischen Bild- und Story-Fluss, so dass auch noch der simpelste Schuss-Gegenschuss eine analytische Wirkung entfaltet, bei der die Teile auf mehr als nur das Ganze verweisen, sich in dieses nicht ganz ohne Widerstand einfügen.

Die zentrale, gut ein Drittel des Films einnehmende Sequenz der tatsächlichen Schatzsuche im Garten vereint die besten Eigenschaften von Porumboius Kino: Da ist zum einen die Beobachtung eines Settings, das, obgleich in pure Kinobilder gegossen, sein Wesen als Erforschung einer rumänischen Realität nie verbirgt. Da ist zum anderen die Beobachtung der Darsteller, die stets den Eindruck erwecken, etwas Substanzielles von sich und ihrer Sozialisierung preiszugeben. Dann ist da außerdem die Story, die hier auf ihre größten komödiantischen Blüten zusteuert – mit einer dritten Figur: dem sichtlich überforderten Bediener der Metalldetektoren. Durchwirkt werden alle drei Elemente von der Poesie von Licht, Farbe und Perspektivwechseln, die die Szenerie gleichzeitig zum ästhetischen Genuss und zum intellektuellen Vergnügen aufbereiten.

Utopien auf einer Bank

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Die bemerkenswerte Stärke von Der Schatz liegt aber vielleicht jenseits einer solchen herausgestellten, auf das Beeindrucken angelegten, ausgefeilten Komposition. In einer minimalistischen Szene sitzen Costi und seine Frau Raluca (Cristina Toma) nebeneinander auf einer Bank und schauen ihrem Sohn Alin (Nicodim Toma) beim Spielen zu. Sie gucken sich kaum an, diskutieren mit dem größten möglichen Ernst, wie sie darauf reagieren können, dass ihr Sohn von einem Kameraden geschlagen wurde. Mit dem Vater reden, mit der Mutter, mit dem Direktor? Nacheinander deklinieren sie ihre Handlungsmöglichkeiten und deren Konsequenzen durch, beide haben unterschiedliche Vorschläge und tasten sich nüchtern zur besten Option durch. Es ist eine hinreißend schlichte Szene, in die Porumboiu seinen trockenen Humor und eine merkwürdige, aber charmante Utopie der Erziehung eingeschrieben hat. Kurz flammt der Gedanke auf: Was wäre, wenn uns Menschen wie Costi und Raluca den Glauben an Märchen zurückschenkten?

Trailer zu „Der Schatz“


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