The Town - Stadt ohne Gnade

Die Stadt, die es nicht gibt: Soziale Misere als romantisches Kapital in Ben Afflecks The Town – Stadt ohne Gnade.

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Nicht selten gleicht der Helikopterflug im Hollywoodfilm einem Blankoscheck zum schnellen Etablieren einer Szenerie: einmal drüber geflogen und schon ist der Film in der Welt situiert, in „New York“, in „Los Angeles“ oder, im Falle von Ben Afflecks The Town – Stadt ohne Gnade in „Boston“, genauer „Charlestown“. Der Flug über die Dächer enthebt Regisseure von der Pflicht, sich wirklich hinab zu begeben in die tiefen Wirrungen ihrer Welt, ohne jedoch ganz die Bande zur Wirklichkeit zu kappen. Vielleicht lockt die amerikanische Reißbrett-Stadtarchitektur auch zu solcherlei Hinüberfliegen; aus vertikaler Distanz betrachtet, erscheinen die akkurat gezogenen Straßenmuster zugleich abgründig und wohlgeordnet, überschaubar und unendlich entrückt.

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Und in The Town wird viel geflogen über Boston Charlestown, mit dem knapp 70 Meter messenden Obelisken des Bunker Hill Monument als optischem Fix- und Mittelpunkt. Errichtet zum Andenken an eine der ersten Schlachten der amerikanischen Unabhängigkeitskriege, verweist es auf die lange Geschichte der Auflehnung und des Eigensinns Charlestowns, die Affleck in seiner zweiten Regiearbeit fortzuschreiben gedenkt. Ein einleitender Textbildschirm beschreibt das Viertel, einst irische Hochburg und aktuell Schauplatz radikaler Gentrifizierung, als Hort der Kriminalität und Eigengesetzlichkeit mit jährlich mehr als 300 Banküberfällen. Zugleich deutet die architektonische Form des Obelisken, dieses klassischsten aller Phallussymbole, auf die männliche Dominanz hin, auf den allgegenwärtigen Machismus der Bankräuberclique um den nachdenklichen Organisator Doug MacRray (Affleck) und den gewaltgeilen James Coughlin (Jeremy Renner). Und der Obelisk ist nicht zuletzt auch Zeichen des Todes, auf Friedhöfen errichtet als steingewordener Index der Transzendenz, der Sonne und des Himmelreichs. Im Falle von The Town konkretisiert sich diese diskursive Linie in den Fluchtfantasien MacRays: Charlestown ist Endstation, wer aufgewachsen ist zwischen den Sozialbauten und den heruntergekommenen kolonialen Straßenzügen, den lässt dieses Viertel seinen Lebtag nicht los.

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Viele politische und sozialkritische Gedankenläufe ließen sich also in dieses Szenario einschreiben, in dieses Umfeld der Armut und verbitterter Working-Class Kaltschnäuzigkeit. Nur belässt es Affleck bei ein, zwei Verweisen, er hält nicht das im Titel gegebene Versprechen: die „Stadt“ als soziales Milieu, als handlungsmotivierendes und -erklärendes Beziehungssystem, bleibt eine Behauptung.

Was zum Großteil daran liegen mag, dass Affleck weniger einen Gangster- denn einen Liebesfilm drehen wollte. Nicht, dass nicht geschossen und geflohen und gestorben würde in The Town. Doch in der Tiefe schlägt da ein romantisches Herz, dem mehr an Fragen der Ehrlichkeit als an Fragen der Gesetzestreue gelegen ist, und das lieber redet als ballert. Emotionale Kriminalität wiegt hier schwerer als legale.

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Gleich im einleitenden Überfall entführen die vier Kumpel die hübsche Bankangestellte Claire Keesey (Rebecca Hall), ein Bürgerkind aus gesitteten Verhältnissen, die ihr schlechtes Gewissen durch soziale Arbeit im harschen Charlestown zu bekämpfen sucht. Viel Zeit verwendet Affleck auf langwierige Dialogszenen zwischen dem vom ihm gespielten Charakter MacRays und der jungen Dame; natürlich verlieben sie sich ineinander, natürlich entwachsen daraus unlösbare Konflikte der Loyalität. Es wäre zu verschmerzen, dass Affleck kein Soziologe ist, aber auch als Romantiker kann er sich hier nicht beweisen. Ihm gelingt es nicht, die beiden Bezugssysteme gewinnbringend kurzzuschließen, und so verkommen MacRays langatmige Erinnerungen an die verkorkste Jugend ohne Mutter zu reinen Impulsgebern, die in Keesey Reaktionen des Mitleids und der Hingezogenheit zu diesem vom Leben Gezeichneten wachrufen.

Die Ausweglosigkeit des Lebens für einen unter harten Bedingungen sozialisierten jungen Mann verhandelt The Town letztlich vor allem über das Schauspiel, und da mit durchaus beachtlichen Erfolgen. Affleck selbst vernuschelt sich zwar beizeiten in einem stets leicht aufgesetzt wirkenden Ostküsten-Slang, aber vor allem Jeremy Renner lässt den Zuschauer für die Dauer seiner Leinwandpräsenz immer wieder vergessen, dass hier zwar nicht viel eingehend verhandelt wird, aber auch durch Performance soziale Analyse geleistet werden kann. So aufbrausend und leidenschaftlich prügelt und schießt er sich dem Tode entgegen, dass seine starr aufgerissenen Augen und der trotzig nach vorne gereckte Hals viel mehr über gesellschaftliche Zwänge auszusagen scheinen, als jeder noch so gelungene Flug über die Straßen einer unerklärbaren Welt.

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The Town enttäuscht jedoch in letzter Instanz vor allem durch seine mangelnde Kohärenz. Affleck hat Schwierigkeiten, einen bedeutungssatten und schlüssigen Raum zu konstruieren, in dem Gesellschaftskritik, Romanze und Action funktional ineinander greifen. Anders gesagt: die titelgebende Stadt vermag Affleck nicht zu schaffen, auch nicht als kinematografische Fantasie. Sozialer Raum, Handlungsraum und emotionaler Raum bleiben einander weitestgehend fremd. Robert Elwits Bildregie changiert dabei zwischen halbnahen Schuss-Gegenschuss Dialogen und durchaus virtuosen Verfolgungs- und Schussgefechten, in denen lange Einstellungsgrößen dominieren. Und dazu die vielen Luftaufnahmen. Nahe, Totale, Panorama: jede Bildgattung verweist auf einander äußerliche Perspektiven, man könnte sagen: das Emotionale, das Bewegte, das Kulturelle. Und zusammen blicken sie auf eine gemeinsame Leerstelle, auf eine Stadt, die es nicht gibt. 

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Kommentare


Grettli

alles in allem kam mir der film vor wie ein remake von "Heat" , was zwar genauso spannend und actionreich ist, jedoch die gewollte Tiefe an Emotionalität nicht erreicht. Die Charaktere sind zu sehr in ihren Rollen gefangen: Der blutrünstige Bruder, der ehrgeizige Agent, das naive Mädchen; und keiner schafft es sich aus seiner Rolle zu lösen. Jeder hat seine Charaktereigenschaften die konsequent durchgezogen werden ohne ausnahme. Und da war Heat anders. In Heat konnte man es vereinen gefährlicher bankräuber zu sein und trotzdem eine gute Beziehung zu führen. In The Town redet McRay die ersten 4 Dates nur über den Banküberfall,er horcht sie praktisch aus, sprich die Liebe ist hier nur Mittel zum Zweck um das absehbare ende zum dramatischen Höhepukt zu führen. Weiter hat mich die Umkehrung des klassischen Schemas genervt: die Bankräuber (!) waren die guten...und das böse böse FBI wollte sie einfach verhaften!!!! Warum kann Affleck nicht auch den Bösen spielen wenn er es doch sowieso macht? Hier war der Film zu subjektiv, und unterstreicht das im Abspann noachmal angesprochene Vorurteil das es in Charlestown eh nur kriminelle gibt. FAZIT: spannender Gangsterfilm, der das schwere Leben in Boston/Charlestown einzig und allein auf den ewigen Kampf zwischen Kriminaltät und dem Weg dieser zu entfliehen beschränkt.






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