The Torturer

Lamberto Bavas Kino-Comeback ist anachronistische Exploitation, die uns das Ende des italienischen Genrefilms noch einmal schmerzhaft vor Augen führt.

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Die Größen des italienischen Genrefilms haben sich nach dem Niedergang der italienischen Filmindustrie zum Großteil ins Fernsehen zurückgezogen. Dario Argento ist die große Ausnahme, die die Regel bestätigt. Lamberto Bava ist in anderer Hinsicht eine große Ausnahme: Er schien das Fernsehen als Betätigungsfeld eher zu umarmen als zu fürchten. Einige seiner besten und exzentrischsten Filme – wie Per sempre (1987), L'uomo che non voleva morire (1988) oder Il maestro del terrore (1988) – hat er für die Reihen Brivido Giallo und Alta Tensione realisiert. Und mit dem TV-Event Fanthagirò (1991) feierte er einen seiner größten Erfolge. Nur das Kino scheint ihm kein großes Glück gebracht zu haben. Am Anfang seiner Karriere musste er sich stets mit seinem Vater messen lassen. Und auch seine beiden Dèmoni-Filme werden beinahe vollständig von der allumfassenden Präsenz des Produzenten Dario Argento überschattet.

Auf dem Saw- und Hostel-Zug

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Bavas Kino-Comeback vor zehn Jahren stand unter einem schlechten Stern, nahm es doch seinen Anfang mit The Torturer, einem Werk, das puren Anachronismus mit purer Exploitation kreuzt. Die Existenz des Films resultiert mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Popularität der Saw- und Hostel-Franchises. Daneben spielt auch die Snuff-Thematik eine Rolle, die Joel Schumachers 8mm (1999) wieder kurzzeitig reanimiert hat. Bava, dessen filmische Vorlieben eher der Fantastik angehören, hat hier ganz deutlich Produzentenauflagen erfüllt: Torture Porn, Snuff und viel Sex sind die Zutaten dieses sehr kostengünstig aussehenden Digitalfilms, dem man seine sechs Drehbuchautoren nicht anmerkt. Und darunter sind immerhin Namen wie Dardano Sacchetti und Michele Massimo Tarantini, die bei Kennern zwar ein vertrauensseliges Gefühl wecken, aber mehr auch nicht.

Bava und der Villenfilm

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In The Torturer geht es um den gefeierten Theaterregisseur Alex (Simone Corrente), der einen Film drehen möchte und dafür eher spezielle Castings durchführt, die von den Schauspielerinnen (Männer werden nicht gesucht) vollen Körpereinsatz verlangen. Dabei lernt er die junge Ginette (Elena Bouryka) kennen, mit der er eine Romanze anfängt. Sie wiederum entdeckt nach und nach seine Abgründe. Der Film spielt zu einem Großteil in einem Theater, in dem die erst schlüpfrigen, dann blutigen Castings stattfinden, und zu einem kleineren Teil in einer alten Villa, in der Alex’ geistig umnachtete Mutter wohnt. Diese Villenszenen haben eine ganz eigenwillige Atmosphäre, die an die Gothicfilme und Gialli der 1960er und 1970er erinnern, deren Handlung sich ebenfalls in einem Schloss oder einem verfallenen Herrenhaus abspielte, erfüllt von den Geistern der Vergangenheit. Schön in diesem Zusammenhang ist auch die Besetzung von Theaterschauspielerin Carla Cassola als Alex’ Mutter. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht kennt man aus Lucio Fulcis Demonia (1990) und La casa nel tempo (1989).

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In den Villenfilm-Anteilen kommen die Stärken Lamberto Bavas zur Geltung, die den Film trotz seiner zum Scheitern verurteilten Produktionsbedingungen doch irgendwie ausmachen. Aber die Anteile aus langgezogener Folter und billiger Nacktheit, mit denen die Produzenten oder die Geldgeber allen Ernstes Geld verdienen wollten, überwiegen. So verwandelt sich der Film in einen überflüssigen Sargnagel fürs italienische Horrorkino, der weder an die Metaqualitäten seines digitalen Cousins Snuff-Movie (2005) herankommt noch die satirischen Spitzen von Hostel (2005) versteht. The Torturer kann nicht anders als diese Filme, die er nicht begreifen will, nachzuäffen. Und das noch in einer missratenen englischen Synchronisation.

Lädierte Eleganz

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Doch das Überraschende an diesem zweifelhaften, aus der Zeit gefallenen Vergnügen ist der Fokus auf weibliche Nacktheit. Wenn Lamberto Bava einen Film wie Le Foto di Gioia (1987) mit Serena Grandi dreht – der damaligen italienischen Bo Derek –, dann versteht es sich von selbst, dass er seine Hauptdarstellerin, einer Playboy-Fotoserie gleich, ausstellen muss. Ansonsten ist Bava jedoch wenig für freizügige Szenen bekannt, die in The Torturer sichtbar schematisch dargeboten werden. Die Bewerberinnen ziehen sich schnell und bereitwillig aus, so wie das Kameraauge bereitwillig und lange draufhält. Man könnte den Film beinahe für einen Metakommentar über den Selbstzweck im Exploitationfilm halten, wenn man nicht wüsste, dass das Quatsch ist. Und doch ist es faszinierend zu sehen, wie Bava inhaltlich auf Bruno-Mattei-Niveau abgleitet und sich in reine Stilistik flüchtet.

Denn trotz des billigen Looks ist die Inszenierung sehr sorgfältig ausgefallen, von den pseudomodernen Spielereien mal abgesehen, die an die Schnittgewitter der modernen Horrorfilme erinnern sollen. Die kluge Montage suggeriert Spannung, wo eigentlich keine aufkommen dürfte, und die bescheidenen, aber effektiven Kamerafahrten dynamisieren das Geschehen. Das wirkt mal stimmig, mal schrill, aber nie langweilig. Eine lädierte Eleganz schleicht sich so ab und an in einen Film, der von vornherein nicht gut werden konnte, weil er nicht dazu bestimmt war. Bava erweist sich hier als fähiger Handwerker, dessen Distanz zum Stoff ihn genauso befreit wie sie ihn einschränkt. Und ein Jahr später durfte er mit Ghost Son (2007) einen Gruselfilm inszenieren, der seiner Sensibilität in jedem Falle mehr entsprach.

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