The Times of Harvey Milk

Parallel zum deutschen Kinostart von Gus Van Sants Biopic Milk wird Rob Epsteins The Times of Harvey Milk (1984) in hiesigen Lichtspielhäusern wieder aufgeführt. Hinter der erstaunlichen narrativen Nähe beider Produktionen verbirgt sich eine grundlegende Differenz.

The Times of Harvey Milk

Am 28.10.2008 feierte Milk in San Francisco seine Heimpremiere, ehe er einen Monat später regulär in die amerikanischen Kinos kam. Dazwischen lag die Wahl Barack Obamas zum amerikanischen Präsidenten. Der in Honolulu geborene Sohn eines kenianischen Vaters ist der erste Afroamerikaner im Oval Office und damit gewissermaßen ein Nachfolger Harvey Milks. Während wir inzwischen recht gewohnt auf Angela Merkel als unsere Kanzlerin blicken, die erste Frau in diesem Amt, und Klaus Wowereits „das ist auch gut so“ nicht mal mehr für Kalauer herhält, muss man mit historischem Blick aus dieser angenehmen Normalität zurückblicken in eine gar nicht so weit entrückte Vergangenheit, um beide Kinostarts einschätzen und schätzen zu können.

Zunächst einmal erstaunt, wie sehr sich Van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black an Epsteins Dokumentarfilm orientieren. Man kann auf der einen Seite genauso schwer von Biopic sprechen wie auf der anderen Seite von Porträt, denn beide filmischen Arbeiten konzentrieren sich ausschließlich auf die letzte Dekade von Milks Leben. Durch die Nähe beider Produktionen, die sich weitestgehend auf dieselben Umstände, dieselben Reden und dasselbe Tonbanddokument beziehen, fällt es schwer, jeder einzelnen eine Relevanz zuzuschreiben. Wenn man sich jedoch für einen Kinobesuch entscheidet, sei Epsteins Beitrag empfohlen. Nicht wegen seines historischen Erstrechts, sondern vor allem wegen seiner letzten Viertelstunde. Wo Van Sant sich mit gefühlsträchtigen Bildern des Trauermarsches verabschiedet, widmet sich Epstein dem Nachspiel des tragischen Attentats auf den Bürgerrechtler und Politiker. Denn den Nachrufen auf die Schwulenikone folgte ein Prozess, der deutlich in Frage stellte, inwiefern die liberale Bewegung in den USA wirklich zu einem Umdenken geführt hatte. Milks früherer Kollege und schließlicher Mörder Dan White wurde in einem Geschichte schreibenden Prozess nur wegen Totschlags verurteilt. Eine Mordabsicht sprach man dem bis an die Zähne bewaffneten Eindringling in das Stadtverordnetenhaus ab.

Gewissermaßen zeichnet The Times of Harvey Milk damit auch sehr genau den Bruch zwischen den von Aufbruchsstimmung geprägten 70ern und den neoerzkonservativen 80ern nach. Die historische Nähe zum Gegenstand – White war gerade freigelassen worden und nahm sich ein Jahr nach der Erstaufführung des Dokumentarfilms das Leben – gibt dem Projekt eine Lebendigkeit, die dem aktuellen Beitrag fehlt. Zu Zeiten Epsteins schien alles wofür Harvey Milk gekämpft hatte, in ständiger Gefahr. Van Sant blickt auf Milk eher als eine verstaubte Ikone, die als Anfang eines aus aktueller Perspektive größtenteils geglückten Liberalisierungsprozesses zu verstehen ist.

Kommentare


Lemmert

Ich habe beide Filme gesehen: Ende der 1980er-Jahre die Dokumentation und jetzt Milk. Dank für die informative und erhellende Filmkritik!






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