Tiger Factory

In seinem vierten Spielfilm präsentiert Regisseur Woo Ming Jin Menschenhandel und Missbrauch als kalte Normalität. Tiger Factory ist durchweg subtil, unterkühlt und konsequent bis zum Schluss. Emotionen sind dabei kaum spürbar.

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Umgeben von Schweinen und Menschen, die sich wie solche verhalten, wird die junge Ping (Fooi Mun Lai) von Beginn an ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Sie stellt die Perle vor den Säuen dar, zugleich die Geschändete unter den Kannibalen. Außer ihrer einzigen Freundin Mei (Susan Lee) behandeln sie alle ihre Mitmenschen wie Dreck. Synchron mit dem spät erscheinenden Titelschriftzug wird Ping als Opfer ihrer bitteren Umstände gezeigt: Benommen und ihres ersten Kindes beraubt, liegt sie in einem fensterlosen Raum – alleingelassen und ohne ein erkennbares Zeichen von Emotion. Zusammen mit den davor gezeigten, unwürdigen Arbeitsverhältnissen der jungen Frau, stellt sich beim Zuschauer bald ein Gefühl von zornigem Mitleid ein. Der Trost bleibt aus, Rüge und Schmach ist die Konsequenz.

Der Zuschauer begibt sich in Tiger Factory (The Tiger Factory) mit auf eine malaysische Halbinsel, wo das Leben von Mensch und Tier erschreckend ähnlich ist. Ping arbeitet neben anderen Tätigkeiten in einer Schweinefabrik, wo aus den Körpern der Eber Potenzmittel gewonnen wird. Zugleich nötigt  ihre Tante (Pearlly Chua) sie, in einem Besamungshaus ein- und auszugehen, um ein weiteres Kind für den Menschenhandel zu gebären. Ping begibt sich von einem Schweinestall in den nächsten. Fortpflanzung als reines Geschäft, den wirklichen „Akt der Liebe“ sieht man nie. Türen öffnen und schließen sich, die Arbeit muss weiter gehen. Bei der Auswahl der Besamer bedient Ming Jin Stereotypen. Der erste und „kräftigere“ hat bald keine Zeit mehr und wird durch den unscheinbaren Kang (Rum Nun Chung) ersetzt, der nach und nach Pings Vertrauen gewinnt.

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Ming Jin wird gern als Neo-Realist oder New-Wave-Regisseur bezeichnet, was man direkt auf seinen oft semi-dokumentarischen, minimalistischen Stil beziehen kann, dessen visuelle Qualität im Prinzip kongruent zu seinen thematischen Problemfeldern ist. Bereits in seinem Vorgängerfilm Woman on Fire looks for Water (2009) hatte Ming Jin mit Kameramann Chun Hung Wan zusammengearbeitet. Die mobile Handkamera vermittelt ein Gefühl von totaler Orientierungs- und Haltlosigkeit. Direkt an den Bewegungen der Hauptfigur orientiert, sucht sie verzweifelt nach einem Ausweg aus den miserablen Lebensverhältnissen. Die Bilder von Tiger Factory evozieren durch ihre dunkle, kontrastarme Komposition ein Gefühl von Kälte und Isolation. Darüber hinaus besticht der Film in seinen besten Szenen mit subtilen und zum Teil nachhaltigen Einstellungen, in welchen die Kamera enge Häuserkorridore und dunkle Hafenbuchten immer wieder als einengende und ausweglose Orte markiert. Tiger Factory konzentriert sich auf die unterdrückte Gewalt der Isolation.

The Tiger Factory 03

So will der Film in seiner Ästhetik bewusst anders funktionieren, als beispielsweise Ming Jins The Elephant and the Sea (2007), in welchem pittoreske Poesie als hoffnungsvoller Gegensatz zum trostlos-grauen Lebensbild stand.

Das Drehbuch des Films wurde nach eigenen Angaben während der Dreharbeiten geschrieben. Auf Basis der Improvisation, dem Spiel der Laiendarsteller und dem unterkühlten, semi-dokumentarischen Stil erhebt Tiger Factory einen gewissen Authentizitätsanspruch. Emotionale Intensität ist zu keinem Zeitpunkt Bestandteil des filmischen Konzepts. Dabei wirken viele Sequenzen bewusst statisch, Spannung wird von vornherein negiert.

Ming Jin inszeniert das Grauen beiläufig, stellt es als naturgegeben dar. Ab der zweiten Hälfte ist Tiger Factory in seinem ausweglosen Trott nur schwer ertragbar. Zuschauer wie Kamera bleiben beständig Suchende. Sie lugt vorsichtig um Ecken und Türrahmen, wird so zum intimen Zeugen eines hoffnungslosen jungen Lebens. 

Trailer zu „Tiger Factory“


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