The Theatre of Disappearance

Das Fremde im Blick: Während Adrián Villar Rojas wie ein Außerirdischer die Welt erkundet, können wir einem Film dabei zusehen, wie er ein Bewusstsein entwickelt.

Etwas im Blick haben: Das meint eigentlich Souveränität und Kontrolle. Dabei könnte man den Ausdruck auch als Beschreibung eines Mangels verstehen. Wir haben etwas im Blick, da trübt etwas die Sicht. Wenn wir also das Fremde im Blick haben, dann ist das Fremde kein Objekt, sondern steckt im Blick selbst, wie ein Sandkorn im Auge.

Ein Alien auf Erden

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Krieg und Industrie, Maschinen und Arbeit, zwischendrin mal Insekten: Man kennt solche Bilder aus vielen Essayfilmen. In Adrián Villar Rojas’ Theatre of Disappearance kommt eine Handkamera zum Einsatz, die durch diese Landschaft geistert. Die Kamera als Figur, schön und gut, aber schnell ist klar: So geht kein Mensch. Der eigenwillige Rhythmus der Bewegungen, der weder schweifende noch innehaltende Blick, der die Dinge kaum unterscheiden zu können scheint, der eher dem Zufall als einem Bewusstsein gehorcht. Es muss ein Alien sein, das sich auf die Erde verirrt hat, ausgerechnet im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea gelandet ist und nun verstört durch die Landschaft stolpert, unsichtbar für seine Umgebung, die selbst gänzlich unabhängig bleibt von dem Auge, das sie erfasst. Eine „fremde Welt“, für dieses Auge wie für uns im Kino, aber erst mal eine Welt. Fremd wird sie erst, wenn die die Bühne betreten, die etwas im Blick haben.

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The Theatre of Disappearance braucht keine selbstreflexiven Spielereien, keine Meta-Ebene, um auf die notwendige Konstruktionsarbeit hinter jeder vermeintlich neutralen Beobachtung hinzuweisen. Dem Film gelingt dies schlicht durch die eigene Bewusstwerdung, die er durchläuft. Im ersten seiner drei Akte, „A War on Earth“, ist die Position der Kamera so prekär, dass das, was sie sieht, nicht anders als selbstverständlich erscheinen kann. Im zweiten Teil, der mit „Unknown Soldier“ überschrieben ist – oder, besser, unterschrieben, denn jeder Akt endet mit einem kleinen Abspann, in dem auch der Titel des Fragments erstmals genannt wird – und irgendwo auf dem Lande im Marokko spielt, scheint unser Alien angekommen auf dem Planeten, wird manchmal nun auch seinerseits betrachtet von den Menschen. In seinen interesselosen Blick hat sich eine aufmerksame Neugier geschlichen, die sich in den Zeitlupenaufnahmen ausdrückt, mit denen The Theatre of Disappearance nun dabei zusieht, wie Tontöpfe hergestellt werden. Faszination über die magische Beherrschung von Aggregatzuständen: Vor dem Auge der Kamera verfestigt sich etwas. Und auch unser Blick wird souveräner.

Vom Blicken zum Denken

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Im dritten Teil dann – „The Most Beautiful Moment of a War“ – ist der Film endgültig fest geworden. Wir sind zurück in der südkoreanischen Provinz, wiederum unweit der Grenze. Ist unser Alien an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt, jetzt, wo es den Planeten ein wenig zu verstehen glaubt? Jedenfalls steckt nun ein Bewusstsein hinter diesem Blick, und wir sind endgültig angekommen im vertrauten Reich des ethnografischen Films. Da probt ein Kirchenchor, da massieren ein paar ältere Frauen einander den Nacken, und ein Lautsprecher kündet von einer militärischen Übung, die die Dorfbewohner bitte nicht mit einem Erdbeben verwechseln sollen. Der Film assoziiert nun, denkt nach, hat sogar einen feinen Humor bekommen. Die Tragik dabei: Das Sandkorn scheint ausgetrieben. Das Fremde, es steckt wieder ganz in der Welt selbst, die wir nun wissend betrachten.

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