The Terence Davies Trilogy

Als eine Abfolge von Demütigungen erscheint das Leben des Protagonisten in der Debüt-Trilogie von Terence Davies. Der Brite erzählt dabei nicht irgendeinen Leidensweg, sondern seinen eigenen – für den er gleich die denkbar finsterste Zukunft ausmalt.

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Robert steht drei Mitschülern gegenüber, die nicht wesentlich älter sind als er, aber schon ein gutes Stück größer. Ihre noch weichen Gesichtszüge stehen in einem seltsamen Missverhältnis zu dem Sadismus, der sich in ihnen abzeichnet. Für den Jungen ist es der Auftakt eines vertrauten Rituals, dem er sich immer wieder erfolglos zu entziehen versucht. Eine katholische Knabenschule ist für Robert Schauplatz eines Martyriums. Hier wird er wegen seiner schmächtigen Statur und seinem unmännlichen Verhalten verspottet, herumgeschubst und verdroschen. Wenn er sich dann mal zu wehren versucht, ist das nicht der Beginn einer Emanzipationsgeschichte, sondern nur die Fortsetzung des Leids mit anderen Mitteln. Statt den Fäusten seiner Mitschüler bekommt er eben den Rohrstock des Direktors zu spüren.

Unvermittelter Schnitt in die Zukunft

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Childhood (1976) reiht Szenen einer freudlosen Kindheit aneinander. Verbunden sind sie weniger durch eine äußere Handlung als durch eine innere Logik, die das Leben als Abfolge von Demütigungen versteht. Hat sich Robert einmal von seinen Peinigern nach Hause gerettet, begibt er sich in die alltägliche Familienhölle. Sein von schwerer Krankheit gezeichneter Vater lässt seinen Grant auf die Welt an seinen Lieben aus. Die Mutter spendet ein wenig Trost, ist aber letztlich zu schwach, um zu helfen oder sich gar aufzubäumen. Heimlich wünscht sich Robert, sein Vater möge doch möglichst bald sterben. Im Hintergrund schimmert währenddessen ein kleines Kreuz.

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Im ersten Teil seiner autobiografischen Trilogie scheint die Welt, von der Terence Davies erzählt, nicht nur stickig und eng zu sein, sondern auch zeitlich in sich geschlossen. Doch plötzlich taucht ein unvermittelter Schnitt auf, ein Moment, der zunächst zu kurz ist, um ihn als Zuschauer richtig einordnen zu können: Ein junger Mann schlendert in grotesk weiten Hosen, die sich mit keiner Mode erklären lassen, durch die Industrie-Tristesse Liverpools. Erst als der Mann etwas später wieder auftaucht, verstehen wir, dass es sich um den erwachsenen Robert handelt. Er geht zum Arzt, der ihn anscheinend wegen Depressionen behandelt, und schaut beschämt auf den Boden, als er gefragt wird, ob er denn endlich eine Freundin habe. „It will come“, beschwichtigt der Doktor Robert mit einem Lächeln. Aber solche Heilsversprechen bleiben bei Davies uneingelöst.

Die Zeit heilt keine Wunden

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Davies findet in seiner Trilogie einen sehr eigenen Weg, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verknüpfen. Er markiert die Sprünge, die er von Roberts Kindheit in seine Jugend macht – oder später auch vom Erwachsen- ins Greisenalter und wieder zurück – nicht als Rückblenden oder Vorschauen, sondern setzt sie stets abrupt und überraschend, lässt die verschiedenen Zeiten regelrecht ineinander schneiden. Dahinter steht ein Gedanke, der zentral für Davies’ Debut ist und auch in seinem weiteren Werk bleiben wird. Man sagt, dass schlimme Erlebnisse in der Seele eines Menschen Narben hinterlassen oder auch, dass die Zeit alle Wunden heilt. Nichts davon trifft jedoch auf den Protagonisten der Terence Davies Trilogy zu. Der unerträgliche Schmerz, der sich über den jungen Robert legt, wird ihn sein ganzes Leben begleiten; nicht als bloße Erinnerung, sondern als endlose Wiederholung. In Madonna and Child (1980) geht er als Büroangestellter einem freudlosen und einsamen Leben nach und gibt nur voller Scham seinem homosexuellen Begehren nach. Und in Death and Transfiguration (1983) vegetiert er schließlich als Greis in einem christlichen Altersheim vor sich hin. Je älter Robert wird, desto unmündiger wird er auch. So wie der Junge am Anfang von seinen Mitschülern drangsaliert und von seinen Lehrern nachgeäfft wird, sind es am Totenbett die Krankenschwestern, die ihn von oben herab behandeln und Witzchen über ihn machen.

„It all depends on you“

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Davies erzählt nicht irgendeinen Leidensweg, sondern seinen eigenen. Dass ein Regisseur Anfang dreißig nicht nur derart offen über seine traumatische Kindheit spricht, sondern gleich die denkbar finsterste Zukunft für sich selbst ausmalt, macht die Trilogie so außergewöhnlich wie erschütternd. Auf den ersten Blick haben die Filme etwas betont Schmuckloses. Ihre grobkörnigen Schwarzweiß-Bilder wirken überwiegend karg und trostlos. Nur manchmal finden sie beiläufig zu kurzen poetischen Momenten: etwa wenn Robert sich weinend in seinem Bett vergräbt und sich die Decke wie ein skulpturales Gebilde über ihm erhebt; oder wenn er hinter einer Scheibe steht, deren ornamentartige Lichtreflexionen sein Gesicht rahmen. Das Schöne ist noch nicht gänzlich aus dieser Welt verschwunden. Doch gerade die Schlager und Kinder-Choräle auf dem Soundtrack haben weniger die Funktion, eine behütete Welt zu symbolisieren, als das Geschehen bitter zu kommentieren. Einmal singt Doris Day: „I can be happy, I can be sad, I can be good or I can be bad, it all depends on you.“ Und das im Song nicht näher präzisierte „Du“ beschreibt zum einen Roberts Abhängigkeit von der Mutter, aber, mehr noch, die zerstörerische Allmacht Gottes.

Kurzer Triumph des Schönen

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Das Leben von Davies’ Protagonist ist undenkbar ohne diesen alles erdrückenden Katholizismus. Die Titel des zweiten und dritten Teils nehmen dementsprechend Bezug auf Geschichten aus der Bibel, wobei ihrer eigentlich fantastischen Natur ein harter Realismus entgegengestellt wird. Das Jesuskind wird zum vereinsamten Muttersöhnchen, sein selbstloses Ableben zu einem langsamen und unwürdigen Tod in der Anonymität eines Krankenhauses. Erst mit der Verklärung erscheint ein Hoffnungsschimmer am Firmament. Wenn sich der Protagonist zuvor immer wieder masochistischen Praktiken hingegeben hat, dann schien das nicht aus einer Lust heraus zu geschehen, sondern aus der Notwendigkeit, sich für die aufkeimende Lust auch gleich zu bestrafen. Zugleich erscheint die Verknüpfung dieser Bilder mit religiöser Ikonographie wie eine filmische Rache an vergangenen Zurichtungen. Im Angesicht des Todes dann blickt Robert in ein gleißendes Licht, das einen nackten Jungen umgibt. Es ist eine Erinnerung an eine Epiphanie aus der Kindheit; ein sexuelles Erweckungserlebnis, in dem die Neugier und die Lust noch stärker waren als die Schuld. Das Schöne darf nun für einen kurzen, aber endgültigen Moment triumphieren.

Trailer zu „The Terence Davies Trilogy“


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