The Take – Die Übernahme
„Besetzen – Widerstand leisten – Produzieren“ heißt die Formel, mit der argentinische Arbeiter gegen die Folgen von politischem Machtmissbrauch und Globalisierung in ihrem Land kämpfen. The Take – Die Übernahme liefert einen Beitrag zum Neoliberalismus-Diskurs.

Leere Fabriken, der Wind pfeift durch verschlossene Tore, Stillstand – „Willkommen in der globalisierten Geisterstadt. Dies ist Argentinien. Es könnte überall sein“, begrüßt der Sprecher die Zuschauer des Dokumentarfilms, der zugleich Parabel ist auf die menschlichen Fähigkeiten zu Zusammenhalt und gesellschaftlichem Engagement – auch wenn sie aus höchster Not geboren sind. Die Kamera zeigt ein im Müll wühlendes Mädchen mit einer Mc Donalds-Krone auf dem Kopf, dann den argentinischen Ex-Präsidenten Carlos Menem beim Golfspiel. Die Bilder machen klar, wohin entfesseltes Gewinnstreben führen kann, und sie klären auch sofort, welcher Seite ihre Sympathien gelten.
So wie sich ins deutsche Mediengedächtnis ein grinsender Josef Ackerman mit Victory-Zeichen als Sinnbild einer menschenverachtenden Unternehmenskultur eingebrannt hat, sind aus Argentinien noch die Aufnahmen von Straßenschlachten, gesperrten Bankfilialen und der lautstarken Aufforderung der aufgebrachten Bürger an ihre staatsführende Schicht präsent: „Raus, ihr alle!“ 2001 war Argentiniens Finanzsystem nach umfangreichen Privatisierungen staatlicher Unternehmen zu Billigpreisen, haltlosen finanziellen Spekulationen und schließlich Kapitalflucht der reichen Elite ins Ausland zusammengebrochen. Der Belagerungszustand wurde ausgerufen, Konten eingefroren. 2003 tritt Carlos Menem, der während seiner Amtszeit Argentinien überhaupt erst in den Zusammenbruch geführt hatte, erneut zur Wahl an. Dabei stilisiert er sich zur Christus- und Retterfigur. Wählerstimmen sind im wirtschaftlich darniederliegenden Land inzwischen für ein paar Pesos zu haben.

Teile der kurios-abstoßenden Wahlschlacht lassen sich in The Take verfolgen. Vor allem aber zeigt der Film den so engagierten wie mühsamen Kampf entlassener Arbeiter um ihre ehemaligen Jobs in den Fabriken, deren Stillegung Leute wie Menem zu verantworten haben. Vorbilder sind die „Zanon“-Keramikarbeiter oder die Näherinnen von „Brukman“, die sich der Schließung ihrer lebenswichtigen Arbeitsplätze erfolgreich widersetzten und dazu auch das Schießen mit Steinschleudern trainierten. In einer Gemeinschaftsaktion zivilen Ungehorsams übernahmen sie die Fabriken selbst, organisierten meist demokratische Arbeitsstrukturen mit gleichem Recht und Lohn für alle. Und siehe da: Die Unternehmen wirtschafteten plötzlich nicht mehr unrentabel, wie von den vorherigen Besitzern stets behauptet, sie konnten teilweise sogar neue Stellen schaffen. Rund 200 Betriebe wurden im gesamten Land zu solchen Kooperativen umgewandelt: eine kleine Revolution von unten.
Gleiches haben sich die Männer der „Forja“-Autowerke vorgenommen, die der Film auf ihrem mühsamen Weg begleitet. Einer der Protagonisten ist der Kooperativen-Sprecher Freddy, ein Vater von drei Kindern, dessen Frau erklärt: „Das Traurigste ist ein Mann ohne Arbeit.“ Der Familie wird durch den monatelang ausstehenden Lohn nicht nur die Lebensgrundlage genommen, sondern nach und nach auch die Würde. „Besetzen – Widerstand leisten – Produzieren“ ist allerdings nur der Anfang einer Kette, an deren Ende wieder der Rechtsstaat über den langfristigen Verbleib der Fabriken in Arbeiterhänden entscheiden muss. Die Unsicherheit bleibt.

Die Kanadier Naomi Klein, Autorin der Globalisierungskritik No logo!, und ihr Ehemann, der Journalist Avi Lewis, schildern Einzelschicksale, die aufs Ganze verweisen: Tatsächlich ist es möglich, sich mit viel Durchhaltevermögen und Solidarität in lokalen Netzwerken gegen die totale Vereinnahmung durch Großkonzerne und Wildwest-Kapitalismus zu behaupten. Und weil es dennoch unendlich schwierig ist, will The Take vor allem Mut machen. „Der kleine Mann kann siegen. Es kann Arbeit geben“ ist die Botschaft, die zurückbleiben soll. Ausgiebige Detailaufnahmen von laufenden Fließbändern, sich drehenden Rädchen, lärmenden Maschinen sind in diesem Film Symbole der Zuversicht und nicht Metaphern für ausbeuterischen Kapitalismus wie einst in Metropolis (1927) oder Moderne Zeiten (Modern Times, 1936), wo das Individuum im Mahlwerk der ewigen Produktion zerrieben wurde. Die Bilder aus den stampfenden Fabriken dienen Lewis und Klein auch nicht einer Glorifizierung des Arbeitertums, wie sie in den Kinoproduktionen der verschiedenen Sozialismen betrieben worden war – sie bezeichnen hier schlicht und einfach Arbeit als Faktor des Überlebens der Familien. Der Filmtitel von The Take formt sich aus flüssigem Stahl – als gelbglühender Hoffnungsschimmer.
Die Filmemacher versuchen nicht, das komplizierte Geflecht der Globalisierung ausgewogen darzustellen, auch die argentinische Geschichte wird in mächtigen Sprüngen nur umrissen: Unter der Auslassung der brutalen Militärdiktaturen folgen auf die blühenden 50er Jahre fast direkt die 90er. Aber The Take bietet viel Diskussionspotential – etwa über die Notwendigkeit einer vom Volk selbst praktizierten Demokratie, über möglichen Selbstschutz im Kapitalismus oder die Frage, ob sich das argentinische Modell nachhaltig bewährt und auf andere Gesellschaften übertragen lässt.
„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch?“ Ein reizvoller Gedanke. Der Dokumentarfilm soll auch ein warnender Spiegel sein: „Argentinien ist der Müll, der von einem globalisierten Land zurückbleibt“, erklärt die Erzählerstimme am Ende. In diesem Müll tragen Kinder Mc Donalds-Kronen.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 14.09.2006
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Film-Angaben
Titel: The Take – Die Übernahme
Originaltitel: The Take
Kanada, Argentinien 2004
Laufzeit: 87 Minuten
Regie: Avi Lewis, Naomi Klein
Drehbuch: Avi Lewis, Naomi Klein
Produktion: Avi Lewis, Naomi Klein
Kinostart: 28.09.2006
Copyright The Take – Die Übernahme
Fotos: © Kinostar/Andres D´Elia, Gordon Terris, Elias Piovano
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