Sommer von Sangaile

Mit glitzernden Kleidern im hohen Gras: Alanté Kavaïté erzählt auf poetische Weise vom Anflug eines Mädchens auf das Leben.

The Summer of Sangaile 02

Fasziniert sieht die junge Sangailė (Julija Steponaitytė) den Piloten zu, die ihre Motorflugzeuge mit artistischen Pirouetten und halsbrecherischen Loopings durch die Luft tanzen lassen. Aufnahmen in der Totale von den Kunstfliegern wechseln mit Naheinstellungen der Protagonistin und verdeutlichen die Distanz zwischen ihnen, denn, so wird bald klar: Sangailė hat Höhenangst und wird ihren Traum vom Fliegen wohl nie verwirklichen können. Doch Sangailė ist kein Film über das Fliegen an sich. Das Fliegen und die Überwindung der Angst davor, diese Motive bilden vielmehr den symbolischen Kern des Films. Die Bilder weisen über sich hinaus, erzählen in realistischem Setting auf metaphorische Weise.

Auf der Flugshow lernt das Mädchen die selbstbewusste Auste (Aistė Diržiūtė) kennen, die sich zur verschlossenen Sangailė sofort hingezogen fühlt. Und so beginnt ein in poetischen, oft farbenfrohen und sonnendurchfluteten Bildern erzähltes Sommermärchen, das die beiden Mädchen miteinander erleben. Und das, wie jedes Märchen, Schattenseiten hat. Die scheinbare Idylle in der elterlichen Villa, in der Sangailė die Ferien verbringt, wird mit einem recht drastischen Realismus aufgebrochen: durch Einstellungen, die Sangailė beim Ritzen ihrer Arme zeigen. Die junge Protagonistin hat offensichtlich viele Ängste, und die lösen sich nicht beim gemeinsamen Schweigen mit den Eltern am Frühstückstisch.

Ein Hauch über dem Boden der Realität

The Summer of Sangaile 01

Sangailė schließt sich Auste und ihren Freunden an, begleitet sie zu Ausflügen an den See, in  die Natur. Das wird von der in Litauen geborenen Regisseurin Alanté Kavaïté so natürlich und lebendig gezeigt, dass die Wärme des Sommers fast zu spüren ist. Die beiden Mädchen kommen sich näher. Dabei gehen Alltag und Fantasie, Körperlichkeit und Poesie eine Mischung ein, die den Bildern einen magischen Realismus verleiht: wenn etwa Auste, die ihre eigene Mode entwirft, für ein Kleid Sangailės Maße nimmt und sie auf einem Drehhocker in buntem Stoff wie auf einem Karussell vor sich herkreisen lässt; wenn sie in immer neuen Kostümen draußen voreinander posieren oder sich, bevor sie sich dann das erste Mal lieben, in glitzernden Kleidern inmitten hohen Grases gegenüber stehen. Gezeigt wird natürlich auch das Begehren, in Großaufnahmen von Gesichtern und Körpern, die den Liebesszenen eine traumartige Sinnlichkeit verleihen. Im Gegensatz zu Filmen wie etwa Abdellatif Kechiches Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle, 2013), in der lesbische Liebe auf fast dokumentarisch genaue Weise dargestellt wird, inszeniert Kavaïté die Körperlichkeit zwischen den zwei Mädchen auf poetische, oft spielerische Art. Das bildet nicht zuletzt einen Kontrast zur vorherigen Sexzene zwischen Sangailė und einem Jungen, die eher die „ernste“ Lust betont.

Austes offensive Art wird zur Herausforderung und zugleich zum Schutzraum für Sangailė. Ihr kann sie ihre Ängste und Zwänge anvertrauen. Durch ihren Zuspruch überwindet sich Sangailė schließlich auch, ins Cockpit zu steigen. Eindrücklich, in Nahaufnahmen und teils mit Handkamera gedreht, wird ihr erster Flug gezeigt. Die Lautstärke, die schwindelerregende Höhe, das Ruckeln, die Geschwindigkeit; das alles wird fühlbar, erscheint überwältigend und bedrohlich zugleich – wie beim ersten Mal eben. Erst als die Angst Sangailė wieder einholt, muss sie den Flug abrupt abbrechen.

Schützendes Grau, beengende Villa

The Summer of Sangaile 03

Sangailė wechselt stetig zwischen Außen- und Innenaufnahmen, und Kavaïté schafft es dabei, Orte vor dem Klischee zu bewahren. So ist die Neubauwohnung, in der Auste mit ihrer Mutter lebt, zwar in einem grauen Hochhaus inmitten der kargen Wohnwüste gelegen. Doch ist es gerade nicht der übliche Platz der Kälte und Isolation, sondern für Auste mit ihrem tristen Arbeitsalltag ein Refugium. Die Wohnung ist Ort der Kommunikation zwischen Mutter und Tochter, ist Werkstatt, in der Auste ihre schillernden Kleider näht, ist der Raum, in dem sich beide Mädchen nahe kommen und intim werden. Dagegen erscheint die im Grünen gelegene Villa von Sangailės Eltern eher dunkel, beengend und vor allem einsam. Hier zieht sich das Mädchen zurück, um sich zu ritzen und um allein zu sein.

Mit Sangailė steht dabei eine Figur im Vordergrund, die weitgehend unabhängig von Disko, Clique oder Schule gezeigt wird. Dabei geht Kavaïté über das klassische Narrativ eines Coming-of-Age-Films – mit einer Heldin, die sich nichts sehnlicher wünscht als dazuzugehören und akzeptiert zu werden – hinaus und verleiht ihrer Protagonistin etwas Altersloses, beinahe Erwachsenes. Und auch dem Film selbst geht es weniger um die Lebensphase der Jugend als ganz allgemein um die Überwindung von Angst und den Mut des Sich-Anvertrauens: mit all seinen Rückschlägen. Dafür findet Kavaïté poetische, aber auch düstere, fast schmerzhafte Bilder: das Blut Sangailės beim Ritzen; die Angst, die ihr zeitweilig die Sprache nimmt; die Verzweiflung, wenn sie am Rand des Hochhausdaches steht, auf der Schwelle zwischen Tod und Leben, Flug oder Absturz.

Trailer zu „Sommer von Sangaile“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.