The Student Nurses

Das Krankenhaus, eine Schule des Lebens! Jedenfalls wenn man es häufig genug verlässt. So wie die vier angehenden Pflegerinnen in Stephanie Rothmans wahnwitzig facettenreicher Sexploitation-Variation.

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„Remember, you’re not nurses yet“, warnt die Ausbilderin die Auszubildenden davor, sich zu viele Freiheiten zu nehmen. Im Krankenhaus selbst dürfen die vier „student nurses“, die im Zentrum von Stephanie Rothmans vielleicht bekanntestem Film stehen, tatsächlich nicht allzu viel. Lynn (Brioni Farrell) darf sich nach einem sexuellen Übergriff nicht an ihrem Peiniger rächen, aber ihn immerhin festhalten, auf dass er eine Beruhigungsspritze in den Hintern bekommt. Priscilla (Barbara Leigh), die schon stets ohne BH unterwegs ist, darf nicht auch noch zu kurze Röcke tragen: „Either you lower your skirt, or I’ll lower your grade.“ Phred (Karen Carlson) macht am besten gar nichts mehr, nachdem sie einen Patienten durch eine Überdosis gefährdet hat. Und Sharon (Elaine Giftos) muss sich vom unheilbar kranken Teenager Greg (Darrell Larson) herumkommandieren lassen, Bücher von einer Ecke des Krankenzimmers in die andere zu tragen.

Stethoskop nicht vergessen!

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Kein Wunder, dass The Student Nurses dem Arbeitsplatz seiner Protagonistinnen, die sich auch eine gemeinsame Wohnung teilen, ständig entflieht. Dafür reichen erstmal kleine semantische Verschiebungen; ein Stethoskop ist ja niemals nur ein Stethoskop. Gynäkologe Jim (Lawrence Casey) will ein solches als Erkennungszeichen (sic!) tragen, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt und dort Phred erwartet, der er seinen Schlüssel gegeben hat. Aber die vergisst, das Licht anzuknipsen (sic!), und schläft versehentlich mit dem Falschen –der dummerweise auch Arzt ist und ein Stethoskop um den Hals trug. Aber das war doch nun eindeutig nicht mein Stethoskop, beschwert sich Jim am nächsten Tag. „They all look alike to me“, entgegnet Phred achselzuckend.

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Die Männergeschichten der vier Freundinnen allerdings sehen sich nun gar nicht ähnlich. Neben Phreds Affären mit Ärzten und Sharons Beziehung zu ihrem Todeskandidaten, die nach und nach freundschaftlicher und intimer wird, nimmt sich Rothman vor allem Zeit für die beiden anderen: Priscilla wird, als sie sich gerade in den „Steppenwolf“ vertiefen will, von einem Hippie namens Les (Richard Rust) angesprochen, der erstmal aussieht wie ein biederer Erdkundelehrer, Priscilla dann aber auf seinem Motorrad in die Natur fährt, zum Drogenkonsum verführt und schwängert. Und Lynn gerät eher zufällig an eine Chicano-Gang rund um den politischen Aktivisten Victor Charlie (Reni Santoni).

Drogen und Radikalisierungen

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Diese beiden Beziehungen überführt Rothman nun in die komplexe soziale Gemengelage der Zeit – und wechselt dabei auch ästhetisch immer wieder ganz souverän die Register. Lauter Sixties-Miniaturen sind in diesen Film eingebaut; etwa die Hippie-Liebe um Priscilla und Les, samt Love-in und LSD-Trip am Strand, der zwischen zärtlichem Sex in Superzeitlupe und üblen Halluzinationen ungewünschter Beobachter oszilliert. Dem militanten Chicano-Power-Milieu und seinem Guerrilla-Theatre dagegen nähert sich The Student Nurses fast wie ad hoc politisiertes Direct Cinema. Victor darf der zunächst noch gutgläubigen Public-Health-Studentin Lynn dabei auch klarmachen, warum die mexikanische Community in L.A. ihre Gesundheit lieber den selbstorganisierten Grassroots-Kliniken überlässt als staatlichen Programmen. Lynns geistige Radikalisierung endet mit ihrer Entschlossenheit, sich für die gerechte Sache einzusetzen, wird aber auch von einer körperlichen begleitet: Hatte sie sich zunächst noch brav vom Passivitätsgebot der Ausbilderin leiten lassen – als ein Chicano nach einer Prügelei liegenbleibt, verweigert sie die Erste Hilfe –, pult sie am Ende einem von einem Polizeischuss getroffenen Aktivisten die Kugel aus der Schulter.

Abtreibungsdebatte für zwischendurch

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Rothman öffnet ihren Film aber nicht nur zeitgenössischen politischen wie ästhetischen Einflüssen, sondern arbeitet die Sexploitation-Rahmung auch feministisch um. Zwei in der frühen New-Hollywood-Zeit äußerst beliebte männliche Figuren – den naturbewussten Easy Rider und den sozial bewussten Politaktivisten – perspektiviert sie konsequent über ihre jungen Heldinnen und arbeitet die chauvinistische Basis der romantic rebels heraus: Les etwa erhebt nicht nur den moralischen Zeigefinger über dem WG-Kühlschrank (das hier ist doch kein Bio-Pfirsich!), sondern macht sich nach dem sex on drugs auch ziemlich unmoralisch aus dem Staub. An großem Sexismus-Mitleid ist Rothman dann aber auch nicht interessiert: Den Schocker, dass Priscilla schwanger ist, lässt sie direkt in eine Montage übergehen, in der das Mädchen durch die Stadt geht, auf einer Bank sitzt, auf einer Wiese steht, darüber nachdenkt, wie es weitergeht. Eine Montage, an deren Ende der Entschluss feststeht, das Kind abzutreiben, und kurzerhand wird The Student Nurses nun zu einem educational piece über die Widrigkeiten, die einer Frau anno 1970 bei einem solchen Vorhaben begegnen – und schließlich dazu führen, dass Jim die Abtreibung illegal durchführt.

Das Krankenhaus als Anfang

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The Student Nurses kann durch die scheinbar beiläufige Einflechtung dieser Elemente in eine recht simple Grundkonstellation geradezu als Paradebeispiel gelten für die wundersamen Lücken, die zwischen Rahmen und Füllung im Exploitation-Kino klaffen können. Dabei ist der Film nicht einmal unnötig diskursiv; all die komplexen Fragen ergeben sich ganz organisch aus einem einfachen Leitmotiv: Das Krankenhaus ist nichts, in was man eingeliefert wird, sondern ein Ausgangspunkt: für die Liebe, für den Sex und seine Folgen, für Musik und Drogen, für Erfahrungen mit dem Leben (und dem Tod, denn natürlich wird Sharons Lieblingspatient irgendwann sterben müssen), für das Politische und das Soziale.

Die ursprünglich in Auftrag gegebene Grundkonstellation war freilich eine andere, wie Rothman einmal in einem Interview verriet. Angesichts des Status von Krankenschwestern als perfekter male fantasy (qua Beruf zu unkritischer Fürsorge verdammt, mit der Lizenz zum Männeranfassen) lautete dieser Auftrag: bitte ein Film mit hübschen Schwestern und viel Nacktheit. Man hört diese Ausbilderin auf dem Regiestuhl ihren Figuren förmlich zurufen, sich dabei so viele Freiheiten wie möglich zu nehmen: „Remember, you’re not nurses yet!“

Trailer zu „The Student Nurses“


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