The Statement

Der mittlerweile 72 Jahre alte Michael Caine ist als ehemaliger Nazikollaborateur und Kriegsverbrecher auf der Flucht vor einer Staatsanwältin und geheimnisvollen Killern.

The Statement

Die Kulisse ist wunderschön: Die Provence im Sommer. Doch Norman Jewisons The Statement ist keine leichte französische Komödie, sondern handelt von einer Staatsanwältin (Tilda Swinton) die Jahrzehnte nach dem Krieg einen Kriegsverbrecher jagt. Gleichzeitig wird derselbe Mann von mysteriösen Killern verfolgt, die sich den Anschein geben, zu einer jüdischen Rächergruppe zu gehören. Das Titel gebende „Statement“ ist ein Blatt Papier, auf dem der Tod des Kriegsverbrechers damit gerechtfertigt wird, dass er Juden getötet hat. Dieses Papier sollte bei der Leiche gefunden werden, wenn - ja, wenn es den Killern gelingen würde, ihren Auftrag auszuführen. Der Kriegsverbrecher Brossard, gespielt von Michael Caine, ist zwar ein alter Mann, aber immer noch schnell mit der Hand an der Waffe.
Das Problem bei dieser im Ansatz durchaus spannenden Katz-und-Maus-Geschichte ist, dass Norman Jewison, der früher kraftvolle Filme wie The Cincinatti Kid (1965), In der Hitze der Nacht (In the Heat of the Night, 1967) oder Thomas Crown ist nicht zu fassen (The Thomas Crown Affair, 1968) gedreht hat, und Drehbuchautor Ronald Harwood ihren Stoff nach einer Romanvorlage von Brian Moore nicht im Griff haben.

The Statement

Der Film beginnt mit einer schwarzweißen Rückblende, die den jungen Pierre Brossard zeigt, wie er im besetzten Frankreich sieben Juden hinrichtet. Darauf folgt ein Zeitsprung in das Jahr 1992. Brossard, der seit Jahrzehnten unter dem Schutz der Kirche lebt, genauer einem geheimnisvollen katholischen Orden, der ihn mit Geld und Unterschlupf versorgt, muss sich gegen einen der auf ihn angesetzten Killer wehren. Kaltblütig und gekonnt tut er dies mit einigen gezielten Schüssen, um die Leiche dann schwer atmend und schwitzend am Abhang einer Landstraße zu entsorgen. Zu diesem Zeitpunkt hätte aus The Statement noch ein interessanter Film werden können. Das ist gut gedreht und gut gedacht: Dieser Kontrast zwischen dem Kriegsverbrecher, der sein Handwerk im Schlaf beherrscht, und dem verzweifelten kranken alten Mann, gelingt Michael Caine hervorragend. Der ergraute eiskalte Engel mit den Herzproblemen küsst tief religiös seine Christopherus-Plakette, macht Bücklinge vor seinem ehemaligen Vorgesetzten, fleht weinerlich in der Kirche um Absolution - und droht seiner von ihm getrennt lebenden Frau (Charlotte Rampling in einer Mini-Rolle), ihren Hund zu töten, wenn sie ihm nicht hilft.

The Statement

Jewison stellt die Dr.-Jekyll-&-Mr.-Hyde-Ebenen manchmal ganz unvermittelt nebeneinander. Einmal sitzt Brossard im Auto und wartet an einer Bahnschranke, verzweifelt, kurz vor einem Herzanfall und fast bemitleidenswert. Die Schranke geht hoch, ein ungeduldiger Fahrer hinter Brossard hupt - und mit einem Ruck und einem Cut dreht Caine sich um und schreit wutentbrannt in Richtung des anderen Autos, direkt in die Kamera hinein, eine entstellte Fratze des Hasses. Manchmal kippt dieser Kontrast fast ins Absurde, aber Caine gelingt es, die Glaubwürdigkeit in der Waage zu halten. Caine war schon immer gut, aber seit er älter geworden ist wird er immer noch besser. In Gottes Werk und Teufels Beitrag (The Cider House Rules, 1999) spielte er die Vaterfigur für Tobey Maguire, seitdem scheint er sich seine Rollen nach der Direktive des am weitesten voneinander Entferntseins auszusuchen. Sein letzter sehr bemerkenswerter Auftritt ist noch nicht lange her, als alter Engländer im Stillen Amerikaner (The Quiet American, 2002); da war er auch schon wunderbar, als gleichzeitig romantisch verliebter und zynisch-abgeklärter Journalist, und auch da hat es kaum jemand gemerkt, weil dem Film ein an seinen Titel angelehntes stilles Schicksal beschieden war.

The Statement

Eine ähnliche Zukunft dürfte auch The Statement blühen, der erst jetzt, zwei Jahre nach seiner Produktion, in die deutschen Kinos kommt. Michael Caine allein, auch wenn er als Kriegsverbrecher gegen allen Sympathiebonus gebürstet ist, hält den Spannungsbogen nicht, und die Rolle, die Tilda Swinton spielt, ist nicht interessant genug. Die Jagd der Staatsanwältin auf Brossard ist eine lose Folge von der Suche nach einem Versteck zum nächsten. Ihr Zusammenspiel mit einem von Jeremy Northam charmant gespielten Polizeioffizier bleibt ohne Reibungspunkte, und selbst die geheimnisvollen jüdischen Killer werden allzu bald ihres Geheimnisses beraubt, so dass selbst dies als Spannungsmoment ausfällt.

Es gibt eine Szene, in der ganz offensichtlich wird, dass Jewison nicht recht weiß, was die Geschichte vorantreiben soll. In seinem zweiten Versteck spaziert Brossard durch den Hafen von Marseille, und plötzlich hören wir seine Gedanken. Einziger Erkenntnisgewinn aus diesem abrupten Perspektivwechsel: Brossard wird klar, dass er nicht in Marseille bleiben kann, sondern weiter fliehen muss. Für einen simplen Handlungsschritt, nämlich das Weiterziehen von einer Stadt zur nächsten, greift der Film zu einem Mittel, das den Zuschauer vor den Kopf stößt. Dabei hätte sich die neue Perspektive für die Figur des Brossard vielleicht sogar gelohnt, um Einblick in seine offenbar erzreaktionäre und soziopathische Gedankenwelt zu bekommen. Zur Darstellung der Dämonen aus der Vergangenheit, die Brossard heimsuchen, fällt Jewison nämlich nicht mehr ein als die etwas penetrante Wiederholung der schwarzweißen Rückblende vom Anfang des Films.
Was immer also eigentlich erzählt werden sollte - das Psychogramm eines Kriegsverbrechers, eine Kritik an der Kirche, die in den Nazis Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus sah, die Geschichte einer Flucht oder die eines Wettlaufs - für keinen dieser Ansätze bringt der Film die nötige dramatische Kraft auf.

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