The Sparrow
Pickpocket in Hongkong als nostalgische Gangsterkomödie. Johnny Tos The Sparrow war eines der wenigen Highlights des Berlinalewettbewerbs 2008.
Kei (Simon Yam), Bo (Lam Ka-tung), Sak (Law Wing-cheong) und Mac (Kenneth Cheung) sind als Taschendiebe in den Straßen Hongkongs unterwegs. Beschwingt verrichten die Brüder ihr Tagwerk, die Kleider sind altmodisch, ihr liebstes Fortbewegungsmittel das Fahrrad. Gewalt als Mittel zum Zweck kommt für diese vier gar nicht erst in Frage, ihre Erwerbsquelle ist mit einem so prosaischen Wort wie „Kleinkriminalität“ unzureichend beschrieben. Kei und seine Sippe zelebrieren Taschendiebstahl als Bewegungskunst. Hier ein Handgriff, da eine Bewegung zu Seite oder ein vermeintliches Stolpern, schon wechselt eine Brieftasche den Besitzer.
Konsequent wie in Robert Bressons Pickpocket (1959), wenn auch deutlich spielerischer, wird die kriminelle Handlung auf Bewegungen von Körpern und Objekten im Raum reduziert. Wie bei Bresson geht es auch bei To letzten Endes um eine Frau (Kelly Lin). Der verfallen alle Brüder nacheinander unabhängig voneinander. Keiner von ihnen weiß, dass die geheimnisvolle Fremde Chung Lei-chun heißt und in großen Schwierigkeiten steckt. Noch weniger wissen sie, dass sie selber von ihr dazu auserkoren sind, diese Schwierigkeiten zu beseitigen.
Der Taschendiebstahl ist Bewegungskunst, der gesamte Film Bewegungskino in Reinform. Der Plot ist nicht der Plot des Hollywoodkinos und verwandter Traditionen. The Sparrow benötigt keine psychologisch ausformulierten Charaktere, keine Identifikationsfiguren für den Zuschauer, die Protagonisten besitzen zwar relativ klar definierte Ziele, wirklich entscheidend für den Verlauf des Films sind diese jedoch nicht. Beschreiben könnte man The Sparrow eher als eine fast abstrakte Figurenkonstellation – vier Männer umkreisen eine Frau und einen fünften Mann –, die von To mal auf die eine, mal auf die andere Art verknüpft und in Bewegung gesetzt wird. Hier ein Windhauch, der den Luftballon in die falsche Richtung weht (die beste Luftballonszene findet allerdings innerhalb eines Fahrstuhls statt), da ein als Frau gekleideter Gangster, der Simon Yam in die falsche Gasse lockt: Eine Bewegungskaskade bringt die nächste hervor, alle zehn Minuten werden die Karten neu gemischt: Neue Versuchsanordnung, diesmal tragen alle einen Verband.
Johnny To selbst bezeichnet seinen Film als Hommage an das Hongkong der Vergangenheit, an die Stadt seiner Jugend. Leicht nostalgisch und stark fetischisiert kommt denn auch alles in The Sparrow daher. Doch selbst die Frau-mit-Zigarette-im-Cabrio-Nummer samt exzessivem Weichzeichnereinsatz und Lippenstiftspuren auf der Zigarette, die aussieht, als sei sie einem Werbefilm der 60er Jahre entnommen, ist nicht aufdringlich. Vor allem der jazzige, beschwingte Soundtrack verhindert ein allzu rührseliges Schwelgen in den kitschigen Bildern klassischer Melodramen, die immer wieder herbeizitiert werden. In The Sparrow ersetzt die ständig präsente Musik Sprache, Rhythmus wird Ausdruck. Der Film ist über weite Strecken dialogfrei, Sprache ist, wenn sie überhaupt eingesetzt wird, komische Pointe, nicht Informationsvermittlung. Die Bilder selbst könnten fast vollständig auf sie verzichten.
The Sparrow zeigt seinen Regisseur Johnny To ein weiteres Mal als Meister des formalistischen Genrekinos. Die Bewegungsbilder bringen immer wieder quasiabstrakte Kompositionen hervor, deren schönste das vielfach gefeierte Regenschirmfinale darstellt. Dennoch ist The Sparrow nicht pures, selbstgenügsames Formenspiel. Zunächst wäre da als wichtigste Konstante in Tos gesamtem Werk die Stadt Hongkong selbst, die noch in den absurdesten Momenten immer und eindeutig so sehr Hongkong bleibt, wie nicht einmal New York in Woody Allens New-York-Filmen New York ist.
Doch auch der MacGuffin, das Objekt der Begierde, der Dreh- und Angelpunkt des Films, welcher laut seines Entdeckers Alfred Hitchcock eigentlich keine eigene Bedeutung haben sollte, besitzt in The Sparrow sehr wohl eine, ist mehr als nur Vorwand. Es handelt sich um einen sehr realen Reisepass, der über Lebensglück oder -elend einer sehr realen jungen Frau entscheidet, die von einem sehr realen dirty old man ausgebeutet wird. Das macht The Sparrow natürlich noch lange nicht zu einem gesellschaftskritischen Film. Es zeigt aber, dass auch Johnny Tos kleinere Projekte – und ein solches kleineres Projekt stellt The Sparrow nach den epischen Gangsterdramen Election (2005), Election 2 (2006) und Exiled (2006) fraglos dar – bei aller Liebe zum spielerischen Umgang mit Farben und Formen fest verankert sind in der sozialen Realität.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 03.09.2008
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Film-Angaben
Titel: The Sparrow
Originaltitel: Man Jeuk
Alternativer Titel: Sparrow
Hongkong 2008
Laufzeit: 87 Minuten
Regie: Johnny To
Drehbuch: Fung Chi-keung, Chan Kin-chung
Produktion: Johnny To
Bildgestaltung: Cheng Siu-Keung
Montage: David M. Richardson
Musik: Xavier Jamaux, Fred Avril
Darsteller: Simon Yam, Kelly Lin, Lam Ka-Tung, Law Wing-cheong, Kenneth Cheung, Lo Hoi-pang
Kinostart: 04.09.2008
DVD-Angaben
Titel: Sparrow
Vertrieb: Ascot Elite
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 87 Minuten
Extras: Trailer, Interviews mit Johnnie To, Simon Yam, Kelly Lin & Lam Ka Tung, Making Of Trailershow
Verleih ab: 02.12.2008
Verkauf ab: 22.01.2009
Copyright The Sparrow
Fotos: © MFA+
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