The Soup, One Morning

Ein junges Paar versucht in der Metropole Tokyo das gemeinsame Leben zu organisieren. Izumi Takahashis Spielfilmdebüt porträtiert zwei Menschen mit einer extrem reduzierten Bildsprache.

The Soup, One Morning

The Soup, One Morning (Aru asa, soup wa) ist ein Film über Tokyo. In der japanischen Hauptstadt leben über acht Millionen Menschen, das Umland ist mit ungefähr 36 Millionen Einwohnern die größte Metropolregion der Erde. Der Film zeigt nur zwei Personen: einen Mann und eine Frau. Und dies reicht vollkommen aus.

Ein junges Paar in der gemeinsamen Wohnung: Kitigawa (Hiromasa Hirosue) und Shizu (Akie Namiki) leben zusammen in einem kleinen Appartement. Kitigawa verliert seine Arbeit, weil er unter einer psychischen Krankheit leidet. Bald weigert er sich, zum Arzt zu gehen und nimmt statt dessen zu einer dubiosen Sekte Kontakt auf, die kein geringeres Ziel als den Weltfrieden hat und immer wieder Spenden von ihren Mitgliedern einfordert. Die Ersparnisse des Paares gehen schnell zur Neige. Langsam beginnt Shizus Geduld mit dem zunehmend unzugänglicheren Kitigawa zu schwinden.

Zu Beginn mag man der Sache nicht so recht trauen. Zu beschränkt erscheint sowohl der stilistische als auch der erzählerische Rahmen, den der Regisseur Izumi Takahashi in seinem Spielfilmdebüt eröffnet. Doch das ist gerade das Faszinierende an The Soup, One Morning: Die scheinbar allzu reduzierte Ausgangssituation eröffnet ein hochemotionales Drama im Kleinen, das sich mit zunehmendem Fortgang bis zur äußersten Anspannung steigert, und das, ohne auch nur für einen einzigen Moment den minimalistischen Stil aufzugeben.

The Soup, One Morning

Die konsequente Reduktion des Handlungsraumes – fast alle Szenen spielen in einem einzigen, kleinen Appartement – setzt sich in der Wahl der filmischen Mittel fort: lange Einstellungen dominieren, Kamerabewegungen sind äußerst selten. Auch die flächigen, körnigen Bilder der Digitalkamera tragen zu dem asketischen Gesamteindruck bei. Doch nie verkommt diese Ästhetik zum kunstfilmerischen Klischee, eine Gefahr, die angesichts zahlreicher Filme mit ähnlicher Stilistik gerade im ostasiatischen Raum, durchaus gegeben wäre.

Kein strenger Formalismus, sondern ein bewusster Verzicht auf einen großen Teil der Filmsprache: Die filmische Form drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern akzentuiert die elliptische Handlung, passt sich dem Krankheitsverlauf Kitigawas an, moduliert Raum und Zeit zurückhaltend und dennoch mit erstaunlicher Effektivität. Den knapp 90 Filmminuten entsprechen drei Monate erzählte Zeit, die Veränderungen nicht nur der Personen, sondern auch ihres materiellen Umfelds werden in einem fließenden Erzählgestus subtil ausgebreitet. So gelingt Takahashis Film, in dem sich weder großstädtische Verwahrlosung noch die Hochglanzoberflächen der Finanz- und Modemetropole Tokyo visuell manifestieren, ganz nebenbei auch eine angemessene Repräsentation urbaner Lebenswirklichkeit.

The Soup, One Morning

The Soup, One Morning ist in mancher Hinsicht eine extrem reduzierte Version des Klassikers Szenen einer Ehe (Scener ur ett äktenskap, 1973). Wie Ingmar Bergman ist Takahashi dem Verfall einer Beziehung auf der Spur, den Beschränkungen und verletzten Eitelkeiten, die alle Partnerschaften nach sich ziehen. Allerdings breitet er die Psychoduelle seiner Protagonisten nicht wie Bergman in Szenen einer Ehe im epischen Format, über mehrere Jahrzehnte und mithilfe geschliffener, minutenlanger Dialoge, aus. In The Soup, One Morning wird die zunehmende Entfremdung des Paares in subtil gestalteten, kleinen Szenen deutlich, etwa wenn Kitigawa sich etwas zu sehr um den gemeinsamen Gast und zu wenig um Shizu kümmert, oder auch nur in den kurzen, verzweifelten Blicken der jungen Frau.

The Soup, One Morning ist formal radikales und inhaltlich konsequentes Independentkino aus einem Land, dessen goldene Kinoära in den fünfziger Jahren heute nur noch eine blasse Erinnerung ist. Doch seit dem Zusammenbruch des japanischen Studiosystems in den sechziger und siebziger Jahren bewies die dortige Kinematografie immer wieder ihre Wandlungsfähigkeit. Heute ist Japan eines der vielfältigsten Filmländer der Welt. Neben viel Mainstreamkomödien und Animes, neben Gangster-, Monster- und Horrorfilmen entstand im Laufe der Jahre eine produktive Tradition des Autorenfilms, die heute genreaffine Skandalfilmer wie Takashi Miike (Dead or Alive, 1999) und Shinya Tsukamoto (A Snake of June, Rokugatsu no hebi, 2002) ebenso mit einschließt wie die Arthauslieblinge Hirokazu Koreeda (Nobody Knows, Dare mo shiranai, 2004) und Shinji Aoyama (Eureka, Yureka, 2000). Wo Takahashi sich in diesem Kontinuum einreihen kann, wird die Zukunft zeigen. Mit The Soup, One Morning ist ihm in jedem Fall einer der aufregendsten japanischen Independentfilme der letzten Jahre gelungen.

 

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