The Son of Joseph

Jesus im H&M-Look. Mit asketischem Formwillen, beißendem Witz und der Kraft religiöser Kunst verfrachtet Eugène Green biblische Mythen ins Paris der Gegenwart.

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Glaubt man Eugène Green, haben sich die Pariser längst von der Technologie versklaven lassen. Passanten glotzen nur noch in ihre Smartphones, während sie die Trottoirs entlanghasten – und schauen nicht einmal auf, wenn sie ineinanderrumpeln. Ein junger Vater mit Hipster-Bart erschlägt mit seinen überdimensional großen Kopfhörern sogar fast das eigene Baby. Mit augenzwinkernd kulturpessimistischen Miniaturen wie diesen gibt uns der amerikanisch-französische Regisseur in seinem neuen Film zu verstehen, dass mit der Menschheit etwas schiefgelaufen ist. Dieser Meinung ist auch der Teenager Vincent (Victor Ezenfis), der zwar den globalisierten H&M-Look trägt (einmal heißt es im Film, dass die Jugendlichen heute alle gleich aussähen), hinter seinen niedlichen Sommersprossen aber ungewöhnlich vergrämt dreinschaut. Im Gegensatz zu seinen Altersgenossen ist Vincent völlig aus der Zeit gefallen. Während sein Klassenkamerad Sperma übers Internet verkauft, sehnt er sich nach Askese und spiritueller Reinheit.

Historische und mythische Überbleibsel

Doch zunächst hat der Junge noch mit einem weltlichen Problem zu kämpfen: Weil seine Mutter Marie (!) (Natacha Régnier) sich weigert, den Namen seines Vaters preiszugeben, macht sich Vincent selbst auf die Suche. Fündig wird er ausgerechnet bei dem aufgeblasenen Verleger-Fürst Oscar Pormenor (Mathieu Amalric), der so ungefähr alles verkörpert, was er verachtet. Doch dann entdeckt er einen Verbündeten; seinen Onkel Joseph (!!) (Fabrizio Rongione), der mit dem modernen Umfeld ähnlich fremdelt wie er selbst und sich letztlich als der geeignetere Vater erweist.

The Son of Joseph (Le fils de Joseph) lässt mit Formstrenge, aber auch mit einem sympathischen Hang zur volkstümlichen Komödie christliche Motive und die Absurditäten der heutigen Welt aufeinanderprallen. Wenn die Kamera während des Vorspanns über die Stadt gleitet, sehen wir inmitten der urbanen Landschaft alte Kirchen, die nur noch Reliquien einer religiösen Vergangenheit sind. Mit Marie, Joseph und Vincent verhält es sich ähnlich. Green hat ein Faible für solche historischen und mythischen Überbleibsel. Er stellt sie in den Mittelpunkt seiner Erzählung, gerade weil sich die Gegenwart längst gegen sie verschworen hat.

Friedliche Koexistenz zweier Welten

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Das Charmante an Greens Erweckungsgeschichte ist, dass er nicht gewaltsam versucht, der heutigen Zeit einen Stoff aus der Bibel überzustülpen. Es gibt zwar durchaus eine Tendenz zur Modernisierung – Marie verkörpert als Krankenschwester die institutionalisierte Wohltätigkeit, Joseph als Landwirt das ursprüngliche, aber auch prekäre Leben –, doch christliche und zeitgenössische Motive müssen sich dabei nicht zwangsläufig decken, sondern können auch friedlich nebeneinander existieren. Die alt- und neutestamentarischen Kapitelüberschriften sind deshalb auch weniger Vorgaben als Vorschläge für ein freies Assoziieren. In „Das Opfer Abrahams“ etwa ist es nicht der Vater, der den Sohn opfern will, sondern umgekehrt, in „Das Goldene Kalb“ zieht Green einen selbstgefälligen Literaturbetrieb durch den Kakao, und „Die Reise nach Ägypten“ entpuppt sich als Ausflug ins normannische Ferienhaus.

Obwohl man das bei so einem Konzept erwarten könnte, liegt es The Son of Joseph fern, sich auf naheliegende Witze über die Konfrontation verschiedener Welten zu verlassen. Die Sehnsüchte seiner Figuren nimmt Green tatsächlich sehr ernst – was bei den drei vergeistigten Spaßbremsen, die hier als heilige Familie auftreten, durchaus eine Herausforderung ist. Doch bevor sich säkulare Zuschauer womöglich abwenden, greift der Regisseur zu einer klugen Strategie: Statt sich auf die Form der Predigt zu konzentrieren, setzt er auf die transzendentale Kraft religiöser Kunst. Dass Vaterschaft nicht zwangsläufig etwas mit Blutsverwandtschaft zu tun hat, erklärt Joseph Vincent etwa vor George de La Tours’ Gemälde „Joseph, der Zimmermann“. An anderer Stelle hören sich die beiden Musik des italienischen Barock-Komponisten Domenico Mazzocchi an. Das Stück lässt Green dabei ausspielen und für sich wirken, ohne dass die Kamera diese Szene zusätzlich dynamisieren muss.

Eine eigenartige Schönheit

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Auch wenn The Son of Joseph den Glauben seiner Figuren nicht unbedingt teilt, ist ihm die Askese nicht fremd. Greens Stil ist zugleich nüchtern und außerweltlich. Die Darsteller bewegen sich meist langsam und ein wenig hölzern. Mimik und Gestik werden zudem äußerst sparsam eingesetzt. Und während zwar die Mode aktuell ist, wird der aufs Notwendigste reduzierten Sprache das zeitgenössische Kolorit gründlich ausgetrieben. Umso stärker wirken jene Momente, in denen Gefühle zum Ausdruck kommen. Wenn Vincent einen seiner schlechten Sprachwitze erzählt (die vielleicht auch nur in der englischen Übersetzung schlecht sind) und dafür von Joseph ein anerkennendes Nicken bekommt, beginnt er plötzlich übers ganze Gesicht zu strahlen. In solchen Momenten findet der Film im bewusst statischen Spiel seiner Darsteller eine eigenartige Schönheit. Wenn die Schauspieler direkt in die Kamera sprechen, verzichtet Green zwar auf jeglichen Erhabenheitskitsch und inszenatorischen Pomp, ihre Augen beginnen aber plötzlich zu leuchten wie die von Heiligen.

Trailer zu „The Son of Joseph“


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