The Social Network

Partizipation, Immersion und Interaktion gelten als kennzeichnend für das Web 2.0. Zwar dreht sich auch in David Finchers vermeintlichem Facebook-Film alles um diese drei Schlagworte, im Fokus steht jedoch gerade das soziale Gefüge jenseits des virtuellen Raumes.

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„Facebook“ meint ursprünglich eine Art Handbuch mit wichtigen Bildern, Namen und Daten, das Erstsemester an amerikanischen Colleges zum Studienbeginn überreicht bekommen. In Finchers Film geht es jedoch kaum um die Präsentation von Gesichtern, weder im analogen Handbuch noch auf einer digitalen Plattform, sondern um die Entstehungsgeschichte des Erfolgsnetzwerks und damit um die Geschichte des Gründers Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg). Eine Narration, in der Fincher geschickt Rückblenden mit einer Parallelmontage gleich zweier juristischer Verhandlungen verwebt.

Partizipation – Der Motor von Zuckerbergs Tun ist es, Mitglied des „Phoenix – S K Clubs“ zu werden. Dabei handelt es sich um eine elitäre Studentenverbindung in Harvard, die lediglich die Söhne wohlhabender Familien aufnimmt und diese beruflich protegiert. Durch eine lukrative Geschäftsidee hofft der nerdige Student im Ansehen der Mitglieder zu steigen und somit Eintritt in die Clubränge zu bekommen. Besessen von der Suche nach einem Geistesblitz, verprellt Zuckerberg mit egozentrischen und frauenfeindlichen Äußerungen seine Freundin (Rooney Mara) und ist von nun an auf sich gestellt.

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Immersion – Die Kamera folgt dem frisch Verlassenen, wie er quer über den Campus rennt. Gehetzt und getrieben passiert er Parkanlagen, Kreuzungen, Treppen und findet schließlich vor seinem Computer das gewünschte Ziel. Mit Tunnelblick und hektisch tippend taucht Zuckerberg in die Welt hinter dem Bildschirm ein. Im Wahn und aus Wut über die Trennung entwickelt er ein Bewertungssystem, in dem Frauen aufgrund ihres Aussehens gegeneinander gelistet werden können. Er hackt sich in die Datenbanken verschiedener universitärer Wohnhäuser ein, lädt die Bilder der dortigen Bewohnerinnen hoch und bringt mit Hilfe seines Freundes und späteren Partners Eduardo Saverin (Andrew Garfield) das Computernetzwerk der Eliteuniversität zum Erliegen. Der Grundstein für die Entdeckung Facebooks ist gelegt: die Veröffentlichung des Bildmaterials zum Teil vertrauter Personen, die kommentiert werden kann.

Interaktion – Zuckerberg wird über Nacht populär. Nicht nur drei Clubmitglieder, die Brüder Winklevoss (Armie Hammer und Josh Pence) und Divya Narendra (Max Minghella), werden auf Zuckerberg aufmerksam und wollen ihn als Programmierer für eine eigene Geschäftsidee gewinnen. Auch der Napster-Gründer Sean Parker (Justin Timberlake) will in Facebook investieren. Zuckerbergs Idee zieht immer weitere Kreise, sie wird optimiert und professionalisiert. Doch das Netz aus Erfolg, Expansion und Enttäuschungen wird für Zuckerberg – wie auch in der öffentlich bekannten, nicht-fiktionalen Facebook-Geschichte – immer engmaschiger und bildet zunehmend Fallstricke.

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Die in drei Ebenen zu differenzierende und damit sehr komplexe Erzählweise stellt die größte Stärke des Filmes dar. Zuckerbergs chronologisch erzählte Erfolgsgeschichte wird ergänzt durch die Inbildsetzung gleich zweier Rechtsstreitigkeiten um die Besitzrechte von Facebook. Beide Male ist Zuckerberg der Angeklagte, nur einmal zeigt er jedoch ein Interesse für den Sachverhalt und sein Gegenüber – dann nämlich, wenn Saverin, sein ehemals bester Freund, der Kläger ist. Jesse Eisenberg als Zuckerberg und der bereits vor allem in Boy A (2007) fantastisch agierende Andrew Garfield als Saverin weben hier mit Blicken und Gesten – trotz der juristischen Schlucht, die sie trennt – ein Band der Intimität, das beeindruckend ist.

Leider gewinnt man jenseits des dramaturgischen Aufbaus von The Social Network den Eindruck, dass Fincher seine vor allem in Alien³ (1992), Se7en (1995), The Game (1997) und Fight Club (1999) erkämpfte Autorschaft abgelegt hat. Von dem Interesse für kranke Seelen und deren Körper, für vertrackte zwischenmenschliche Beziehungen sowie technisch neuartige Inszenierungen ist wenig zu sehen. Eine ästhetisch interessante Ausnahme stellt eine überstilisierte Szene dar, in der die Winklevoss-Brüder bei der wichtigsten Ruderregatta des Jahres in Cambridge den Kampf um den ersten Platz verlieren. In Zeitlupe sowie in grobkörnigen, überbelichteten, von Blau, Weiß und Rot dominierten Bildern wird gezeigt, wie sie Schlag um Schlag kämpfen, dann jedoch auf der Zielgeraden keine Chance haben.

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Die Niederlage scheint dabei symbolisch für den Rechtsstreit mit Zuckerberg zu stehen, deren Ausgang lange Zeit fraglich bleibt. Die Ruder-Szene steht außerdem diametral zu einer Partysequenz im Clubhaus der Studentenverbindung zu Beginn des Filmes. Zu diesem Zeitpunkt waren die Brüder in Harvard noch die Fädenzieher und studentischen Anführer und ließen halbnackte Mädchen wie Puppen auf den Tischen tanzen. Auch diese Szene wird in Zeitlupe präsentiert, während die Musik perfekt zu den Bewegungen der Mädchen orchestriert ist.

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Grundsätzlich ist auffällig, dass sich Fincher auf der Plotebene distanziert zur eigentlichen Facebook-Semantik verhält. Vielleicht verweist er durch diese Positionierung auf eine Kluft – den sogenannten „digital divide“ –, die ihn von den in den späten 1980er und 1990er Jahren geborenen „digital natives“ trennt. Eine Welt, in der sich vor allem die Schüler und Studenten des 21. Jahrhunderts, die Generation Facebook, zunehmend heimisch fühlt. Und so gehören die letzten Bilder des Filmes erneut Zuckerberg, wie er über seinen PC gebeugt, seine Ex-Freundin virtuell über sein eigenes Portal mit dem Wunsch nach Immersion, Partizipation und Interaktion kontaktiert.

Trailer zu „The Social Network“


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Kommentare


balu

Ein zu diffuser und unnötig komplex erzählter film,der narrativ auf der Strecke bleibt. Der signifkante Inszensierungstiel eines Lynchs wird schmerzlich vermisst und dermaßen konterkariert. Lynch ist wahrlich nicht im Drama-Genre verortet, sondern im Thriller- und Horregenre, wo sich zweifelsfrei die individulle Stärke des Regisseurs herauskristallisiert: Die Fahigkeit, Spannung zu erzeugen.






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