Die Zügellose

Der Feind in mir: Ihr unkontrollierbares sexuelles Verlangen zerstört das Glück einer israelischen Mutter.

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Psychologisierung ist ziemlich out im Autorenfilm. Während viele Mainstream-Produktionen dem Publikum gerne offensichtliche Gründe für das Verhalten der Figuren liefern, gibt es in anspruchsvolleren Filmen häufig eine Tendenz zu elliptischen Erzählungen, die dem Zuschauer Antworten auf das „Warum“ vorenthalten.

Die Argumente gegen eine psychologische Herleitung lassen sich in vereinfachter Form etwa so zusammenfassen: Menschliches Verhalten ist für Außenstehende oft nicht verständlich und damit auch nicht durch kausale Zusammenhänge vermittelbar. Außerdem lauert in der Rückführung von Handlungen auf konkrete Motive die Gefahr des Reduktionismus, der übertriebenen Verengung auf Einzelfaktoren.

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Dass der völlige Verzicht auf Psychologisierung aber ebenso störend sein kann wie das Übererklären, wird in Die Zügellose (Ha-Notenet, 2011) deutlich. Die zweifache Mutter Tamar – gespielt, oder präziser: verkörpert von der Regisseurin Hagar Ben-Asher – überträgt die kollektivistische Idee der jüdischen Kibbuz-Bewegung auf sich selbst. Ihr Körper ist Gemeingut. Sie teilt ihn wahllos mit so ziemlich jedem Mann ihres Dorfes. Der Sex wird leidenschaftslos vollzogen, hier geht es nicht um Lust, sondern um die Ruhigstellung eines Triebes.

Dann aber tritt der Tierarzt Shai (Ishai Golan) in Tamars Leben. Er sucht nicht einfach nur den schnellen Sex mit ihr, sondern Nähe, Liebe, eine Beziehung. Sich einem Mann körperlich hinzugeben beherrscht Tamar perfekt – doch sich emotional zu öffnen und anderen Männern gegenüber abstinent zu werden, das überfordert sie restlos. Selbst als sie bemerkt, wie rührend und ehrlich sich Shai um ihre Töchter kümmert, kommt sie nicht gegen ihre Bindungsunfähigkeit an. Ihr sexueller Drang ist stärker als sie – und so zerstört Tamar mit ihren destruktiven Trieben das eigene (und Shais) Glück.

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Dass wir von ihrem inneren Kampf, ihren Selbstzweifeln und ihrem Leiden am eigenen Verhalten nichts mitbekommen, ist schade genug. Schon hier fehlt jeglicher psychologischer Einblick in das Innenleben einer Figur. Während es aber im Fall von Tamar an Psychologie lediglich mangelt, erfährt die Figur Shai spät im Film eine komplett hanebüchene Wendung, die seinem über 80 Minuten etablierten Charakter vollkommen widerspricht. Dass Menschen anders sein können, als sie zunächst erscheinen, dass jeder dunkle Geheimnisse in sich birgt, ist einleuchtend – doch Shais Wandel ist so inkompatibel mit allem zuvor Gesehenen, dass mit der Figurenentwicklung letztlich auch der Plot jeglicher Plausibilität entbehrt.

Die Zügellose macht den Eindruck, als handele es sich um einen vom Ende her gedachten Film – als habe das Finale zuerst gestanden, ehe es mit der Brechstange auf den Rest der Erzählung geprügelt wurde. Entsprechend aufgesetzt wirkt das Ende – es passt nicht in das Gesamtkonzept, sondern dient scheinbar allein dem Heischen nach einem bestimmten Effekt: dem Schock.

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Als Kontrast zum auf Überrumpelung gepolten Inhalt pflegt Ben-Asher eine ruhige, mit Andeutungen arbeitende Form. Besonders schön ist in diesem Rahmen eine Szene, in der eine von Tamars Töchtern auf Shais Schoß einschläft und dessen Verunsicherung darüber, wo die Grenze zwischen ersatzväterlichem und sexuellem Berühren liegt, vom Darsteller Ishai Golan bemerkenswert zurückhaltend gespielt wird.

Abgesehen von einer allzu perfekt ausgeleuchteten, mit einer Arie unterlegten Sexszene wird der Film nur dann explizit, wenn es um Symbolik geht. Schon die erste Szene übertreibt es ein wenig mit der Metaphorik, wenn ein Pferd von der Weide auf die Straße galoppiert und (in einer unfreiwillig komischen, weil billig wirkenden Computeranimation) von einem Pickup-Truck gerammt wird. Danach sehen wir immer wieder, wie Shai das Pferd und weitere Tiere heilt – es im Gegensatz dazu aber nicht schafft, Tamars animalische Triebe zu zähmen, auch nicht, als er einen Zaun um ihr Grundstück herum errichtet. Und als die Domestizierung endgültig scheitert, leuchtet er Tamar mit den Scheinwerfern seines Autos an.

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Entgegen dieser Anprangerung lässt sich ihr Verhalten eigentlich kaum moralisch be- oder verurteilen, da Tamar es schlichtweg nicht kontrollieren kann. Insofern passt der deutsche Titel Die Zügellose nicht so recht – impliziert doch das Wort „zügellos“, dass man sich aktiv gegen Zurückhaltung entscheidet. Tamar aber ist ihrer Sexualität und ihrem Fluchtdrang angesichts zwischenmenschlicher Nähe hilflos ausgeliefert. Diesen Kontrollverlust – oder auch den Kontrast zwischen Tamars oft als widersprüchlich wahrgenommenen Rollen als („reinliche“) Mutter und („dreckiges“) sexuelles Wesen – in den Mittelpunkt zu stellen, wäre ein vielversprechendes Unterfangen gewesen. Doch Hagar Ben-Ashar interessiert sich leider deutlich mehr für den Publicity-fördernden Aspekt des Skandalösen.

Trailer zu „Die Zügellose“


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