The Sky Trembles and the Earth Is Afraid and the Two Eyes Are Not Brothers

Experimentalfilmer Ben Rivers dreht in der marokkanischen Wüste einen Hostel-Abklatsch fürs Arthouse-Publikum.

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„Hotel Desert“ heißt die ärmliche Unterkunft, in der der junge französische Regisseur absteigen möchte. Kurze Zeit später wird er in einem abgelegenen Dorf irgendwo in Marokko überfallen, die Einheimischen schneiden ihm die Zunge ab. Am nächsten Tag stecken sie ihn in einen klimpernden, blinkenden Anzug aus Konservendosendeckeln, ziehen ihn – an ein Pferd gefesselt – hinter sich her und zwingen ihn, zu ihrer Unterhaltung zu tanzen.

Man kann das, wenn man sehr gütig gesinnt ist, als Rache für den Kolonialismus verstehen – nur liefert der Film keinerlei Indizien für diese Deutung. Man kann das Ganze aber auch als rassistisch lesen: Die barbarischen Fremden, als primitiv gezeichnete Muslime, die einen Westler entführen, ihn demütigen und peinigen – dabei zahnlos und bösartig lachend. Eine westliche Angstfantasie in Zeiten des Terrorismus und der Flüchtlingsströme. Lauerte das Böse in Eli Roths Hostel (2005) noch in Osteuropa, so haust es bei Ben Rivers nun in der arabischen Welt, bei den Moslems – den Schreckgespenstern des 21. Jahrhunderts schlechthin.

Funktion statt Form

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Anders als Eli Roth arbeitet Rivers mit recht gemächlichem Tempo und eher psychologischer als physischer Gewalt. Dieser „slow-cooked arthouse horror“ ist allerdings eine deutliche Abkehr von Rivers’ vorherigen Filmen, die sich häufig mit den Themen Apokalypse und Utopie befassten und teilweise fast ohne Dialoge, ja mitunter ohne Menschen auskamen. An diese früheren Arbeiten erinnern nur noch die Vermischung von Dokumentation und Fiktion sowie die beeindruckenden Aufnahmen erhabener Landschaften – in diesem Fall das karge, schroff-abweisende Atlas-Gebirge.

Der ehemals experimentelle, mitunter philosophische Stil ist einer starken Fokussierung auf die Handlung gewichen. Das heißt nicht, dass Rivers keine visuellen Ideen mehr hätte: Wie er mit den verschiedenen Farben des Himmelslichts spielt, Menschen in tanzende Schatten und reitende Schemen verwandelt oder den Mond aussehen lässt wie einen Irisblenden-Ausschnitt aus Stummfilmtagen – all das ist durchaus beeindruckend komponiert. Allerdings treten die Bilder hier meist funktional hinter die Narration zurück.

Horror statt Doku

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Möglicherweise liefert die Produktionsgeschichte Hinweise, was Rivers zu diesem politisch problematischen und zudem halbherzigen Horrorfilm getrieben hat: In den ersten 30 Minuten scheint das Werk auf ein Making-of hinauszulaufen. Rivers begleitet die Dreharbeiten zum Film Las Mimosas von Oliver Laxe. Wie authentisch oder inszeniert diese Szenen sind, bleibt unklar. Es geht um einen jungen Regisseur (Oliver Laxe), der sich an seinem eigenen Set völlig fehl am Platz fühlt. Eben stand er noch als lässiger Hipster in einem White Cube und las aus seiner Drehbuchvorlage vor (A Distant Episode von Paul Bowles), aus der auch der (prätentiöse) Titel von Rivers’ Film stammt. Kurz darauf gestaltet sich die Kommunikation mit den arabischen Laiendarstellern äußerst schwierig, die Stimmung ist angespannt, man fremdelt kräftig miteinander. Also flieht der überforderte Filmemacher per Jeep vor den Dreharbeiten und verirrt sich immer tiefer in der feindseligen Terra incognita.

Ein paar Filmminuten später hat sich das Making-of zum potenziell fremdenfeindlichen Horrorstreifen gewandelt: Oliver Laxe – sich selbst oder zumindest sein Alter Ego spielend – steckt im glitzernden Narrenkostüm und scheint auf eine rituelle Opferung zuzulaufen. Seine Entführer dressieren ihn, berauben ihn zunehmend jeglicher Menschlichkeit und verkaufen ihn schließlich wie ein Objekt. Als der Käufer sich über das mangelhafte Produkt beschwert, antworten sie: „Wenn du es nicht mehr willst, schmeiß es halt weg.“ Kein einziger Araber im Film zeigt je so etwas wie Empathie – stattdessen amüsieren sie sich köstlich über die Qualen, die sie dem Fremden zufügen.

Mittel statt Zweck

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Ob dieser Hybridfilm als Freundschaftsdienst gegenüber Oliver Laxe begann oder ob er Resultat einer Output-gebundenen Filmförderung ist: Er wirkt nur selten wie ein originäres Rivers-Werk. Die meiste Zeit scheint es eher, als sei die letzte Einstellung – in der der Protagonist, von einem orange-glühenden Abendhimmel umrahmt, in die Wüste rennt, bald aber nur noch auf der Stelle tritt – zugleich eine Metapher für den gesamten Film: Sieht schön aus, führt aber nirgendwohin.

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