Die Haut, in der ich wohne

Wird Almodóvar der neue Cronenberg? Der Spanier übt sich im chirurgischen Body Horror.

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Dr. Robert Ledgard (Antonio Banderas) ist ein mad scientist, ein High-Tech-Frankenstein im Luxusdomizil. Er erinnert an den mörderischen Spanner aus Michael Powells Augen der Angst (Peeping Tom, 1960), den wahnhaft Trauernden in Hitchcocks Vertigo (1958), der seine tote Liebe rekonstruiert, und an den besessenen Vater aus George Franjus Augen ohne Gesicht (Les yeux sans visage, 1960) – Filme, die Pedro Almodóvar zu seiner bizarren Körperhorror-Familientragödie inspiriert haben und denen er neben einigen weiteren seine Reverenz erweist. Legards medizinisches Experiment, sein Objekt der Begierde und Rache, ist eine schöne Frau, oder eher Kreatur namens Vera (Elena Anaya), die er in seinem Haus gefangen hält und über diverse Bildschirme beobachtet.

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Der plastische Chirurg hat eine künstliche, feuerfeste Haut erfunden, die Vera unter einem Ganzkörpertrikot trägt, das sie nackt und doch fremdartig, wie nicht von dieser Welt erscheinen lässt. Vera beschäftigt sich mit Yoga, bastelt mit zerfetzter Frauenkleidung und schreibt per Eyeliner ein Wandtagebuch. Ledgard hat ihr das Antlitz seiner Frau Gal gegeben, die vor zwölf Jahren bei einem Unfall schwere Verbrennungen erlitt und Selbstmord beging, weil sie den Anblick ihres entstellten Gesichts nicht ertragen konnte. Die gemeinsame Tochter Norma (Blanca Suárez) nahm sich nach einer Vergewaltigung ebenfalls das Leben. Grund genug für den Doktor, ein bisschen mad zu werden, und eigentlich Drama genug für einen Film. Doch es kommt noch mehr, noch viel mehr.

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Als ein Mann im Tigerkostüm (Roberto Álamo) vor der Haustür steht und Vera nachjagt, offenbaren komplexe Rückblenden, dass in Die Haut, in der ich wohne (La piel que habito) jede Figur ein Kostüm, eine Maske, eine zweite Haut trägt. Das Spiel mit verborgenen oder multiplen (sexuellen) Identitäten ist kein neues in Almodóvars Werk, aber es fiel selten so pessimistisch und pathologisch aus wie hier. Wer befürchtet hatte, der Regisseur würde seit seinem letzten, recht verschlafenen Film Zerrissene Umarmungen (Los abrazos rotos, 2009) im gemütlichen Autopilot verharren, dem verpasst er nun mit einer wahnwitzig schamlosen Horror-Groteske gleich mehrere Wachmacher mit dem Skalpell. Im Vergleich zu Volver – Zurückkehren (Volver, 2006) und seinen früheren bunten Melodramen operiert der Spanier diesmal auffallend kühl und emotional verhalten, mit ungewöhnlich blutarmen Charakteren, die kaum Empathie hervorrufen und in einer Szene von Ledgards Haushälterin (Marisa Paredes) als Vampire bezeichnet werden. Wie in Schlechte Erziehung (La mala educación, 2004) ist die Grenze zwischen Opfer und Täter fließend. Vera ist nach ihrer Hauttransplantation wie eine Traumatisierte von ihrem Schmerzempfinden abgeschnitten, und die Distanz der Figuren zu ihren Gefühlen überträgt sich auch auf den Zuschauer.

The skin I live in 04

Die verschachtelte Erzählung mit ihren fantastischen Wendungen und ausgiebigen Zeitsprüngen könnte ebenfalls der besonderen Erinnerungsstruktur eines Traumapatienten entsprungen sein: auf den ersten Blick ausufernd und unkontrolliert erscheinend, bei genauerem Betrachten aber durchaus mit System und keinesfalls wahllos. Die dunklen Geheimnisse und finsteren Triebe der Figuren kontrastieren der Regisseur und sein langjähriger Kameramann José Luis Alcaine mit hellen, sonnenreichen Bildern. Dem Design eines Frauenkörpers verleihen sie eine ähnlich artifizielle Ausstrahlung wie der Skulptur eines Dildos oder der Beschaffenheit eines medizinischen Utensils. Anders als zum Beispiel in David Cronenbergs Die Unzertrennlichen (Dead Ringers, 1988) wirken bei Almodóvar Menschen und Gegenstände wie sterile, elegant drapierte Requisiten, weniger organisch und dadurch auch weniger bedrohlich.

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Die sorgsam designte Bildgestaltung, ihre Betonung von Oberflächen, Blicken und (Ver-)Kleidungen jeder Art, während es im Dialog heißt, man solle der Oberfläche nicht trauen, machen Die Haut, in der ich wohne gemeinsam mit den Häutungen und Entblößungen auf der Handlungsebene und dem Entblättern der Figuren zu einer spannenden Inszenierung in Schichten. Man kann ihren Mangel an Gefühl und Menschlichkeit beklagen oder ihn als passenden Ausdruck für die Auswirkungen von Folter und Trauma verstehen, in einem Horrorfilm mit lauter gesichtslosen Gemälden, Puppen und Menschen.

Trailer zu „Die Haut, in der ich wohne“


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Kommentare


Stefan Jung

Dieser Kritik ist wohl nichts mehr hinzuzufügen, weil sie alle wichtigen Elemente des Films beschreibt. Auffällig waren für mich auch die ersten beiden Bilder des Films - durch im Vordergrund verschwommene Gitterstäbe erfasste Ansichten der Villa -, welche das Domizil von Ledgard von Beginn an als Gefängnis stilisieren. Sehr gut beschrieben finde ich die Ausdruckskraft der Bilder - hier passt wirklich jede Einstellung -, wobei man des Weiteren die nächtliche Außenanlage bei der Feier als sündigen, modernen Garten Eden beschreiben könnte.


Andreas Jacke

Spannend wäre es die Relation zu "Vertigo" etwas zu vertiefen. Das Frankenstein-Thema, sich die die Frau die man begehrt, selbst zu erschaffen. Und was daran besondern bizarr ist, wie Almodóvar dabei sein Lieblingsthema der Travestie auf eine zunächst unglaubliche versteckte Weise eingeflochten hat.






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