The Silent House
Dem uruguayischen Horrorfilmexperiment The Silent House gelingt es nie so recht, Form und Inhalt zusammenzuführen.
Der Boom des authentifizierenden Horrorkinos, der 1999 mit The Blair Witch Project seinen ersten Höhepunkt erlebte, ist sicher auch als eine Reaktion auf die zunehmende Postmodernisierung des Schreckens in den zwei Dekaden zuvor zu deuten. Im Anschluss an die 1970er Jahre und ihre Flut an apokalyptischen, nihilistischen Schreckensvisionen kam im Verlauf der 1980er Jahre wohl zwangsläufig das Gefühl auf, alles bereits gesehen zu haben. Dies musste sich notwendig auf die zeitgenössischen Entwürfe des Horrorkinos auswirken, die zunehmend karikaturistisch, persiflierend, zitathaft wurden. Diese Tendenz spitzte sich dann, befeuert vom großen Durchbruch des Nerdkinos in den 1990er Jahren, in zwei so unterschiedlichen Meisterwerken wie Peter Jacksons Braindead (1992) und Wes Cravens Scream (1996) zu, in denen das kulturelle Wissen um die Regelwerke des Schreckens diesen zunehmend überlagerte (und, im Falle von Scream, den Blick auf den tatsächlichen Horror auf äußerst kreative Weise verstellte).
Vor allem im Anschluss an diese großen Würfe konnten allzu viele Filmemacher den Eindruck immer weniger verwischen, dass sie vor allem ihre eigene Videosammlung stets aufs Neue verfilmten. Echter Schrecken verbarg sich in den popkulturell angereicherten Retroszenarien nur selten, und während der Splatter zeitgleich seinen endgültigen Durchbruch als Stilmittel im Mainstreamkino feierte, schien der ernsthafte Horrorfilm lange so gut wie tot. Das änderte sich erst durch das per Guerillamarketing lang vor dem Start mythisch aufgeladene Blair Witch Project, mit dem Daniel Myrick und Eduardo Sánchez dem Horrorkino die Erzählung, die Bilder und all die anderen Anzeichen der Zähmung durch das Generische entzogen. The Blair Witch Project nahm dem Publikum die Sicherheit der abgenutzten Regelwerke, warf es in eine Situation, die betont nichtfilmisch aufbereitet wurde – und gab ihm, durch eine hochkomplexe mediale Inszenierung wohlgemerkt, wie wunderbar paradox, einen als real empfundenen Schrecken zurück.
Auch der uruguayische Horrorfilm The Silent House (La casa muda, 2010) von Gustavo Hernández bedient sich eines formalen Gimmicks, um sich mit einer Aura von Authentizität zu umgeben, wenngleich er nicht so weit geht wie Myrick und Sánchez, die die Filmkamera(s) in The Blair Witch Project in die Filmerzählung integrierten. Auch in The Silent House steht die Kamera im Zentrum der Inszenierung, und der beabsichtigte dokumentarische Effekt beruht darauf, dass der Verzicht auf sichtbare Schnitte, von Hitchcock einst bereits in Cocktail für eine Leiche (Rope, 1948) durchexerziert, eine scheinbar bruchlose filmische Illusion kreiert – wenn auch nicht im Sinne einer vollständig subjektivierten Kamera, wie sie Gaspar Noé jüngst in Enter the Void (2009) experimentell einsetzte und dabei selbst das Augenzwinkern des Protagonisten durch kürzeste Schwarzblenden in die Optik integrierte. Das Ergebnis einer solchen Strategie ist freilich eher ein merkwürdiger Distanzierungseffekt denn eine gesteigerte Immersion: wohl weil sich der Zuschauer in seiner Wahrnehmung, sofern sie dauerhaft mit der eines Protagonisten in der Filmwelt gleichgeschaltet wird, immer ein wenig gefesselt, eingefroren fühlen wird. Hernández verwendet gegen Ende von The Silent House einige mit subjektiver Kamera gefilmte Sequenzen, in die er jedoch stets ein wenig unvermittelt hineingleitet; und vielleicht auch ein bisschen unmotiviert.
Über weite Strecken nämlich folgt sein Film einer zumindest scheinbar objektiven Inszenierung: Die Kamera folgt der Protagonistin Laura auf ihrem Weg durch das dunkle, wohl verfluchte Haus, filmt oft in Manier der Dardenne-Brüder von hinten über ihre Schulter und bedient sich dabei eines besonderen, durchaus effektiven Kunstgriffs. Durch die etwas überbetonte Nähe zur Protagonistin verdeckt diese durch ihre reine Körperlichkeit oft den größten Teil des Bildkaders, was dazu führt, dass der Zuschauer meist sogar noch weniger sieht als Laura selbst. Folgerichtig nutzt Hernández, als Gegenpol zum verweigerten Bild, vor allem die Tonspur, um Grauen heraufzubeschwören – und stößt am Ende auf das Problem, dass er, gerade weil er stellenweise durchaus virtuos eine Aura des Bedrohlichen aufbaut, die so geschürte Erwartungshaltung nicht so recht einzulösen vermag. Wer in den letzten zehn Jahren ein paar Horrorfilme gesehen hat, den jedenfalls werden die finalen Plotwists eher weniger überraschen.
Das freilich ist ein gängiges Problem für diese Art von Horrorfilmen, die vor allem aus dem Nichtsehen und dem Nichtwissen ihr bedrohliches Potenzial schöpfen. Die im Grunde einzig befriedigende Lösung besteht hier wohl im – auch schon generischen – völlig offenen Ende, das die Geschehnisse im Vagen, Unerklärlichen belässt. The Silent House erklärt dann doch ein wenig zu viel und nimmt so einiges von dem Unbehagen, das er mit seiner atmosphärischen Inszenierung beschworen hat, selbst wieder zurück. Zurück bleibt daher nur der Eindruck, einen etwas uninspirierten Film gesehen zu haben, in dem sich Form und Inhalt nicht so recht zu einer Einheit verbinden wollen.
Filmkritik von Jochen Werner
Veröffentlicht am 27.08.2010
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Film-Angaben
Titel: The Silent House
Originaltitel: La casa muda
Uruguay 2010
Laufzeit: 79 Minuten
Regie: Gustavo Hernández
Drehbuch: Oscar Estévez
Bildgestaltung: Pedro Luque
Montage: Gustavo Hernández
Darsteller: Gustavo Alonso, Florencia Colucci, Abel Tripaldi
Copyright The Silent House
Fotos: © Kinowelt
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