The Signal

The Signal begleitet einen Hacker in die Untiefen seiner Innen- und Außenwelt und erinnert dabei in seinen besten Momenten an Werke von David Lynch.

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„Für zwei Millionen Dollar sieht der aber gut aus.“ So lauten sinngemäß viele Kommentare zu William Eubanks zweitem Spielfilm The Signal. In der Tat, ein Sci-Fi-Werk mit diesem Budget ist kein einfaches Unternehmen, und zugegebenermaßen sieht man dem Endprodukt seine finanziellen Limitationen nicht an – aber ein solcher Blickwinkel führt auch dazu, dass man hinter jeder erzählerischen Entscheidung eine produktionstechnische Ursache vermutet. Das ist weder den Filmemachern gegenüber fair noch der eigenen Seherfahrung förderlich. Was letztlich zählt, ist, was die Summe dieser Entscheidungen transportiert, und das ist in The Signal eine ganze Menge. Zumindest in der ersten Hälfte des Films.

Ein enges Band zwischen Figur und Zuschauer

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Die Hacker Jona (Beau Knapp) und Nic (Brenton Thwaites) sind unterwegs, um Nics Freundin Haley (Olivia Cooke) quer durch den Südwesten der USA zu ihrem neuen Wohnort zu fahren. Die bevorstehende Trennung und Nics körperliche Probleme, die ihn von Gehhilfen abhängig machen, liegen schwer auf den Gemütern aller Beteiligten, und die Lage spitzt sich zu, als die Jungs von einem alten Hacker-Rivalen namens „Nomad“ kontaktiert werden, der sie zu beobachten scheint. Eubank nimmt sich viel Zeit, uns diese Figuren ans Herz zu legen. Das funktioniert unter anderem sehr gut, weil er die Geschichte konsequent aus der Sicht des Protagonisten Nic erzählt, der in seinen Ängsten und Stärken sehr zugänglich ist. Nicht nur die Kamera bleibt größtenteils bei ihm oder über seiner Schulter, auch das Sounddesign ist ganz seinen Emotionen angepasst. Mit atmosphärischem Rauschen wird er in Beklemmung und Panik versetzt, dann wieder in völliger Stille allein gelassen.

Zu keinem Zeitpunkt wissen wir mehr als Nic, die Geheimnisse müssen gemeinsam entdeckt werden. Hayleys Schicksal wird deshalb so wichtig, weil wir wissen, was sie ihm bedeutet, nachdem wir ihn zuerst durch seine verschwommenen, romantisierten Erinnerungen eines Verliebten begleitet haben, um dann die Kluft zu erleben, die die Frustration über seine Krankheit zwischen die beiden getrieben hat und die in seinen Gedanken immer wieder metaphorisch visualisiert wird.

Sinnsuche im leeren Raum

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Das Cinemascope-Format kommt dem Film dabei vielseitig zugute. Die karge Landschaft wird noch endloser, noch einsamer und steigert ihre bedrohliche Faszination und Schönheit mit jeder Aufnahme. Um die Gesichter der Charaktere zu zeigen, muss die Kamera dagegen ganz nah ran, damit sie sich nicht in ihrer Umgebung verlieren; Kinn und Haaransatz fallen dem Format zum Opfer, die Augen rücken ins Zentrum.

Sein Weg führt Nic durch leere Räume, die er mit seinen Gedanken füllen muss, er wird mit Zusammenhängen konfrontiert, die keinen Sinn ergeben, und die Grenzen zwischen Realität und dem eigenen Bewusstsein müssen ständig infrage gestellt werden. Nicht selten erinnert das an die subtilen Wahrnehmungsmanipulationen von David Lynch (was unter anderem auch daran liegen könnte, dass der Editor Brian Berdan schon bei Blue Velvet mit im Schneideraum saß). Bei der Verbildlichung der emotionalen Prozesse seiner Figuren geht Eubank zwar nicht ganz so weit – er wahrt den Eindruck einer konventionelleren filmischen Wirklichkeit –, trotzdem gelingt es ihm, uns über weite Strecken das Gefühl zu vermitteln, wir erlebten die Geschichte im Kopf des Handelnden.

Ambivalenz in Welt und Figuren

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Laurence Fishburne gibt in The Signal den Heldenreiseführer. Dabei lässt ihn ein klobiger heller Schutzanzug mit der klinischen Umgebung verschmelzen, doch Stimme und Mimik reichen ihm, um trotz dieser auferlegten Limitationen seine Rolle zu verkörpern, die sich immer zwischen Widersacher und Verbündetem bewegt. Damit trägt er zur Ambivalenz der Welt bei, aus der Nic eigentlich entkommen will, weil er die Veränderungen, die sie bei ihm hinterlässt, nicht beurteilen und bewerten kann. Wenn dann bei all der psychischen Belagerung zwischendurch mal das Tempo angezogen wird, ist das sehr erfrischend, vor allem weil visuell genau das Gegenteil passiert. Die aufwändigen Action-Sequenzen in Super-Slow-Motion fügen sich im letzten Filmdrittel gut in die etablierten Kontraste ein und sind gleichzeitig einfach wunderschön anzusehen.

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Trotzdem wird das Band, das der Regisseur so sorgfältig zwischen Zuschauer und Protagonisten gespannt hat, im Laufe der zweiten Filmhälfte zunehmend auf die Zerreißprobe gestellt. Die vorher so geschickt konstruierte Atmosphäre von Verlorenheit in einem mysteriösen Umfeld, das ständig neue Überlebensstrategien erfordert, verflüchtigt sich nach und nach, weil wir die Welt wieder mehr von außen betrachten, wenn die Wege von Nic weniger nachvollziehbar werden – nämlich nicht mehr von Emotionen motiviert, sondern fast willkürlich und ratlos erscheinen, als dienten sie nur noch einem dramaturgischen Zweck oder zum Zeitschinden vor dem großen Finale. Man bekommt fast den Eindruck, als hätte Eubank sich irgendwann zu sehr auf die Macht der Audiovisualität verlassen und das Drehbuch, abgesehen von großer Symbolik, die sich allgegenwärtig durch die Handlung zieht, zum Ende hin etwas vernachlässigt. Dieses Gefühl bleibt als Nachgeschmack zurück, wenn die Faszination über das production value längst verflogen ist.

Trailer zu „The Signal“


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