The Shallows – Gefahr aus der Tiefe

Vom sexy Sportclip zum Haifischhorror. The Shallows ist ein oberflächlicher Film und gerade deshalb ein gelungener.

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Das Badehöschen sitzt nicht ganz, hängt auf halber Popohöhe, ist beim Aufstehen aus dem Sand wohl etwas runtergerutscht, muss erst noch richtig hochgezogen werden. Dann wird in einigen Großaufnahmen das Surfbrett vorbereitet, Schnüre werden festgezurrt, das Brett wird geputzt und in den Sand gerammt, Schnallen und Reißverschluss einer Tasche werden auf- und zugezogen, dann geht es endlich ins Wasser. Wieder mit dem Popo in der Bildmitte, paddelt sich Nancy (Blake Lively) auf dem Brett liegend vor in Richtung der Wellen, die viel zu gigantisch sind für eine derart vom Tourismus in Ruhe gelassene Meeresbucht in Mexiko. Die ersten zwanzig Minuten von The Shallows – Gefahr aus der Tiefe interessieren sich für so einiges, am allerwenigsten aber für jenen Hai, den Trailer und Plakat so großspurig versprechen. Erst einmal geht es um ein anderes Programm: Es geht um den trainierten Körper von Blake Lively in den hohen Wellen mit unzähligen, angemessen beliebig gesetzten Zeitlupen zu ebenso angemessen schlechter Pop- und Elektromusik. Die Welle kommt auf sie zu, sie taucht ab, wir sehen sie unter Wasser wieder nach oben ziehen, die Wasseroberfläche durchbrechen, auf ihr Brett springen und schließlich auf den Wellen reiten. Was diese erste Phase des Films von den Imagevideos, wie sie in Fitnessstudios in Wiederholungsschleife laufen, unterscheidet, ist wohl kaum mehr als die Professionalität der Inszenierung dieses in wechselnder Ent- und Beschleunigung bestehenden Sportspektakels und die Naturbelassenheit der Szenerie, in der statt von Red Bull gesponserter Aufblasbanner nur eine rot-rostige Ankerboje auf dem Wasser schaukelt.

Die rollende Welle, das spritzende Wasser, das reißende Surfbrett

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Regisseur Jaume Collet-Serra ist ein Bilderfetischist. Er ist einer derjenigen, die für die neueste GoPro sofort ins Geschäft rennen, die fürs Selfie routinierte Schnuten ziehen, die ihre Instagram-Uploads liebevoll mit Schattierungen und Schärfespielchen aufhübschen – zumindest sein ästhetisches Programm sieht so aus. Vielleicht nimmt man ihm deshalb die mindestens spitzbübischen Popo-Bilder nicht so übel. Ihm geht es eigentlich gar nicht um den Po, ihm geht es nur um das Bild von einem Po, darum, einen Sportclip auf 20 Minuten auszudehnen und dabei stets aufs Neue ikonische Bilder dieses Formats zu reproduzieren, sie so zu rhythmisieren und zu dynamisieren, wie man es aus den Fitnessstudios kennt, wo die Clips meist ohne Ton laufen und deshalb ihren Rhythmus so exzessiv verspielt über die Bewegung etablieren müssen: die Zeitlupen, die Zeitraffer, die gedehnten Einstellungen, die schnellen Montagen oder eben: die rollende Welle, das spritzende Wasser, das reißende Surfbrett. Das kann man zu Recht einen sehr billigen Anspruch nennen – im Kino haben solche Bilder aber einen seltsamen Effekt, weil ihr werbender Ballast wegfällt, weil sich diese Rhythmik auf einmal freigetrommelt hat, weil sie gewissermaßen brachliegt für die Erfahrung, weil sie nichts mehr von uns, sondern nur noch sich selbst will, weil sie in diesem Sinne Musik wird – schlechte Musik zwar, das weiß Serra auch, aber immerhin nicht mehr Werbezweck.

Ein Kino, das wie eine Boje auf dem Wasser schwimmt

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Ein Film über Oberflächen – über alle möglichen Arten von Oberflächen, seien es die des Meeres, wie sie von einem Po oder einer Haifischrückenflosse durchschnitten wird, oder die verschiedener Bildmedien, wie die eines iPhones, mit dem Nancy über das Allernebensächlichste zur ihrer Familie nach Hause skypt – hat einen sehr guten Grund, oberflächlich sein zu dürfen. The Shallows ist ein spannender Film und ein gelungener auch. Denn obwohl er bei all seiner Insistenz auf die Oberflächen dann doch in die psychologische Tiefe seiner Protagonistin baggern möchte, um dort Familiendramen nachzuspüren – die nun wirklich niemanden interessieren, wenn währenddessen ein zehn Meter langer Hai im Meer seine bedrohlich lauernden Bahnen schwimmt –, bringt Collet-Serra eine große Konzentration für eine ziemlich verengte Grundsituation auf. Ab dem Zeitpunkt, an dem der Riesenhai in die Situation eintritt, den tollen Sportclip stört – ganz buchstäblich, wenn er in die am Helm eines Surferboys angebrachte Kamera beißt –, spielt sich der Film und damit der etwa sechzigminütige Überlebenskampf Nancys vorwiegend auf einem kleinen Felsbrocken, der aus dem Wasser ragt, ab. Dort muss sich Nancy nicht nur die gerissenen und tiefklaffenden Wunden mit ihren Ohrringen zuklipsen – sie, die Medizinstudentin, muss auch einer Möwe den ausgekugelten Flügel einrenken, autosuggestive Selbstgespräche führen und vor allem angesichts der drohenden Flut, angesichts des Anwachsens der Wasseroberfläche, schnell einen Plan entwerfen, wie sie zurück an den Strand gelangt.

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Die Kamera findet dabei immer wieder in die gleiche Perspektive zurück: Sie filmt eine Art Querschnitt der Wasseroberfläche – halb unter, halb über Wasser. Auch das ist eine ikonische Einstellung, an der sich Serra nicht sattsehen kann. Jede noch so kleine Welle schwappt die gesamte Leinwand voll. Aber Serra liebt die Oberflächenperspektive nicht grundlos. Tatsächlich findet er in ihr ein großes dynamisches Spektakel. Ein Kino, das wie eine Boje auf dem Wasser schwimmt, mal komplett absäuft, mal mit freiem Blick auf die paradiesische Bucht. Dass oben eine junge Frau ihr Überleben plant und unten ein gigantischer Hai im wahrsten Sinne Blut leckt, kann das Ganze ja nur noch besser machen.

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