The Sentinel - Wem kannst Du trauen?

Für Freunde der Serie 24 hat Fox jetzt einen Agentenspielfilm mit Kiefer Sutherland produziert. Als Sahnehäubchen gibt es noch Michael Douglas und Desperate Housewife Eva Longoria dazu.

The Sentinel

Das Leben von Personenschützern besteht vor allem aus Transport und Geleit. Wer es bis an die Spitze dieses Berufszweiges gebracht hat, beschützt wohl den amerikanischen Präsidenten. In diesem Fall fährt man in Autokolonnen. Viele große, lange und breite Wagen, blinkend und leuchtend, manchmal mit Sirenengeheul, immer schwarz. Michael Mann hätte seine helle Freude daran. Wenn dann tatsächlich der amerikanische Präsident darin fährt, wehen meistens auch Fähnchen an den Karossen und definitiv dort wo sie starten oder halten. Dieses Motiv würde nun wieder Tony Scott begeistern.

Pete Garrison (Michael Douglas) hat verständlicher Weise nicht so viel Freude, wenn er in einem der Wagen sitzt. Er gehört zum Secret Service und ist hauptsächlich damit beauftragt, die First Lady (Kim Basinger) zu schützen. Die ist ihm dafür sehr dankbar, ja verbunden – und noch etwas mehr.

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Eines schönen Morgens, Pete hat wie immer schlecht geschlafen und ist dienstmäßig, ebenfalls wie immer, seit vier Uhr auf den Beinen, bittet sein Freund Charlie ihn um ein Gespräch. Wozu es nicht mehr kommt. Charlie wird vor seiner Haustür liquidiert und Pete kurz darauf erpresst. Als wäre all dies nicht genug, bekommt Pete auch noch Wind von einem geplanten Attentat auf den Präsidenten. Wenn es kommt, dann dicke…

Mit 24, mittlerweile in der fünften Staffel, hat 20th Century Fox Television in den letzten Jahren den Vogel abgeschossen und technisch hochwertige Agentenunterhaltung auf Kinoniveau seriell ins Fernsehen gebracht. Nun hat Fox den Bumerang geworfen und einen Kinofilm produziert, der mehr über den Austausch der beiden Medien zu berichten weiß, als über seine Figuren. Kiefer Sutherland, als Agent Jack Bauer der Protagonist von 24, darf hier als Freund/Feind von Garrison herhalten. An seiner Seite und irgendwie zwischen den beiden Rivalen ist Eva Longoria zu sehen. Zu hören ist sie kaum in einer Rolle, die auch der Fahrer vom Cateringservice hätte ausfüllen können. Aber anscheinend war es einfach an der Zeit, Longoria, ihres Zeichens jüngstes, attraktivstes und populärstes Mitglied der Erfolgsserie Desperate Housewifes, sowie neueste Werbeikone des Körperpflege-Multis L’oréal in einem großen Kinofilm zu platzieren. Wo wäre das besser als unter der Regie von Clark Johnson, einem Schauspieler, der bei Fox Serien wie The Shield und The Wire zum Teil als Regisseur betreuen durfte, ehe er S.W.A.T. (2003) für das Kino inszenierte.

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Als Dr. Kimble auf der Flucht (The Fugitive, 1963-1967) dreißig Jahre nach der Fernseherstausstrahlung von Andrew Davis mit Harrison Ford aufwendig für das Kino zweitverwertet wurde, war die Welt noch in Ordnung. Auf die Essenz reduziert und um das episodische verschlankt, in Farbe und auf Breitwand, fiel die Unterscheidung noch leicht. Doch spätestens seit 24 hat das Fernsehen aufgeholt. Und in Anbetracht der komplexen Narration von Desperate Housewifes schon fast am Kino vorbeigezogen. Die Stärke dieser Serie liegt unter anderem in ihrer Figurenzeichnung und der souveränen Führung beinahe lynchisch vieler Handlungsstränge. Genau dies kann The Sentinel, immerhin auf einem Bestseller basierend, nicht gewährleisten. Die Bildsprache ist state of the art – Johnson hat seinen Scott, seinen Mann, auch seinen Fincher, selbst seinen Spike Lee, studiert.

Thematisch, motivisch und in seiner ästhetischen Beeinflussung wirkt The Sentinel wie ein Streifzug durch das amerikanische Hochglanzspannungskino der vergangenen Jahre. Eingebettet ist all dies in eine 24-mäßige Agententerrorgeschichte, die jedoch alles vermissen lässt, was das Fernsehformat ausmacht: Überraschungen, Wendungen, Figurentiefe und Innovationsfreude.

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Eine Stärke der ersten 24-Staffel waren die vielen unbekannten Schauspieler. Bei all diesen unverbrauchten Gesichtern, die mit noch keinem Image belastet waren, traute man jedem zu, ein Verräter zu sein. Eine Stärke von Desperate Housewifes sind die Gastauftritte bekannter Stars und Charakterdarsteller, die mit ihrem Image spielen, oder sogar dagegen anspielen. The Sentinel ist das ganze Gegenteil: Kiefer Sutherland ist zu sehr Jack Bauer, nur diesmal ohne Abgründe, auf eindimensional entschlackt, und Michael Douglas zu sehr das, was von seiner Figur auch behauptet wird: eine Legende. Longoria ist nichts so recht, der Rest noch unwichtiger und so bleibt nach einer halben Stunde nur ein für linkische Auftritte bekannter Darsteller als Verräter. Das wäre ja nicht so dramatisch, ließe nicht auch das bis dahin zackige Tempo nach.

Von dem Moment an, wo Garrison sich als Dr. Kimble in bester Jack Bauer Manier von außen gegen die eigene Institution wenden muss, gehetzt als Staatsfeind Nr. 1 in einem Spy Game der besonderen Art, treiben die Drehbuchautoren einer gefährlichen Bamboocha-Überdosis auf Valium entgegen. Garrison stellt sich ein letztes Mal gegen alle Eigeninteressen in den Dienst von Vaterland und Nation, womit er bald alle ansteckt und auf den rechten Weg bringt.

Fox, deren News-Radio-Mann Tony Snow vor kurzem einen neuen Job als Regierungssprecher von George W. Bush angetreten hat, schickt seinen Helden in den Kampf gegen Söldner, vom KGB ausgebildet und für den Schurkenstaat Kardschastan (!) aktiv. Dies könnte eine Parodie der hauseigenen Simpsons, Narren mit Freiheit, sein.

 

Trailer zu „The Sentinel - Wem kannst Du trauen?“


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