Al doilea joc - The Second Game

Spuren im Schnee. Der rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu sieht sich mit seinem Vater ein Fußballspiel an.

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Corneliu Porumboius Vater hält nichts von Zeitlosigkeit. Kunst ist für ihn nur relevant, wenn sie aktuell ist. Warum sollte man sich auch mit etwas beschäftigen, was schon Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt? Genauso wenig leuchtet es ihm ein, warum er gemeinsam mit seinem Sohn ein Fußballspiel aus dem Winter 1988 ansehen soll, bei dem er Schiedsrichter war. Mit leichtem Widerwillen macht er dann doch mit und hat trotz der Drohungen seines Sohnes noch keine Ahnung, dass die Kommentare, die er zum Spiel, aber auch zu vielem anderen abgibt, einmal Grundlage für einen Film sein werden.

Al doilea joc - The Second Game (Al doilea joc) ist ein Experiment, in dem zwei Improvisationen aufeinandertreffen: Auf der einen Seite sieht man die Mannschaften Dinamo und Steaua – Adrian Porumboiu nennt sie die Teams der Geheimpolizei und der Armee –, wie sie versuchen, in knappen Höschen ein verschneites Spielfeld zu bezwingen. Fußball aus der guten alten Zeit also, in der auch mit blutenden Kopfwunden noch gespielt wurde und es nur läppische drei Kameras für eine Fernsehübertragung brauchte. Auf der anderen Seite hört man Porumboiu Junior und Senior in der Gegenwart über damals und heute sprechen. Und während die Improvisation des Spiels nach festen Regeln verläuft, nehmen die Gespräche zwar immer wieder darauf Bezug, verlaufen letztlich aber viel freier.

Zunächst wirkt es noch so, als schielte der Film vor allem auf die politischen Hintergründe, als wäre das Interesse für den Sport nur ein Vorwand, um über die Endzeit eines totalitären Regimes zu sprechen. Wenn man die Arbeiten von Corneliu Porumboiu kennt, ahnt man schon, dass es so einfach nicht sein kann. Gerade seine letzten beiden Spielfilme Police, adjective (Politist, adjective, 2009) und When Evening Falls on Bucharest or Metabolism (Când se lasă seara peste Bucureşti sau metabolism, 2013) geben sich nicht damit zufrieden, eine Geschichte zu erzählen, sondern schweifen immer wieder ins Linguistische oder Selbstreflexive ab. Wenn sich Vater und Sohn unterhalten, folgt das kaum einem erkennbaren Konzept. Neben kleinen Kabbeleien und Exkursen ins Private wird gegen Ende einfach das Spiel kommentiert oder mitunter gar nicht mehr geredet.

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Man sollte den Einfluss des Regisseurs jedoch nicht unterschätzen. Ein Gespräch mit dem Vater ist immerhin eine Auseinandersetzung mit jemandem, den man in der Regel so gut kennt, dass man seine Reaktionen abschätzen und auch beeinflussen kann. So mögen einige Fragen kalkulierter sein, als sie für einen Außenstehenden wirken, und auch die vereinzelten Koketterien fügen sich ohne weiteres in das Werk eines Regisseurs ein, den man sich bei seinen klug konstruierten Filmen mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht vorstellt. Eine längere Flaute im Spiel kommentiert er etwa mit den Worten: „Es ist lang, und es passiert nichts. Das ist wie einer meiner Filme.“ Tatsächlich hat auch The Second Game einige Hänger, die mit seinem strengen Konzept zusammenhängen und bei einem Projekt dieser Art nun mal dazugehören. Hat man erst mal angefangen, ein Spiel in voller Länge zu kommentieren, nimmt man dem Unterfangen viel von seiner Kraft, wenn man am Schluss alles flott zusammenschneidet.

Erstaunlich ist, wie gut der Film trotzdem funktioniert. Bei seiner Premiere auf der Berlinale war im Publikum große Anteilnahme zu hören. Für einen eher experimentellen Film ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dass The Second Game so kurzweilig ist, hängt mit einem einfachen Grundsatz zusammen: Die Basis jedes Dramas ist ein Konflikt. Und nicht nur das Fußballspiel basiert auf dem Kampf zweier gegnerischer Mannschaften, auch die Gespräche zwischen dem pragmatischen Vater und seinem versponnenen Sohn sind von einem zumindest teilweise dynamischen Spannungsverhältnis geprägt. Wenn der eine Poesie in den krisseligen Videobildern zu sehen glaubt, reagiert der andere nur mit Unverständnis. Die Freiheit, die sich hier in der unterschiedlichen Wahrnehmung eines Fußballspiels ausdrückt, lässt sich letztlich auch auf den Film übertragen. Ob man sich nun mehr auf die Tonspur oder auf die Bilder konzentriert, ob man den Spielverlauf verfolgt oder das matschige Bild als abstrakte Komposition sieht, hängt wohl auch davon ab, ob man Fußballfan oder Sportmuffel ist.

Trailer zu „Al doilea joc - The Second Game“


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