The Search

Was ist schlimmer: Moralischer Sieger oder einfach Verlierer zu sein? Michel Hazanavicius schlägt eine Antwort vor.

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Es gibt Filme, die funktionieren wie Psychopharmaka. Feelgood gegen die Winterdepression, Romcom gegen den Liebeskummer, Action gegen Lethargie. Und es gibt die bitteren Tinkturen gegen Gewissensqualen, zum Hausgebrauch fürs bürgerliche Arzneimittelschränkchen. Agenda-Filme, die sich ein beliebiges Thema aus dem unerschöpflichen Brunnen globaler Unrechtsgeschichten herauspicken – Migrationsschicksale, Umweltzerstörung, Frauenunterdrückung –, um es als „packende“, „mitreißende“ oder „aufrüttelnde“ Erfahrung gegen sozialpolitisches Unwohlsein aufzubereiten. Ein bisschen ungemütlich müssen diese Filme bleiben, ein paar Schockszenen einbauen, damit sie nicht direkt mit Entertainment verwechselt werden. In homöopathischen Dosen, selbstverständlich. Die Zuschauerschaft soll sich nur im Glauben wiegen, dass man ihre Überwindung, sich solchem „Schrecken“ auszusetzen, schon vergelten wird. Ein bisschen Sühne für die Gewissensreinigung.

Träume in Tarnfarben

The Search ist solch ein durchkalkuliertes Rührstück, das alle Anstrengungen unternimmt, sich als humanistisch empörende, unbedingt ernstzunehmende Aufarbeitung des zweiten Tschetschenien-Krieges zu gebaren. Nach The Artist (2011) bedient sich Michel Hazanavicius erneut aus dem Fundus großer Hollywood-Erzählmuster, wenn er Fred Zinnemanns gleichnamiges Post-Holocaust-Melodrama von 1948 mit zeitgemäßem gritty Look und moralisch gequälten Figuren updatet. Die Sonne Georgiens, wo The Search als geografisch nächstbeste Alternative zur terra prohibita Tschetscheniens gedreht wurde, vertrug sich denn auch nicht mit den trist-schmutzigen Medienbildern des Konflikts, sie musste mit großen Schattenschirmen und Einstellungstricksereien verbannt werden. Krieg kennt in unserer Vorstellung nur Camouflage-Farben, Nuancen von Matsch, Asche, Moos und Erde. Allein diese visuelle Strategie spricht schon Bände, wie hier unter dem Deckmantel der vermeintlichen Aufarbeitung eines vergessenen Konflikts letztlich nur diffuse, aus sicherer Distanz geborene Erwartungshaltungen zementiert werden.

Der Dreiklang des Humanismus

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Wohldosiert sind auch die Affekte des Drehbuchs, formen sie doch den klassischen Moll-Dreiklang des humanistischen Agenda-Settings: Empörung (Grundton), Horror (kleine Terz), Mitleid (reine Quinte). Und für jedes Gefühlsregister gibt es hier einen Avatar. Da wären zum einen die wohlmeinenden westlichen Helferinnen. Eine Menschenrechtlerin (Béatrice Bejo) kämpft – schockiert von den Geschichten der Geflohenen – vergeblich darum, vor dem Außenausschuss des Europäischen Parlaments Gehör zu finden und die Politik zu einer deutlicheren Reaktion angesichts der Gräueltaten der russischen Armee zu bewegen. Und eine Rotkreuzlerin (Annette Benning) bemüht sich bis an den Rand ihrer Kräfte um Waisenkinder. Zwischen ihnen werden all die westlichen Agonien angesichts humanitärer Katastrophen ausgetragen. Die eine wirft der anderen vor, nur wirkungslose Berichte zu schreiben, worauf die andere antwortet, dass man beim Pflegen von Kindern doch nur das eigene Gewissen beruhige, sich vor den großen, wichtigen, komplizierten Kämpfen aber verstecke. Zu fern, zu nah dran. Zurück bleibt gescheiterte Vermittlung und gutmenschliche Empörung.

Eine Maschinerie für Monster

Den disharmonischen Horror-Part muss ein Rekrut des russischen Militärs übernehmen. Nachdem Kolia (Maxim Emilianov) beim Kiffen erwischt wurde, steht er vor der Wahl zwischen Knast oder Armee. Er entscheidet sich für Letzteres und wird damit durchs komplette Full-Metal-Jacket-Programm gejagt: Mobbing, Drill und seelentötende Zwangsarbeit. Irgendwann bricht er: Zwei Sadisten führen ihn und einen anderen als verweichlicht verschrieenen Soldaten in einen Schützengraben, zwingen sie, sich auszuziehen, rufen „Schwul!“ und Muschis!". Da schaltet Kolia um und prügelt seinen Leidensgenossen vor den Augen der johlenden Brutalos zu Klump. Die Institution hat einen neuen Soldaten, ein neues befehlshöriges Monster geboren. Allzu deutlich will Hazanavicius mit Kolias Geschichte der Gefahr entgehen, die Russen insgesamt als die  Bösewichte darzustellen. But somebody's gotta take the blame, und in einer bekannten pazifistischen Übersprungshandlung muss es das Militär sein.

The road to hell

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Wenigstens wird damit erklärbar, wie blutjunge russische Jungs ansonsten unbegreifliche Grausamkeiten begehen können – zum Beispiel ein Ehepaar vor den Augen ihrer Tochter niederzumetzeln. Der kleine Sohn Hadji (Abdul-Khalim Mamatsuiev) schaut vom Fenster aus zu und ergreift die Flucht. In der Stadt, in Sicherheit, angekommen, büchst er aus einem uns bereits bekannten Waisenhaus aus und landet in der Wohnung einer uns bekannten Menschenrechtlerin, die ihn allmählich aus seinem Trauma lockt und ihre unterdrückte mütterliche Seite entdeckt. So ist die Harmonie endlich hergestellt. Hadji trägt die schwere Verantwortung, dem Filmganzen einen moralischen Sinn zu verleihen. Hazanavicius setzt dafür total aufs Kindchenschema, auf unzählige Close-Ups trauriger Kulleraugen, auf Niedlichkeit und Hadjis reine Seele. Das ist freilich reinstes Kalkül. Das Leid der Kinder wird als Schutzschild verwendet, um jede Kritik an Film und Message als inhuman abstempeln zu können. Welcher Mensch würde schon Intentionen infrage stellen, wenn es um das Schicksal von Kriegskindern geht?

But the road to hell is paved with good intentions. Was einen Film wie The Search so essenziell frustrierend macht, ist, dass er ein unbedingt behandlungswürdiges Thema, dass er ein allzu schnell verdrängtes außenpolitisches Desaster, zur eigenen Sache erklärt – und Kritik am Film damit fast zwangsläufig nach Ignoranz gegenüber der schrecklichen Geschichte schmeckt. Dabei ist es letztlich der Film, der das Thema unter seiner kalkulierten Gutwilligkeit begräbt, weil er uns daran gewöhnt, die Position des moralischen Siegers zu akzeptieren. Der Krieg ist unentrinnbar, das Leid unbegreiflich, die Politik unfähig, aber immerhin kann ein Kind gerettet werden. Und wir können, The Search sei Dank, unser Gewissen beruhigen.

Trailer zu „The Search“


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