The Sea of Trees

Arthur beschließt zu sterben, aber Gus Van Sant lässt das nicht zu. Sein originelles Rezept: Fegefeuer im Nippon-Style und Rückblenden.

The Sea of Trees 01

Ein Held wird gebraucht für diesen Film, der uns einen Gebrochenen zeigen will; einen Mann, aus dessen Augen nur noch Leere spricht, der nichts mehr will, nichts mehr kann, der nur noch den Tod vor sich sieht und dem Sensenmann zuvorkommen möchte. Ein Held wie der frisch in Hollywoods A-Klasse angekommene Matthew McConaughey vielleicht, dessen Augen in True Detective so leer waren, dass das Böse dieser Welt sich in ihnen spiegeln konnte. In der schönen Eröffnungssequenz von The Sea of Trees spricht ein zermürbendes Leiden aus seinem Gesicht. Vielleicht hätten wir an ihm eine ganze Geschichte ablesen können, würde Gus Van Sant auch nach seiner Exposition ganz bei diesem bebrilltem Gesicht bleiben, das Arthur Brennan gehört, der sich als Naturwissenschaftler ganz hervorragend für das ihm nun Widerfahrende eignet. Doch für den (um es erst mal positiv auszudrücken) vielseitigen Regisseur ist dies keine Rückkehr zu seinem minimalistischen Gerry (2002), die Einsamkeit, die aus The Sea of Trees spricht, ist keine des Kinos, sondern des Dramas, und dieses Drama findet Ausdruck nicht in McConaugheys Gesicht, sondern im Drehbuch von Chris Sparling. Und der ist auf die geniale Idee gekommen, Arthurs Weg zum Todeswunsch in Rückblenden zu erzählen.

Szenen jeder Ehekrise

Von der ersten Rückblende an liegt nun die Struktur dieses Films deutlich vor uns, ihre Knochen so sichtbar wie die der verwesten Leichen, auf die Arthur irgendwann stoßen wird, im zu kurzen Horror-Part des Films. Ausgestopft wird diese Struktur mit dem Üblichen. Die Erinnerungen beginnen mit einer kriselnden Ehe (in der eine bemitleidenswerte Naomi Watts den Gegenpart gibt), und die entsprechenden Szenen sind nicht mehr als ein Medley der klassischsten aller Ehekrisen-Dialoge; diese Szenen sagen nichts, was nicht schon ihre stichpunktartigen Platzhalter in einer ersten Script-Outline gesagt haben dürften. Höchstens verraten sie uns, was noch alles zu kommen hat. Das gilt für die einzelne Szene („Jetzt deck sie schon zu!“, will man Arthur zurufen, wenn er ins Zimmer tritt, in dem seine Frau über dem Laptop eingeschlafen ist, und wird sich dann doch noch ein paar Einstellungen gedulden müssen) wie für die gesamte Handlungsebene: Weil die Geschichte im Suizidwald enden wird, dürstet sie von Beginn an nach härterem Tobak. Die Frage bleibt eigentlich nur, welcher Schicksalsschlag es denn diesmal sein darf.

Welcome to Fegefeuer

Ach ja, der eigentliche Clou des Films ist, dass Arthur im japanischen Wald einem verletzten Japaner (Ken Watanabe) begegnet, der anscheinend dasselbe wie Arthur vorhatte, nun aber doch den Ausgang aus dem Wald, den Weg zurück ins Leben sucht. Über Japan weiß dieser Film vor allem zweierlei: dass die Menschen sich dort umbringen, weil sie ihren Job und damit ihr Gesicht verlieren (was Arthur mal so gar nicht begreifen kann, aber er wird vom Fremden mit Sparling’scher Nonchalance zurechtgewiesen: „You don’t understand my culture!“), und dass es dort diesen Wald gibt, in dem Leute sterben gehen und der sich in seiner Dichte und seinem dunklen Grün zudem ganz gut für Kameraflüge eignet. Und natürlich weiß der Film, dass der Ferne Osten kriselnden Westlern noch immer gut getan hat. Wo Arthur also den Tod sucht, findet er – das sagt ihm der Geheimnisvolle recht früh und recht frei heraus – das Fegefeuer. In Waldgestalt lässt dieses die beiden Männer fortan regelmäßig Felswände hinabstürzen und jagt ihnen schon mal eine Wasserflut hinterher. Dass Arthur in diesem Zwischenraum nicht nur seine psychische Läuterung erfährt, sondern auch körperlich ganz schön malträtiert wird, wie ein Pechvogel im Stummfilm, gehört noch zu den gelungensten Aspekten von The Sea of Trees, auch wenn diese Körperlichkeit sich mit der spirituellen Überhöhung des Waldes nicht so ganz geschmeidig verträgt.

Cannes, wie es glänzt

Mag hier camp value, absichtlichen Tiefenverzicht oder Esoploitation-Lust entdecken, wer will, im Kern ist The Sea of Trees ein alberner Film, der seine Albernheit nicht einmal bemerkt, weil er, wenn er in eine seiner unzähligen Sackgassen gerät, lieber schnell die Erzählebene wechselt. Nicht einmal sich selbst kann dieser Film also genießen. Und das ist es wohl auch, was man Gus Van Sant, neben dem nicht so recht erklärbaren Interesse für diesen Stoff, vorwerfen kann: dass er ihn so bierernst nimmt, wie er wohl leider gemeint ist. So scheitert er nicht mal interessant. Richtig schlimm ist das alles zwar nicht; der Film wäre vielleicht nicht mal groß aufgefallen und wohl nur ein Geheimtipp unter Paulo-Coelho-Jüngern geworden. Dass aber jemand auf die Idee gekommen ist, The Sea of Trees in den Wettbewerb des weltweit größten Filmfestivals zu hieven, das tut dem Film wohl eher nicht gut, und dem Festival erst recht nicht. Vielleicht war die Glanz versprechende und durch den Namen eines wichtigen Vertreters des US-Autorenkinos leicht zu legitimierende Anwesenheit des derzeit wohl gefragtesten Hollywoodstars aber auch schon attraktiv genug, um in den zugehörigen Film nicht auch noch reingucken zu müssen.

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Kommentare


ule

Super Kritik , vielen Dank. Ich habe gestern den Film komplett ausgehalten. Das ist schon ein extremes Geschmiere und Herumeiern. Je länger der Film voran schreitet , desto irritierender wird es. Aber wenn man einmal herzlichen lachen möchte über hochdotierte Schauspieler und einen teuren Film , dann ist hier Gelegenheit. Spätestens ab der zweiten Hälfte des Films sind alle 5 Minuten Schenkelklopfer und prustendes Lachen garantiert. So kann / muss man den Film eventuell anschauen, als Persiflage .






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