The Sapphires

In den 1960er Jahren werden vier Aborigine-Mädchen als stimmgewaltige Soul-Schwestern bekannt. Wayne Blairs Langfilmdebüt erzählt ihre wahre Geschichte als unterhaltsames Musiker-Bio-Pic von der Stange.

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Es ist immer wieder erstaunlich, dass Filme, die angeblich auf echtem Leben fußen, stets demselben Muster folgen. Jede Biografie scheint in die Drei-Akt-Struktur der klassischen Drehbuchlehre zu passen, jeder Schicksalsschlag taugt zum Plot Point. Bio-Pics über Musiker (in den letzten zehn Jahren waren das unter anderem Filme über Ray Charles, Johnny Cash und die Supremes) machen da keine Ausnahme: die Ausnahmebegabung, vielleicht gepaart mit der Herkunft aus prekären Verhältnissen. Die mehr oder weniger zufällige Chance. Der Mentor. Der Ruhm, der zu Kopfe steigt. Konkurrenz und Eifersucht. Drogen und Sex. Die zurückgelassenen Freunde. Die künstlerische Krise. Der Triumph. Die herrliche Satire Walk Hard – Die Dewey Cox Story (2007) hat diese immer gleichen Handlungsmechanismen vor ein paar Jahren mit großem Vergnügen vorgeführt. Bio-Pics, so hätte man nach diesem Film denken können, sind tot.

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Sind sie natürlich nicht. The Sapphires, ein auf sympathische Weise unvollkommener Film, folgt derselben Formel und schämt sich nicht, eine Neuauflage der Dreamgirls (2006) zu sein. Die Sapphires haben aber einen Bonus: Es geht nicht um die weltbekannten Supremes, sondern um eine heute weitgehend vergessene Gruppe von Aborigine-Mädchen in Australien. Das Thema erweitert sich somit von der Erzählung einer musikalischen Karriere zu der sozialen Situation der Aborigines in den 1960er und 70er Jahren. Der Film beginnt mit einer Szene, in der die Mädchen als Kinder auf einem Gartenfest singen und dunkle Limousinen vorfahren, die eins von ihnen mitnehmen: Bis in die späten 60er Jahre hinein wurden Aborigine-Kinder ihren Eltern weggenommen, um sie „als Weiße“ aufzuziehen. Diese Assimilationspolitik ist heute unter dem Stichwort „Verlorene Generation“ bekannt.

The Sapphires basiert auf einem Bühnen-Musical und auf den Erinnerungen der Mutter von Co-Drehbuchautor Tony Briggs. Der Handlungsstrang der „lost generation“ nimmt aber nicht viel Raum ein, zentrale Szene ist eine Konfrontation mit der als Kind assimilierten Cousine der drei singenden Aborigine-Schwestern, eine Szene, die in vielerlei Hinsicht an den Hochglanz-Rassismus in The Help (2011) erinnert, einem der Oscar-Kandidaten des vergangenen Jahres.

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Entdeckt werden die begabten Sängerinnen auf einem Talentwettbewerb, es ist der irische Alkoholiker/Musiker Dave (Chris O’Dowd, ein verknautschter Sympathieträger), der ihre stimmlichen Möglichkeiten erkennt. Er wird ihr Manager, steckt sie in Glitzerkleider und macht im Schnelltempo eine Girl-Group aus den sehr unterschiedlichen jungen Frauen. Hier sind wir dann ganz schnell im oben erwähnten Bio-Pic-Territorium: In wenigen Montagen wird die musikalische Reifung der Sapphires gezeigt, Dave verpasst jeder der Sängerinnen ein Image („You are the sexy one!“), begleitet wird all das von einigen allgemeinen Exkursen zum Wesen der Soulmusik. Deborah Mailman als Gail sticht in dem Ensemble heraus, ihre Figur ist die einzige, die sich Daves Charakterisierungsversuchen versperrt; außer ihr sind die anderen Gruppenmitglieder (Jessica Mauboy, Shari Sebbens, Miranda Tapsell) Schauspielanfängerinnen. Gemeinsam entwickeln sie eine ganz bemerkenswerte Energie, die, mitsamt der Musik und ihren Stimmen, den gesamten Film trägt, auch über dessen Schwächen hinweg.

Dave selbst wird später wenig überraschend mit seinem Alkoholkonsum für die vorhersehbare Krise vor dem letzten Viertel des Films sorgen. Da sind die Sapphires bereits mitten im Vietnamkrieg: Ein Engagement zur Unterhaltung der Soldaten in Saigon verspricht den großen Karrieresprung. Bis dahin mag The Sapphires noch mit seinem ungewöhnlichen Thema und der kämpferischen Aufbruchsstimmung seiner jungen Protagonistinnen überzeugen. In den Vietnam-Sequenzen aber wird deutlich, dass er an seine Grenzen stößt. Sie wirken über weite Strecken, als spielten sie in einem Zeltlager statt in einem Militärcamp. Zentrale Entwicklungen wie die Boy-meets-Girl-Szene werden einfallslos durch einen körperlichen Zusammenstoß im Vorbeigehen inszeniert.

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Dennoch macht The Sapphires Spaß. Der Debüt-Langfilm von Regisseur Wayne Blair ist, was die Produktionsstandards angeht, ein weitaus bescheideneres Projekt als die großen Vorbilder Ray (2004), Walk the Line (2005) oder eben die Dreamgirls. Eben darum verlässt er sich auf seine Schauspieler und die Musik. Und tut gut daran. Irgendwann stört es nicht mehr, dass jeder Plot Point an seiner genau vorgesehenen Stelle sitzt.

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Kommentare


pegasus

Ein Film der Laune macht! Nett anzuschauen und anzuhören, durchaus mit Tiefgang, Anregungen zum Nachdenken/Nacharbeiten.

Als Musikfilm allerdings etwas flach und als Vietnamfilm dreimal flach.
Eigentlich würde man sich wünschen, wenn die Musiktitel einfach ein bissl kräftiger ausgesteuert werden. 95 Minuten ... die man gerne noch etwas verlängern würde.

Ein Film bei dem man keine Sekunde "einzunicken" droht ! :-)
Ein "GUT" kann vergeben werden ! :-)






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