The Saddest Music in the World
Der kanadische Regisseur Guy Maddin dreht seit Jahrzehnten Filme jenseits jedes Zeitgeistes. Sein neuestes Werk evoziert zum wiederholten Mal die wunderbare Welt des Stummfilms.

Woche für Woche laufen in den deutschen Kinos neue Filme an. Die meisten lassen sich leicht genau definierten Genres oder zumindest stilbildenden Produktionszusammenhängen zuordnen: In Multiplexen laufen Komödien und Actionstreifen aus Hollywood, die größeren Arthauskinos werden vom amerikanischen Independentkino und den Überresten des europäischen Autorenfilms bespielt, die Nischenmärkte teilen sich asiatische Kunstfilme und Dokumentationen oder auch kleinere einheimische Produktionen. All diese Produktgruppen verfügen über eine mehr oder weniger genau definierte Zielgruppe, die recht genau weiß, was sie vom jeweiligen Kinoformat zu erwarten hat.
Nur sehr selten finden Werke den Weg in die Lichtspielhäuser, die sich einer Katalogisierung hartnäckig entziehen und aus diesem Grund denjenigen, die zufällig über sie stolpern, wie Fremdkörper erscheinen müssen in einem System, welches eigentlich keinen Platz für sie zu besitzen scheint. Letztes Jahr nahm Wenzel Storchs Die Reise ins Glück eine solche Position ein, nun präsentiert sich The Saddest Music in the World, der neuste Spielfilm des kanadischen Kinomagiers Guy Maddin, als ein ähnliches Außenseiterwerk.

Im kanadischen Winnipeg findet während der Weltwirtschaftskrise 1933 ein Wettbewerb statt, der die traurigste Musik der Welt küren soll. Veranstalterin ist Lady Helen Port-Huntley (Isabella Rossellini), eine Mäzenin der Bierindustrie, der in Folge eines tragischen Unfalls beide Beine amputiert werden mussten. Die entscheidende Auseinandersetzung findet zwischen dem amerikanischen Broadwayproduzenten Chester Kent (Marc McKinney) auf der einen und Chesters Bruder, dem für Serbien antretenden Einzelkämpfer Roderick Kent alias Gavrilo (Ross McMillan) auf der anderen Seite statt.
The Saddest Music in the World ist auf inhaltlicher Ebene als politische Parabel lesbar. Chester verkörpert amerikanisches Kunsthandwerk in Perfektion, entwirft melodramatische, verkitschte Bühnenshows, die das Publikum durch die reine Quantität der dargebrachten Sentimentalitäten berauschen. Als Ausgangsmaterial dient prinzipiell alles, was ausreichend emotional besetzt ist, von moderner Großstadtmelancholie bis zum Massaker europäischer Einwanderer an der indigenen amerikanischen Bevölkerung. Chesters Showkonzept ist die Perversion der Melting Pot-Metapher, mit der bis heute die hybride Bevölkerungsstruktur der USA beschrieben wird. Der Broadwaygigant gemeindet in seine Künstlertruppe mithilfe des Scheckhefts Musiker ärmerer Nationen ein und entwirft mit deren Hilfe eine ebenso zuckersüße wie verlogene historiografische Melange, in der indische Bauern mit ein paar Handgriffen zu Eskimos umstaffiert werden. Parallelen zu bis heute gültigen Praktiken in der Filmindustrie Hollywoods sind nicht zu übersehen. Sein Bruder und Gegenspieler Gavrilo wird dagegen als romantischer Künstlertypus europäischer Tradition präsentiert: Selbstzerstörerisch, grüblerisch und letztlich genauso weit von der sozialen Wirklichkeit entfernt wie die verkitschte Geschichtsschreibung Chesters. Zwischen beiden Polen finden sich Beispiele authentischer Musiktraditionen, aus Schottland genauso wie aus Afrika, die innerhalb des Wettbewerbs ihrer geografischen und soziokulturellen Wurzeln beraubt werden und mit dafür sorgen, dass Lady Helens Festival stellenweise den Charakter eines Gruselkabinetts annimmt.

Diese politische Lesart ist jedoch nur ein kleiner Teil der sinnlichen Erfahrung, die The Saddest Music in the World ermöglicht. Zu allererst springt die ganz und gar eigenartige filmische Form ins Auge. Maddins Werk ist größtenteils in Schwarz-Weiss gedreht, setzt exzessiv Weichzeichner sowie andere Verfremdungsverfahren ein und wird von einem halluzinatorischen Leuchten durchzogen. Gelegentlich eingeschobene, verfremdete Farbaufnahmen und wilde Montagefolgen verstärken den hypnotischen Effekt, der von den scheinbar einer anderen Zeit – wenn nicht gar einem anderen Universum – entsprungenen Aufnahmen ausgeht. Um sich der Faszination, die von The Saddest Music in the World ausgeht, analytisch zu nähern, ist ein Rückgriff in die Filmgeschichte unabdingbar.
Maddins Arbeiten waren stets von einer Obsession für den späten Stumm- und frühen Tonfilm der Zwanziger- und Dreissiger Jahre geprägt, für das überbordende Melodrama der damaligen Plots genauso wie für ungewöhnliche Kamera- und Färbetechniken, rasante Montagen sowie spielerische Experimente auf der Tonspur. Besonders der deutsche expressionistische Stummfilm mit seinen abgründigen, schizoiden Charakteren und einem gnadenlos antirealistischen Gestaltungswillen findet sich als durchgängiges Referenzsystem. The Saddest Music in the World greift weiter aus und bedient sich nicht nur bei Murnau und Co. Ikonografisch orientiert sich Maddin oft am frühen amerikanische Tonfilm, an der ornamentalen Bildgestaltung der Werke Josef von Sternbergs etwa oder der naiv überbordenden Bildsprache früher Musicals, an welchen auch die narrative Struktur, die sich oftmals einer Nummernrevue annähert, erinnert. Dynamische Montagesequenzen evozieren dagegen die französische und russische Stummfilmavantgarde um Abel Gance und Sergej Eisenstein.

Doch die tiefsten Spuren hat auch in diesem Werk der deutsche filmische Expressionismus, Maddins Dauer- und Lieblingsthema, hinterlassen. Denn unter dem absonderlichen Musical mit politischer Grundierung brodelt eine ebenso melodramatische wie bizarre Familiengeschichte, an der die Großmeister der Weimarer Studioproduktionen ihre helle Freude gehabt hätten. Es geht um sexuelle Obsessionen, ödipale Konflikte und enttäuschte Liebe. Im Mittelpunkt aller Intrigen befindet sich die von Isabella Rossellini grandios verkörperte Lady Helen. Die Szene, in welcher die Bierbaronin mit zwei langsam zersplitternden Glasprothesen in Chesters Show auftritt, muss man gesehen haben, um sie zu glauben. Letzten Endes ist diese Sequenz jedoch nur einer unter vielen Höhepunkten in einem Film, der auch dem größten Skeptiker den Glauben an die Möglichkeiten des Kinos zurückgeben sollte.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 09.11.2006
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Film-Angaben
Titel: The Saddest Music in the World
Kanada 2003
Laufzeit: 99 Minuten
Regie: Guy Maddin
Drehbuch: Kazuo Ishiguro, Guy Maddin, George Toles
Produktion: Niv Fichman, Daniel Iron, Jody Shapiro
Darsteller: Mark McKinney, Isabella Rossellini, Maria de Medeiros, Ross McMillan, David Fox
Kinostart: 07.12.2006
DVD-Angaben
Titel: The Saddest Music in the World
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Englisch (DD 2.0/DS)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 99 Minuten
Extras: Featurette: Cowards Bend the Knee (60 min), Kurzfilme von Guy Maddin: Sissy-Boy Slap-Party (6 min), Sombra Dolorosa (7 min), A trip to the orphanage (4 min), The Heart of the World (6 min); Trailer; 16 seitiges Booklet, u.a. mit Drehtagebuch von „The Saddest...“, Interviews, etc.
Verleih ab: 02.11.2007
Verkauf ab: 02.11.2007
Copyright The Saddest Music in the World
Fotos: © Weltecho
BERLINALE 2012

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