The Sacrament

Das menschliche Antlitz des Horrorfilms.

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Auf einer von Wäldern gerahmten Freifläche hat sich eine Gruppe von Suchenden zusammengefunden, um eine eigene Welt zu erschaffen. Kriminalität, Armut, Rassismus und die zunehmende Technisierung des Lebens haben sie dazu getrieben, eine christliche und multikulturelle Alternative zur herrschenden Gesellschaft zu begründen. Ob diese sektenähnliche Gemeinde wirklich so frei und glücklich ist, wie sie behauptet, wollen zwei Reporter und der Bruder einer Bewohnerin herausfinden. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Utopien leider häufig Utopien bleiben müssen.

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Der amerikanische Regisseur Ti West zählt schon seit einigen Jahren zu den großen Hoffnungen des Horrorkinos. In einem Genre, das sich viel zu oft in grobschlächtigen Wiederholungen der immergleichen Erfolgsformeln ergeht, grenzt sich West ab, weil er klüger mit seinen Sujets umgeht und die Feinheiten der Inszenierung besser beherrscht. Mit The Sacrament gelingt es ihm, wie schon mit The House of the Devil (2009), einer nervenzerreißenden Hommage an das Gruselkino der 1970er und 80er Jahre, auch mit eng angelegtem Genre-Korsett neue Pfade zu beschreiten. Dass er sich mit seiner neuesten Regiearbeit für ein derart abgenudeltes Subgenre wie den Found-Footage-Horror entschieden hat, macht zwar zunächst skeptisch. Doch die kleinen Unterschiede im Umgang mit dieser spezifischen Ästhetik fangen schon damit an, dass der Film nicht vorgibt, ein Amateurvideo zu sein, sondern eine Reportage fürs Internetfernsehen. Im Gegensatz zu verwandten Filmen, die mit unscharfen und verwackelten Bildern ständig ihre vermeintliche Authentizität versichern, hat man es hier nicht nur mit professionelleren Kameras zu tun, sondern auch mit Leuten, die sie bedienen können. Dass der Einsatz dieser Kameras in Extremsituationen nicht immer plausibel ist, kann man dabei als Eigenheit des Genres verstehen.

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Doch auch in anderen Bereichen weiß sich The Sacrament immer wieder einen eigenen Weg zu bahnen. Am deutlichsten schlägt sich das in der Figurenzeichnung nieder. Mittels Interviews wird ein differenziertes Bild der Bewohner von „Eden Parish“ gezeichnet, das mit den Abziehbildern thematisch ähnlicher Produktionen nicht viel gemein hat. West zeigt Menschen, die vom Leben enttäuscht wurden und doch mit unerschöpflichem Lebenswillen nach vorne blicken. Sie werden nicht als Träger einer dunklen Vorahnung für das, was noch kommen wird, missbraucht, sondern bleiben eigenständig. Und dann gibt es auch noch einen Anführer, der von allen nur „Father“ genannt wird und sich bei seinem ersten Auftritt eben nicht als rauschebärtiger Erlöser erweist, sondern als charismatischer älterer Herr mit Vintage-Brille, der mit seiner zeitgemäßen Auslegung des Christentums und seiner spirituellen Sozialarbeit nicht nur die Reporter, sondern auch die Zuschauer überzeugt.

Irgendwann – das verlangen die Regeln des Horrorfilms – muss es freilich eine Wendung geben, bei der sich das harmoniesüchtige Utopia als recht totalitärer Zwergstaat erweist. Aber selbst als die Spannungsschraube angedreht wird und die ersten Körper zu Boden sinken, schöpft West nicht jede Möglichkeit aus, um Dramatik zu erzeugen. Der Horror bleibt fest in der Wirklichkeit verankert, und zum Showdown kommt es in der so gar nicht gruseligen Mittagshitze. Natürlich muss The Sacrament auch die Konsequenzen für diesen Realismus tragen: So mitreißend wie er sein könnte, ist er letztlich nicht.

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Ein ganz anderer Bezug zur Wirklichkeit gerät dagegen zum regelrechten Ärgernis. Die Reporter kommen nämlich nicht von einem fiktiven Medium, sondern vom tatsächlich existierenden Vice Magazine. Dort gibt es zweifellos schöne Fotostrecken zu sehen und auch einige lustige Artikel zu lesen, überwiegend gerät die Zeitschrift aber zum Ventil für gelangweilte, bürgerliche Söhnchen, die der Welt mit Nachdruck beweisen wollen, wie unangepasst und krass sie sind. Insbesondere die reißerischen und zynischen Reportagen machen Vice zu einer Art Bild-Zeitung für Hipster. Dass ausgerechnet dieses Magazin als seltenes Beispiel für ehrlichen Journalismus und seine Autoren als selbstlose Kämpfer für die Wahrheit inszeniert werden, wirkt dann doch wie ein schlechter Scherz. Schade um einen talentierten Regisseur und einen Film, der zwar eine eigene Kontur hat, aber leider an der falschen Stelle mit seinem Realismus geizt.

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