To Rome with Love

Woody Allen ist auf seiner Touristenreise durch Europa in der Ewigen Stadt angekommen und nutzt sie als Kulisse für einen vergnüglichen, wenn auch nicht großartigen Reigen kleiner Geschichten.

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Man muss sich die Arbeitsweise des unfassbar produktiven Regisseurs Woody Allen vielleicht ungefähr so vorstellen: eine Schublade mit Hunderten von Zetteln, auf denen jeweils eine Idee notiert ist, eine Schere und viel Kleber. Wenn die Zeit für einen neuen Film gekommen ist, und das ist bei ihm nach wie vor einmal im Jahr der Fall, dann setzt der Meister sich hin, durchstöbert seine Zettelwirtschaft und sucht nach passenden Elementen (zumindest einigermaßen passenden), die sich zu einer Story verbinden lassen.

Seit der aufwändige Dokumentarfilm von Robert Weide über den Komiker, Autor und Regisseur zu sehen ist, wissen wir, dass es genauso tatsächlich ist. In einer Szene sitzt Allen da auf seinem Bett, vor sich ein Wust an gelben Zetteln, die er zuvor aus einer Schublade hervorgekramt hat. „Ich habe noch nie jemanden so schnell schreiben sehen“, sagt ein Produzent an anderer Stelle in dem Film.

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Allens neuestes Werk – sein 43. Kinofilm als Regisseur und Autor – wirkt wie eine Illustration dieser Arbeitsweise. Anders als in Midnight in Paris (2011) findet er dieses Mal für sein disparates Material keine große gemeinsame Geste. Die einzelnen Papierschnipsel sind noch zu erkennen und knistern zuweilen recht laut, wobei Allen souverän genug ist, aus der Not eine Tugend zu machen. To Rome With Love ist ein Omnibus-Film eines einzigen Regisseurs, eine Sammlung von vier Geschichten, die nebeneinander herlaufen und nur ihren Handlungsort – nach London, Barcelona und Paris nun eben Rom – gemeinsam haben. Die Geschichten sind dabei inhaltlich nicht verbunden, lediglich mittels Schnitt miteinander verwoben. Das mag alles ein bisschen Woodys Resterampe sein, aber für gewitzte 110 Minuten reicht es allemal.

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Vier Geschichten also. Da Allen sich mit Figurenentwicklung und dramaturgischen Herleitungen heutzutage nicht mehr lange aufhält, kommt die Sache gleich in Gang: Eine amerikanische Touristin fragt einen Römer nach dem Weg, einen Schnitt später sind sie verlobt. Beide sind aber gar nicht die Hauptfiguren dieser Geschichte, das sind vielmehr ihre anlässlich der bevorstehenden Hochzeit zum ersten Mal aufeinandertreffenden Eltern – unter anderem Allen selbst als Opernregisseur in einer künstlerischen Krise (ein fernes Echo seiner Fellini-Hommage Stardust Memories von 1980). Alec Baldwin ist als amerikanischer Architekt zu sehen, der sich an ein Erlebnis seiner Jugendzeit in Rom erinnert; Jesse Eisenberg spielt dabei in einem nie ganz geklärten Verhältnis zur Realität eine ähnlich tragische Liebesgeschichte nach, in dessen Zentrum eine egozentrische (Ellen Page) und eine grundanständige (Greta Gerwig) Frau stehen. Penélope Cruz bringt als Edelprostituierte das biedere Familienleben eines jungen Ehepaares aus der Provinz durcheinander, eine turbulente Geschichte, in der das Tür-auf-Tür-zu-Geschehen einer Boulevardkomödie das wichtigste gestaltende Prinzip ist (ein Stilelement übrigens, das am besten in Whatever Works (2009) zur Geltung kam, einem der schönsten späten Woody-Allen-Filme).

Die einzige wirklich schwache, weil schnell redundant wirkende Episode in To Rome With Love ist die über den von Roberto Benigni gespielten römischen Jedermann, der sich ohne Grund plötzlich im Mittelpunkt des medialen Dauerzirkus wiederfindet und vor den Paparazzi davonlaufen muss. Als sehr allgemeine und nicht mehr sehr originelle Kritik am Verdummungs-Effekt des Fernsehens, der Sucht nach Promi-Klatsch und der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit dürfte diese Idee so manche Jahre ungenutzt in der Allen’schen Schublade verbracht haben.

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Darüber trösten der Anblick der hemmungslos touristisch gefilmten Kulisse Roms und die Riege großartiger Schauspieler (wie immer alphabetisch aufgelistet) aber mühelos hinweg. To Rome With Love zählt gewiss nicht zu den besten Woody-Allen-Filmen. Aber was heißt das schon? Nach dem in jeder Hinsicht vollständig wundervollen, magischen Midnight in Paris aus dem vergangenen Jahr kann man sich ruhig einmal mit Woody Allens Zettelwirtschaft vergnügen.

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Kommentare


R. Felscher

Merkwürdig: Die wunderbare Opernparodie mit dem Tenor, der nur unter der Dusche gut ist, weshalb die Inszenierung entsprechend aussehen muß, scheint Ihrem Kritiker völlig entgangen zu sein, obwohl sie doch mit das Hinreissendste in diesem Film war.


Thorsten

Da ist mir nix entgangen. Aber man muss ja auch nicht alles gleich verraten, oder?






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