The Road

Alles ist eins, alles gleich real. Ein autobiografischer Bewusstseinsstrom.

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Wenn zwei Attraktionen miteinander um die Gunst des Publikums konkurrieren, gewinnt in der Regel das größere Spektakel. Im Kino heißt das: Es gibt Filme, auf die der Betrachter zugehen und sich selbst einbringen muss, und Filme, deren Schönheit leichter zu erkennen ist und die von ganz alleine ihrem Zuschauer entgegenkommen. Gegen Ende von The Road (Jol, 2001) erinnert sich der Protagonist an eine Szene aus seiner Kindheit, in der diese Unterscheidung im Alltag deutlich wird. Es ist der erste Schultag, und die Lehrerin möchte ihre Klasse für diesen besonderen Augenblick sensibilisieren. Mit geschlossenen Augen sollen die Schüler tief durchatmen, sich den Geruch der frischen Wandfarbe einprägen und bewusst machen, dass nicht nur sie, sondern auch viele andere Kinder zur selben Zeit ihren Schulanfang erleben. Doch dann hat der Moment der Ruhe ein Ende. Der erste Schnee fällt vom Himmel, und plötzlich stürzen alle Kinder ans Fenster, um dem beeindruckenden Schauspiel beizuwohnen.

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Die Filme des kasachischen Regisseurs Darezhan Omirbayev gleichen eher der Erzählung der Lehrerin als den durch die Luft wirbelnden Schneeflocken. Sie wollen sich nicht aufdrängen oder gar überwältigen. Vielmehr muss man sich auf sie einlassen, sie aufmerksam beobachten und warten, bis sich ihre Faszination langsam entfaltet. Natürlich weiß Omirbayev um die Natur seiner Filme, so explizit wie in The Road hat er seine Position aber noch nie reflektiert. Die Hauptfigur – der vom tadschikischen Filmemacher Jamshed Usmonov verkörperte Amir – trägt deutliche Züge von ihm: ein Regisseur, der versucht, Unabhängigkeit und künstlerische Integrität zu bewahren, und genau deshalb ans Scheitern gewöhnt ist. Es ist ein sympathischer Zug Omirbayevs, dass er mit teilweise satirischem Unterton auf seinen Protagonisten blickt, statt ihn zum Märtyrer im Auftrag der Kunst zu stilisieren. Amir hat zwar zweifellos ein ehrenhaftes Anliegen, ist selbst aber auch ein ziemlicher Kotzbrocken, der seinen Sohn vernachlässigt, seine Frau betrügt und für seine Arbeit über Leichen geht.

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The Road erzählt keine lineare Geschichte, sondern funktioniert wie ein Bewusstseinsstrom seiner Hauptfigur. Den narrativen Rahmen bildet eine Autofahrt in die Provinz, um noch einmal die sterbende Mutter zu besuchen. Dabei ist nicht nur der Weg das Ziel, auch das Faktische scheint für Omirbayev das am wenigsten Interessante zu sein. Erinnerungen, Träume und Gedanken, Vergangenheit und Gegenwart, Eingebildetes und Erlebtes gehen unmerklich ineinander über. Alles ist eins, alles gleich real. Der Film folgt einer demokratischen Form von Dramaturgie, in der die Realität eben nicht das Entscheidende ist, und unterscheidet die verschiedenen Bewusstseinsebenen nicht einmal ästhetisch voneinander. Wenn etwa ein Traum einsetzt, gibt es weder Weichzeichner noch hypnotische Musik, um einen Übergang zu markieren. Einmal kommentiert Amir sinngemäß, das Prinzip der Montage sei ein Kombinieren von Elementen, die eigentlich nicht zusammengehören. The Road praktiziert diese Äußerung fast als Dogma: Ständig werden Bilder miteinander verknüpft, ohne dass sich ihre Herkunft genau bestimmen lässt.

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In den Zwischenbereichen, fern von eindeutigen Kategorien fühlt sich Omirbayev am wohlsten. Nicht nur dort, wo sich Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten lassen, sondern auch in der Verschmelzung des Regisseurs mit seinem Alter Ego. So plant Amir in Gedanken einen Film, bei dem es sich um eine schwarzweiße und mit anderen Schauspielern besetzte Rekonstruktion von Omirbayevs Killer (Tuer à gages, 1998) handelt. Behutsam tastet sich der Film mehrmals an die Entstehung einer Szene heran, lässt Erlebtes von Amir in die Fiktion einfließen und zeigt letztlich auch, wie sich mit nur leichten Variationen Erzählton und Bedeutung eines Films verändern lassen.

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Obwohl man sich nie verloren in der freien Erzählweise von The Road fühlt, enthält einem der Film doch konsequent die Übersicht vor. Nicht nur weil er keine klaren Trennlinien zwischen unterschiedlichen Erzählebenen zieht, sondern auch auf visueller Ebene. Besonderer Ausdruck dafür ist Omirbayevs Vorliebe für Detailaufnahmen. Oft werden nur Ausschnitte gezeigt – etwa eine Hand, die eine Autotür öffnet –, aber keine Totale, die eine genaue, räumliche Zuordnung der Figuren in ihrer Umgebung zulassen würde. Es ist ein Kino, das nur das Notwendigste zeigt, mit Auslassungen arbeitet und den Zuschauer die Lücken füllen lässt.

Das ist dann auch schon die „Arbeit“, die man bei The Road leisten muss. Sie erledigt sich zwar fast von selbst und bereitet auch mehr Spaß als Mühe, an der nach wie vor dürftigen Popularität von Omirbayevs Filmen wird dieser Umstand aber wohl nichts ändern. Der Regisseur selbst scheint es mit Humor zu nehmen, zumindest wenn man nach einer Traumszene geht, die direkt an die Rückblende in die Schulzeit anschließt. Diesmal malt sich der erwachsene Amir die Premiere seines neuen Films aus. Das Kino ist voll, und auch die Dame am Mikrofon hat nur lobende Worte für den Regisseur, doch als der Vorführer aus Versehen einen chinesischen Kung-Fu-Streifen einlegt, ist das Publikum derart angetan, dass es doch lieber den falschen Film zu Ende sehen möchte.

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