The Road

Die Hüter der Flamme: In John Hillcoats Adaption des preisgekrönten Endzeitromans von Cormac McCarthy kämpfen Vater und Sohn ums Überleben und um den Erhalt ihrer Menschlichkeit.

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Dystopische und skeptisch-utopische Sujets erleben in letzter Zeit im Kino eine spürbare Konjunktur. So beispielsweise zuletzt in Albert und Allan Hughes’ messianisch überformtem Postapokalypsewestern The Book of Eli (2010). Galt es da, eine kodifizierte Ethik in Form der Bibel vor den –genretypischen – barbarischen Rockerbanden zu retten, liegen die Dinge in John Hillcoats Literaturadaption von Cormac McCarthys mit dem Pulizer-Preis ausgezeichnetem Endzeitroman The Road um einiges einfacher und um vieles ärger:

Denn in The Road (2009) stehen Ethik, Moral und Menschenwürde längst nicht mehr zur Disposition. Hier geht es einzig ums nackte Überleben. Nach einer nicht näher erklärten globalen Katastrophe liegt die Welt im Sterben: Pflanzen sind ausnahmslos verbrannt, sämtliche Tiere verendet, es regnet Asche, Feuer und Erdbeben wüten, es herrschen Dunkelheit, Kälte und bestialischer Kannibalismus. Töten und fressen oder getötet und gefressen werden – das ist die einfache Regel dieser Welt ohne Erbarmen, wo Menschlichkeit und selbst ein friedvoller Tod Luxus sind. Und, was besonders verstörend für einen Mainstreamfilm sein mag: The Road bietet keinen Ausweg, keine Heilsverheißung und keinerlei Hoffnung.

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Durch diese entmenschte Wüste bahnen sich zwei Wanderer ihren Weg: ein namenloser Mann (Viggo Mortensen) und sein etwa zehnjähriger Sohn (Kodi Smit-McPhee). Womöglich – so der Mann im selbstreflexiv-kontemplativen Voice-Over-Kommentar– ist es gerade Oktober, das weiß er aber nicht genau. Er weiß nur, dass beide den nächsten Winter in der Kälte nicht überleben werden. Sie sind unterwegs nach Süden zur Küste. Einen Grund für die Reise gibt es nicht. Nur die vage Hoffnung, dass es im Süden wärmer ist und dass man Menschen trifft, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben. Der Junge,  so der Vater,  sei seine Daseinsberechtigung. Und wenn der Junge nicht das Wort Gottes sei, dann habe Gott nie gesprochen. Der Mann hat einen Revolver und zwei letzte Kugeln: eine für seinen Sohn, die andere für sich selbst. Seit Jahren trägt er ihn bei sich. Er erklärt dem Jungen, wie man ihn verwendet, um sich sicher zu töten, wenn es so weit sei. Und wenn der kleine Junge die Frage nach dem Warum stellt, erklärt der Vater, dass es um die Flamme gehe, die beide in sich tragen und durch ihre bloße Existenz hüten. Mehr metaphorischen Lebensmut kann der Vater dem Sohn nicht geben.

Joe Penhalls Drehbuchadaption des kargen und beklemmenden Textes von Cormac McCarthy setzt auf die Macht der Bilder. Hier wird gezeigt, worüber sich der Leser nur schwer eine Vorstellung machen mag: Das Grauen liegt wie ein nebelhafter Schleier über jeder Szene, die Bedrohung lauert hinter jedem Autowrack.  Wie der Text verweigert sich auch der Film einer handlungsgetriebenen Dramaturgie, und wie schon in seinem vielbeachteten Western The Proposition – Tödliches Angebot (The Proposition, 2005) inszeniert John Hillcoat das Unsägliche mit einer verstörenden Beiläufigkeit. Der Schrecken ist in Hillcoats The Road omnipräsent, der Kampf ums Überleben ist der Generator einer fortgesetzt angespannten und bedrückenden Atmosphäre. Die Bildsprache ist einfach, die Kamera von Javier Aguirresarobe verweigert sich bildgewaltigen, CGI-basierten Showeffekten und beschränkt sich vor allem auf die Beschreibung der (großteils an verfallenen Originalschauplätzen gedrehten) sterbenden Welt.

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Die Inszenierung reduziert vor allem das narrative Tempo, sodass die karge Handlung von Episode zu Episode geradezu kriecht. Dem unerträglichen Dauerzustand des über den Protagonisten schwebenden Verderbens setzt John Hillcoat die zärtliche Zuwendung des Vaters zu seinem Sohn entgegen, ebenso lockern kleine Lichtblicke wie das Auffinden eines Verstecks mit Essen die beklemmende Spannung zwar vorübergehend auf, jedoch bleibt hiervon natürlich nichts von Bestand.

Wenn die Protagonisten in einem Kellerverschlag eine Gruppe halbverhungerter nackter Menschen finden, die offensichtlich als Schlachtvieh gehalten werden, erreicht der Film einen seiner verstörenden Höhepunkte. Auch wenn der Junge – als repräsentative Instanz eines naiven Altruismus – beseelt ist von der Idee, anderen Menschen in Not zu helfen, wird der Vater dies unterbinden und die rettende Flucht antreten. Und wenn der Vater wiederum einem Wegelagerer sämtliche Habseligkeiten abnimmt, dann schickt er ihn wissentlich in einen schrecklichen Tod, denn in dieser Welt ist kein Raum mehr für gute Taten – die Preisgabe der Menschlichkeit erfolgt schleichend.

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Hillcoat und Penhall wissen um die Grenzen des im heutigen Mainstreamkino Machbaren und Notwendigen, weshalb sie auch auf die drastischste Episode der literarischen Vorlage, in der Eltern ihr Neugeborenes verspeisen, verzichten. Denn das Interesse gilt nicht der Darstellung von Gore-Effekten, sondern der Verteidigung der Menschenwürde in der kleinsten sozialen Einheit, der Familie. In der zärtlichen Vater-Sohn-Beziehung spiegelt sich auch die Liebe zur – ebenfalls namenlosen – Mutter (Charlize Theron) wieder. Von ihr und ihrem Zerbrechen erfahren wir in kurzen Rückblenden, die als Traum oder situativ induzierte Erinnerung des Vaters mehrfach den archaisch wirkenden Erzählfluss unterbrechen.

Dass The Road als Kammerspiel zwischen Vater und Sohn so dicht und so überzeugend funktioniert, verdankt der Film zu einem großen Teil der enormen schauspielerischen Leistung von Viggo Mortensen, dem die Gratwanderung zwischen Verzweiflung, Selbstaufgabe, Mobilisierung und Verteidigung des Menschlichen derart überzeugend gelingt, dass sein psychischer Ausnahmezustand für den Zuschauer geradezu physisch spürbar wird.

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Einzig die Musik von Nick Cave und Warren Ellis stört das Gesamtbild, da sie trotz aller Reduziertheit mit überflüssigen Lyrismen weitere Emotionalität in die Bilder und Momente lädt, die an sich schon stark genug wären. So kommt der Eindruck auf, der Film wolle sich seiner Wirkungen beim Publikum rückversichern. Und das ist gefährlich, denn The Road driftet hierdurch zuweilen in Richtung Tearjerker. Doch das gerät ob der beklemmenden Intensität dieses schwierigen Films recht schnell in Vergessenheit.

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Kommentare


Mueller Nelly

Ich habe gestern den Film am Filmfestival in Zuerich gesehen, dh. ich habe nach 45 Minuten das kino verlassen weil ich mir diese Endzeit so schlicht nicht vorstellen will und kann. Die Filmkritik stimmt mit meinen Gefühlen überrein. ich bin enttäuscht von der Direktion des Festivals, dass dieser Film als Ueberraschungsfilm gezeigt wurde. das nächste Mal werde ich mich vorher besser informieren....


juergen

Anders als Robert Zimmermann halte ich "The Road" für wesentlich stimmiger als "The book of Eli". Das mag wohl an McCarthys Epos liegen. Film und Buch riechen in diesem Fall weniger penetrant nach jenem fundamentalistisch geprägten "American way of life".


dbase

Dieser Roman hat soviel potenzial und leider versagt diese Verfilmung kläglichst auf ganzer Linie. Es wird versucht, auf einen scheinbar 1qkm Areal eine Endzeitstimmung zu produzieren, welche durch angedeuetete Grausamkeiten (Kanibalismus, Raub usw.) untermauert werden soll. In dieser Gegend versuchen Vater & Sohn Nahrung zu finden (was 1*sogar glückt) und der Rest des Films wird durch sinnfreie Sätze und Unterhaltung der Protagonisten versucht am (über)Leben zu halten.
Fazit meinerseit: Operation misslungen, Patient Tod.


abel

Ich folge der Kritik an Caves Filmmusik nicht. Sie schafft letztlich die Distanz,die
unsere emotionale Beteiligung angesichts des geschilderten Infernos übersetzen muss.
Und sie versichert uns unserer eigenen Menschlichkeit, die die Bilder des Filmes gleichsam in Frage zu stellen imstande sind. Insofern gelingt Nick Cave meisterhaft, was der Film sonst,und das ist wohl das eigentlich Verstörende, nicht geschafft hätte: Den Zuschauer unmissverständlich zu den Guten gehören zu lassen, der brutalen Logik des Überlebens die überwältigende und letztlich einzig bewahrende Macht der menschlichen Regung entgegenzusetzen. Daran ist nichts gefährlich,im Gegenteil.


Guanin

Das an diesem Film sehr viel Kritik auszusetzen ist ist offensichtlicht, da er nun mal hauptsächlich aus 2 Protagonisten und einer einsitigen und verelendeten Umgebung besteht. Doch dies finde ich verdeutlicht die Situation und die Emotion der Figuren in dem Film umso besser. Er wirkt einseitig und vielleicht ein bisschen langatmig aber er zeigt uns nun mal eine Welt, wie sie tatsächlich in Zukunft sein könnte und da es in dieser Welt nichts anderes als die Beziehung zu einem Menschen gibt, finde ich diese hervorhebung passend und angebracht. Beide haben mich überzeugt und mir die Situation nahe gebracht, dass einzige was ich kritisiere ist die Übermittlung zu weniger Informationen über die Umstände und der Situation des Filmes


Bernhard

Der Film zeigt großartig, wie Leben (das Feuer am brennen halten), auch in den schrecklichsten Umständen möglich ist. Es genügt eine wahre Beziehung, um menschlich zu bleiben (Vater -> Sohn), so dass Menschlichkeit sogar wachsen und zurückstrahlen kann ( Sohn <- Vater).
Gott sei dank hat der Film wenig effekte. Der Film ist nicht hoffnungslos, auch wenn viele Hoffnungslosigkeit gezeigt wird (besonders die Mutter) Im Opfer einer wahren Beziehung wird Leben ermöglicht, auch wenn es das eigene Leben kostet. Gibt es eine größere Liebe als die, wenn ein Freund (Vater) sein Leben hingibt für den Freund.


Boblaczek

Ich möchte auch ein ganz schlaues Kommentar abgeben, kann aber nicht, da ich nur eine sehr geringe Schulbildung habe. Die Kritik des "Tearjerkers" muss sich der Film aufgrund der fast schon kitschigen Untermalung leider gefallen lassen. Solch eine Begleitung hätte man bei "das Streben nach Glück" erwartet, aber nicht in einem emotional ohnehin schon so angespannten, psychischen Ausnahmezustand. Mortensen brilliert, die Fragen des Jungen nach dem Erhalt der eigenen Menschlichkeit, als Transportmittel einer parallel laufenden Aktualisierung des gegenwärtigen Standes ihrer eigenen moralischen Orientierung, erschien mir fast etwas plump. Als hätte Hillcoat es nötig, einen "You are here" Pin in die Strukturelle Landkarte des Films zu stechen und diese als eine Art Meilenstein am Wegesrand entlang der Handlung aufzustellen. Trotzalledem ein toller Film - gerade durch die Reduktion sehr gelungen und sehenswert.


Uwe

Ich fand den Film total toll!


mahlzeit

Ich kann mich dem negativen Statement an der Filmmusik nicht anschließen. Wir waren vollkommen unvorbereitet in "The Road" und der Film ist mir musikfrei in Erinnerung geblieben. Übrigens derart intensiv in Erinnerung wie bisher kaum ein Film!


dreamer

Der Film war ein Knaller, was habt ihr verdammt nochmal gegen Tearjerker, welcher Film hat vergleichbares Potential?


SenorTorte

Die bedrückende Atmosphäre des Films, die vielen Fassetten der Darsteller und das reifen des Sohns zum potenziell eigenständig Überlebenden, kann man wohl kaum als „Tearjerker“ bezeichnen.
Der Streifen schafft das, was er wohl schaffen soll, er regt zum nachdenken an. Eine solche Endzeitgesellschaft macht Angst und das soll sie auch. Durch das Verschweigen der Gründe der Katastrophe wird man sensibilisiert. Ich habe die ganze Zeit versucht zwischen den Zeilen zu lesen, um vielleicht doch Hinweise auf den Ursprung der Apokalypse zu erhaschen.
Der Regisseur kommt fast ohne detailliert gezeigtes Knochenzermanschen und Schädelzertrümmern aus und sorgt trotzdem für Gänsehaut. Mit Sicherheit hätte man die eine oder andere Szene kürzen, eine andere ausführlicher gestallten und mehr Spannung erzeugen können. Die Frage die sich stellt ist, wollte man das?


Philip

Der Film ist meiner meinung nach so abgrundtief traurig, dass ich mich wundere wie man es nur schaffen kann so etwas überhaupt zu Drehen. Er zeigt die Perversion zu den Menschen in der Lage sind, wenn es drauf annkommt und man ums Überleben Kämpfen muss. Mich stören nur so dermaßen die ganzen offenen Fragen die der Film hinterlassen hat auch wenn einige Finden es ist unwichtig, ich hätte den Film viel Interresanter gefunden wenn ein bisschen mehr Hintergrundwissen geflossen wäre z.B. was für eine Katastrophe, warum es Menschen überlebten usw...

Wirklich zu schade der Film hätte viel mehr Potenzial gehabt, aber was will man machen wenn man sich 1 zu 1 an das Buch hält, welches übrigens eines der besten ist die ich je gelesen habe!


Gerry

Ich finde es nicht fair wenn Leute immer wieder mit dem Argument kommen: Das Buch ist um Längen besser als der Film". Bücher sind grundlegend immer besser da die Einbildungskraft jedes Einzelnen aus dem gelesenen einen "eigenen" Film macht während des Lesens. Kommt es dann zur Verfilmung, wird dies natürlich alles über den Haufen geworfen. Und man kann nur sehr selten einen Film genauso drehen wie ein Buch geschrieben ist, ansonsten würde man ein Buch in 2 Stunden gelesen haben müssen. Ausnahmen sind Kurzgeschichten, die dann verfilmt werden.Ich hab das Buch zu "The Road" nicht im Vorfeld gelesen und fand den Film sehr gut, wohl stellenweise etwas langatmig, aber dennoch genial gelungen. Endlich mal keine Zombies wie in anderen Endzeitstreifen. Ich würde ihn mit "The Book of Eli" auf eine Stelle setzen.


Andy

Also ich finde den Film echt Gu .
Aber ich finde ja auch "The book of Eli"gut.
Da ich ja gern die Endzeitstreifen Schaue und auch ein Fallaut Spieler bin .


Sahneschnitte

Der Film schreit förmlich nach einer Fortsetzung. ;)

Der Tod von V.M. im Film, man übelst traurig


Ben

Bin nach 1/2 std. eingeschlafen. Da wurden über 2 std. Filmrolle gefüllt mit in die Länge gezogenen Handlungen welche eher für einen spannenden Kurzfilm gepasst hätten. Schade um das Geld und die Schauspieler!


Sub Zero

Ähnliches wie "The Road" hab ich noch nie zuvor gesehen. Geniales Kino. Eine tour-de-force absolut erdrückender Szenen. Schön, wenn man auch diesen Gefühlen etwas abgewinnen kann.

10/10






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