The Report

Wer berichtet, für wen und worüber? Abbas Kiarostamis Frühwerk ist Zeitdokument eines Iran im Umbruch und Übung in enigmatischem Realismus.

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Eine Schreibmaschine tippt die Vorspanncredits, sie steht wohl in einem der Büros jener Behörde, in denen Mahmoud Firouzkoui, die Figur im Zentrum von Abbas Kiarostamis Frühwerk The Report (Gozaresh), seinem Tagwerk nachgeht. Leicht ins Kafkaeske überzeichnet wirkt diese Behörde, aber wahrscheinlicher ist es, dass die Bürokratie im Iran der späten 1970er Jahre einfach so war, wie sie Kiarostami hier skizziert. Mahmoud arbeitet dort als Steuereintreiber, der die offensichtlich beträchtlichen Möglichkeiten zur Vorteilsnahme ein entscheidendes Weniges überstrapaziert haben mag – oder auch nicht: Der Beschuldigte selbst streitet die Vorwürfe ab, wird dennoch zur Rechenschaft gezogen, und der Film interessiert sich nicht weiter dafür.

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Kiarostami inszenierte The Report 1977, gewissermaßen am Vorabend der Islamischen Revolution, die zwei Jahre später die keimende demokratische Kultur des Landes im Keim ersticken sollte. Vom Entstehungsjahr des Films aus betrachtet sah hingegen vieles noch hoffnungsvoll aus: Schah Mohammad Reza Pahlavi hatte, auch auf Druck des neuen US-Präsidenten Jimmy Carter, die Agenda des Offenen politischen Raums ins Leben gerufen und umfangreiche Reformen des Wahlrechts, der Presse- und Versammlungsfreiheit sowie die Abschaffung der Zensur in Aussicht gestellt – und damit die konservativen religiösen Strömungen unter dem geistlichen Einfluss des seinerzeit im Exil nahezu vergessenen Ayatollah Ruhollah Chomeini sämtlich gegen sich aufgebracht. Die Öffnung des politischen Raums führte somit in der Gegenreaktion letztlich zur Erstarkung der islamischen politischen Kräfte und somit zum Sturz des Schahs und der Neuerrichtung des Iran als Gottesstaat.

Von einer wesentlichen Rolle religiöser Dogmen freilich ist in The Report noch nichts zu spüren, von der allgegenwärtigen, jedoch kaum greifbaren Drohung eines gesellschaftlichen Zerfalls hingegen umso mehr. Kiarostami zeichnet ein Porträt eines Iran, das heute fremd wirken muss – oder doch eher: erstaunlich vertraut. Jedenfalls die Männer in diesem Film, beamtete Vertreter eines säkularen Bürgertums allesamt, pflegen einen wenig gottesfürchtigen Lebensstil und verbringen ihren Feierabend mit Vorliebe in schummrigen Casinos, bei Schnaps und Glücksspiel und in der Gesellschaft freizügiger Damen.

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Auch eine weibliche Emanzipation deutet sich an, als Mahmouds Ehefrau (Shohreh Aghdashloo, die später in Vadim Perelmans ansonsten furchtbar prätentiösem Arthouse-Melodram House of Sand of Fog (2003) glänzte), genervt von der ständigen Abwesenheit und dem Macho-Gestus des Gatten, sich anschickt, diesen mit der gemeinsamen Tochter umstandslos sitzen zu lassen. So weit aber, dass dies auch narrative Realität werden kann, ist die beschriebene und in ihren unvermeidlichen Umbrüchen orientierungslos gewordene Gesellschaft dann doch noch nicht – gegen Ende kippt The Report, nach zahllosen immer heftiger werdenden Disputen zwischen den unglücklich aneinander gebundenen Eheleuten, in einen Ausbruch häuslicher Gewalt und einen Suizidversuch.

Der Fokus der Filmerzählung hat sich in diesem Augenblick längst verschoben, von der Bürokratie der iranischen Steuerbehörden, ihrem patriarchalen Filz und ihren kleinen und großen Korruptionen hinein ins Privateste: die Familie. Oder, eher noch: die Zweierbeziehung, ist doch das Kind hier kaum mehr als ein ständig plärrendes (und, in einer der entscheidenden Sequenzen des Films dann gar noch versehentlich, aber dafür mit einigem Symbolgehalt durch den gepackten Koffer der Mutter zu Boden geschlagenes) Anhängsel des Ehepaares, das viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt scheint, um sich weiter um den Nachwuchs zu sorgen.

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In dieser Verschaltung von Privatem und Politischem, von Familienmelodram und Gesellschaftsporträt steckt vielleicht ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis von The Report – ein Schlüssel, der durchaus vonnöten scheint, denn dem einem eher spröden Realismus verpflichteten Erzählgestus dieses Films zum Trotz ist darin eigentlich nichts so einfach zu dechiffrieren, wie es dem oberflächlichen Betrachter erscheinen mag. Was genau hat es auf sich mit dieser zentralen Verschiebung des filmischen Erkenntnisinteresses? Ist Mahmoud wirklich korrupt, und wenn ja, was genau bedeutet das für seine Rolle als Möchtegern-Familienoberhaupt? Kommunizieren diese beiden Dimensionen seiner Person und der Filmerzählung überhaupt miteinander? – Und dann noch dieser knappe, scheinbar klare Titel des Films: The Report, gut, aber: Was wird hier überhaupt berichtet, von wem, und, nicht zuletzt: mit welchem Resultat?

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